Daniel Kosch

In der Schule des Hörens lauert die Erkenntnis

In letzter Zeit begegnen mir verschiedentlich Texte und Formulierungen, die auf die Bedeutung des «Hörens» aufmerksam machen.

  • Besonders angesprochen hat mich der Titel einer Konzertkritik in der NZZ: «In der Schule des Hörens lauert die Erkenntnis».
  • Eva-Maria Faber transformierte vor einigen Tagen in einem Beitrag über die Jugendsynode den klassischen Dreischritt «Sehen – Urteilen – Handeln» in «Hören – Unterscheiden – Wählen».
  • Ein kürzlich wiedergelesenes Gedicht von Nelly Sachs beginnt «Lange haben wir das Lauschen verlernt» und endet mit dem Aufruf «An die Erde das lauschende Ohr, / Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch / Werdet ihr hören / Wie im Tode / Das Leben beginnt».
  • Die Bibel sagt ganz elementar «Hört, so werdet ihr leben» (Dtn 4,1), erzählt, dass der grösste Wunsch des weisen Salomo ein «hörendes Herz» ist (2Kön 3,9) ist, und erinnert daran, dass «der Glaube vom Hören» kommt (Röm 10,17).

Angesichts der Häufung dieses Stichwortes wurde mir bewusst, dass die Aufforderung zu «hören» in einem starken Kontrast zu meinem Alltag steht, in dem das Sprechen, das Schreiben, das aktive Kommunizieren einen viel grösseren Stellenwert hat.

«Wir gehen»

Dass meine (und nicht nur meine) erste Reaktion auf Aktualitäten und neuen Ärger in der Kirche fast immer eine andere ist, ging mir auch durch den Kopf, als ich nochmals über den Austritt der sechs  prominenten feministischen Frauen nachdachte, die letzte Woche erklärt hatten: «Wir gehen» .

Zwar muss reagiert werden ...

In unserer Kommunikationsgesellschaft geht es nicht anders, als dass darauf reagiert werden muss – und zwar auch von jenen, die diese Entscheidung sehr ernst nehmen, sie bedauern und sich die Frage stellen, was sie jenen zu sagen hat, die bleiben und auch jenen, die in der Kirche Entscheidungen zu treffen haben. Es macht durchaus Sinn, dass der Schweizerische Katholische Frauenbund oder auch die Zürcher Synodalratspräsidentin rasch das Wort ergriffen haben, um ihre Betroffenheit zu formulieren.

… aber das nachdenkliche Hören bleibt wichtig

Trotzdem scheint mir gerade in diesem Fall nach den ersten Reaktionen das aufmerksame und nachdenkliche Hören nun mindestens so wichtig wie das Sprechen, Agieren und Reagieren. Und dies in einem doppelten Sinn:

  • Wichtig bleibt auch nach ihrer Erklärung «Wir gehen» das Hören auf diese Frauen (und auf andere, die ähnlich denken und empfinden, ohne die gleichen Konsequenzen zu ziehen). Denn ihr Communiqué ist nicht das Einzige und auch nicht das Letzte, was sie zu sagen haben.
  • Und wichtig bleibt – im Sinne des erwähnten Dreischritts «Hören – Unterscheiden – Wählen» – dass die Kirche in dieser Situation der Krise, die neben dieser Austrittsentscheidung viele andere gravierende Symptome hat,  in einem sehr fundamentalen Sinn das tut, wozu das letzte Buch der Bibel die existenziell bedrohten Gemeinden auffordert: «Hören, was der Geist den Gemeinden sagt» (Off 2-3).

Die Aktualität ist die Krankheit unserer Zeit

Bei Peter Bichsel habe ich gestern das Wort (wieder)gelesen: «Die Aktualität ist die Krankheit unserer Zeit». Sie wird auch zur «Krankheit unserer Kirche», wenn wir uns dem Gesetz der Beschleunigung und der flüchtigen Kommunikation unterwerfen und zur nächsten Aktualität übergehen, sobald die Welle der ersten Kommentare vorbei ist.

Das gilt übrigens nicht nur für schlechte Nachrichten und Krisensymptome, sondern auch für Texte und Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass sich Neues anbahnt: Nur wer schweigend das lauschende Ohr an die Erde presst, kann hören, «wie im Tode das Leben beginnt» (Nelly Sachs).

 

Schallwelle | (c) pixabay.com CCO
25. November 2018 | 17:34
von Daniel Kosch
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One thought on “In der Schule des Hörens lauert die Erkenntnis

  • Karl Stadler says:

    Mein Vater, ein einfacher Arbeiter, hatte mir, bereits als ich noch relativ klein war, als Maxime immer mitgegeben: “Zuhören – ernst nehmen – nie blindlings folgen”! Er war absolut kein Revoluzzer, aber er bezog diese Devise auf sämtliche Lebensbereiche. Diese Haltung stand teilweise in konträrem Gegensatz zu dem, was damals einem von kirchlicher Seite eingetrichtert wurde.

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