Heinz Angehrn

Ziviler Ungehorsam

Genau hingehört in der «Arena» am letzten Freitag: Ein Jungpolitiker ruft zu zivilem Ungehorsam auf. Das ist ganz normal und die Aufgabe dieser Generation (man denke nur an Herrn Wermuths Auftritt mit einem glimmemden Joint im Finger auf dem Parteitag…). Das Erstaunliche aber: Es war nicht ein/e Vertreter/in der Juso oder der jungen Grünen. Dort wäre das nicht verwunderlich, haben doch deren Gesinnesgenossen/innen schon Atomkraftwerkbaustellen, Bankfilialen oder auch zukünftige Waffenplätze friedlich in Beschlag genommen. Damals und auch heute heult dann die politische Gegenseite auf und spricht von staatsgefährdendem oder gar staatszersetzendem Verhalten. Gerichte müssen über die Besetzungen befinden, es wird Schadenersatz gefordert.

Nun kehrte sich für einmal die Sachlage um 180° um. Während die Vertreterin der Juso lammfromm-langweilig die unverhältnismässigen Covid-Massnahmen der Regierung rechtfertigte und die billigen und wenig glaubwürdigen Durchhalteparolen der Experten repetierte, rief die junge SVP zum Widerstand gegen die Staatsgewalt auf. FDP-Ständerat Ruedi Noser, Inbegriff guter Bürgerlichkeit, äusserte mehr als blosses Verständnis und verwies auf seine Kinder und deren Gemütslage. Zitat Noser: Wenn man seinen 60.Geburtstag nicht richtig feiern kann, geht das ja noch, man hat schon viele gefeiert. Aber den 18.Geburtstag? Da geht das nicht.

Der Wind hat gedreht. Merkt Ihr es nicht? Die Folgen werdet Ihr, die Ihr da rhetorisch wedelt und trickst, noch lange zu tragen haben. Nicht nur Walliser Regierungsräte haben ein Anrecht auf illegale Partys (Zitat Darbelley: «Wir hätten den Wirt ja beleidigt, wenn wir nicht zu ihm feiern gegangen wären»), sondern noch mehr die Jungen. Nicht nur reiche Rentnerpaare sollen sich am Sonnenstrand bräunen lassen, sondern auch die Jungen, die solche Strände vielleicht erstmals sehen. Ich war mit 17 in St.Malo an der Atlantikküste, umzingelt von weiteren 17Jährigen, mit 19 in Wien im Prater, dito. Das war einmalig. Mein tiefes Bedauern für die jetzt 17Jährigen.

Ziviler Ungehorsam – eine sehr reale Idee.

Bildquellen

  • : pixabay.com
11. April 2021 | 06:25
von Heinz Angehrn
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0 Gedanken zu „Ziviler Ungehorsam

  • stadler karl sagt:

    Offenbar haben wir da völlig verschiedene Wellenlängen. Aber ich glaube nicht, dass da rhetorisch getrickst unnd gewedelt wird. Wenn NR Ruedi Noser meint, es gehe nicht, einen 18. Geburtstag nicht “richtig” zu feiern, frage ich mich, was denn “richtig” feiern bedeutet. Wir mussten damals noch bis 20 warten, bis sie uns rechtlich für “voll” genommen haben. Und eigentliche Geburtstagsfeiern waren, wenn ich es richtig bedenke, damals in unserer Familie und Jugendkreisen ohnehin gar nicht üblich. Warum denn auch? Und gerade gestern waren zwei unserer Kinder zu einem Geburtstag eines ihrer Kollegen eingeladen. Da waren halt 10 Jugendliche privat und gemütlich, mit der nötigen Vorsicht, zum Teil aus gleichen Haushalten, zusammen. Warum soll das nicht gehen? Muss es denn immer eine Riesenparty sein? Und wenn Jugendliche an einem Sommer vielleicht den Ranzen an einem Meeresstrand nicht bräunen lassen können, bedeutet das wirklich einen irreversiblen Verlust in der Lebensbiographie? Zugegeben: Damals, als es noch keine Interrail-Angebote für J;ugendliche gab, trampte ich auch mehr oder weniger durch ganz Europa. 1968, einem spannenden Jahr, trampte ich nach Tito-Jugoslawien, nach Belgrad, traf dort auch Jugendliche und führte sehr interessante Gesräche. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Nachts um 24:oo Uhr in einem Park in Belgrad, wurden durch die Polizei sämtliche Einheimischen aus dem Park gewiesen, während sie mich nach der Passkontrolle im Park schlafen liessen. Die Tramp-Tour fühte mich weiter über Wien, München, Saarbrücken nach Paris. Nicht selten wurde ich von Überland-Chauffeuren mitgenommen. Diese hatten auf ihren weiten Fahrten ein wenig Gesellschaft, und als Tramper konnte man in der Regel mit ihnen an einem Stück weite Strecken reisen. Und in Paris war immer nocn einiges los in diesem Sommer/Herbst. Ebenfalls viele Gespräche mit interessanten Jugendlichen. Und was sich mir damals einprägte: die unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit, die Jugendliche in Belgrad und jene in Paris hegten. Schlussendlich kam ich fast zwei Wochen nach den Sommerferien zu spät im Gymi in die Schule, was ein riesiges “Hallihallo” beim Rektorat absetzte. Die Schulleitung wollte mir nicht abnehmen, dass ich lediglich beim Autstopp schlecht voran gekommen sei. Und sie hatte natürlich recht. Ja, ich gebe zu, unter Corona-Bedingungen wären diese Erlebnisse wahrscheinlich so gewiss nicht möglich gewesen. Kaum ein Chauffeur hätte mich mitgenommen. Und vielleicht hätte man in manche Länder gar nicht einreisen können. Sie haben sicher recht. Die Jugend trägt viel schwerer an der Corona-Situation. Aber dennoch, Herr Angehrn: Ein kleiner Hausfriedensbruch in einer Bank oder die friedliche Besetzung einer Atomkraftwerkbaustelle oder eines Waffenplatzes ist nach meinem Dafürhalten, obwohl ich dies keineswegs befürworte, gemessen an Kriterien der Sozialschädlichkeit, unvergleichlich viel harmloser als Riesendemos oder grosse Partys zu Pandemiezeiten, an denen vorgeschriebene Schutzmassnahmen in den Wind geschlagen werden.

  • Stadler karl sagt:

    Und selbstverständlich gehören Regierungsräte stante pede gebüsst, sollten sie Party feiern und dabei die vorgeschriebenen Schutzmassnahmen nicht einhalten!

  • Heinz Angehrn sagt:

    Lieber Herr Stadler
    Doch, doch, ich erfreute mich mit meinen 17 Lenzen schon des Liegens am Sandstrand in der Bretagne (was ich da so betrachtete, das verschweigt des Sängers Höflichkeit…). Nur ging dieses Liegen oftmals nicht so lang, denn das Wetter war doch mehr britisch als mediterran, und bald wehte wieder drizzle durch die Luft. Die höchsten Flut/Ebbe-Unterschiede weit herum, auch das war eindrücklich, ebenso wie der misslungene Versuch, zum Raucher (zudem mit Gauloise) zu mutieren. Meine Lunge dankt es mir bis heute, darum verschmäht Covid auch diesen Zugang.

  • Heinz Angehrn sagt:

    Apropos Ihr alle, die Ihr hier mitlest: George Orwell ist unter uns, es gibt sie, die Schweizerische Covid-Gedankenpolizei! Das kann ich seit gestern ehrlichen Gewissens bestätigen. Ob diese Gedankenpolizei vom BAG direkt beauftragt ist? Nein, das glaube ich nicht, da ich kein Verschwörungsmensch bin. Aber: Die permanente Indoktrination seitens staatlicher Stellen hat die Gehirne manch “besorgter Bürger/innen” dergestalt beeinflusst, dass sie reflexartig abwehrend reagieren und Abtrünnige wie den hier Schreibenden im Sinne der offiziellen Mehrheitsmeinung moralisch mahnen und tadeln. Da muss ich mich denn wehren und lasse diese Stimmen hier nicht zu. Wer hätte das gedacht, als ich 1975 friedlich an meiner Matura-Übersetzung zum Thema Orwell schrieb…

    • stadler karl sagt:

      Sie haben diesen Beitrag am 12. geschrieben. Warum sind Sie gerade seit dem 11. April übezeugt, dass Orwell unter uns weilt, dass es eine “Schweizerische Covid-Gedankenpolizei gibt oder dass “die permanente Indoktrination seitens staatlicher Stellen” unsere Gehirne derart unter Beeinflussung stehen, dass wir nur noch reflexartig abwehren und reagieren können? Eigentlich ein recht erodierender Zweifel Ihrerseits am kritischen und eigenständigen Denkvermögen bezüglich all derer, die für Vorsicht bezüglich Lockerungen plädieren, weil viele von ihnen endlich dieses verdammte Virus los sein möchten, wenn dies überhaut jemals wieder möglich sein sollte..
      Vorgestern publizierte in der NZZ René Scheu ein Interview mit dem Virologen Hendrick Streeck, der in Deutschland ein wenig als der Gegenpool zu Christian Drosten gilt und auch in Bezug auf die Covid-Politik in Deutshland als eine anerkannte kritische Stimme seitens der Wissenschaft angesehen wird. Aber ausgerechnet aus diesem Interview lässt sich nach meinem Dafürhalten in keiner Weise ableiten, dass wir lediglich gehorsamste Opfer einer staatlichen Indoktrinationnskampagne sind. Jedenfalls scheint auch Hendrick Streeck mit der Querdenker-Bewegung und den Verharmosern von Covid-19 nichts am Hut zu haben. Die Quintessenz des Interviews bildet eigentlich, dass auch die Wissenschaft, und die Politik sowieso, in Bezug auf viele Aspekte dieses Virus noch über keine Gewissheit verfügt und über weite Strecken halbwegs im Dunkeln tappt. Aber ich glaube nicht, selbst wenn man sich bemüht, nicht in voreiligem Gehorsam sich in Obrigkeitsgläubigkeit zu üben, dass wir bezogen auf Schweizer Verhältnisse den Verdacht hegen können, es würde dem Bundesrat Spass bereiten, per Notrecht zu regieren, wie er im letzten Jahr dies tat oder dass die Bürgerinnen und Bürger ihm ein Störfaktor wären, wie das Sloterdijk in Deutschland in Bezug auf die Bundesregierung vermutet?
      Habermas hegt seinerseits den Verdacht, dass die Politik in manchen Ländern zögert, ihre Strategie der Corona-Politik nach dem Grundsatz auszurichten, dass die Anstrengungen des Staates auf die Rettung jedes einzelnen Menschenlebens ausgerichtet sein müsse. Dafür fasse sie eher die utilitaristische Verrechnung mit den unerwünschten ökonomischen Kosten eines solchen Zieles ins Auge.
      Und so an den Haaren herbeigezogoen scheint dieses Argument, obwohl von einem Philosophen geäussert, gar nicht zu sein. Sucht man sich selber kundig zu machen, wie es angesichts der Politik mancher Staaten oder angesichts des Verhaltens sitens der Bevölkerung um deren Gesundheitsversorgung bestelt ist, dann steht jedenfalls empirisch fest, dass dieser staatliche Fürsorgesektor jeweils sehr bald am Rande des Zusammenbruchs ankommt, wenn dieser Pandemie mit allzu larger Haltung begegnet wird. Gewiss: Vielleicht vemag dereinst eine Durchimpfung der Bevölkerung Abhilfe zu schaffen. Und zu hoffen ist, dass die Wissenschaft auch wirksame Therapiemittel entwickeln wird.
      Aber mich persönlich stört es gewaltig, dass jetzt, im Kontext dieser Pandemie, trotz aller Einengungen, schwieriger Lebenslagen und Existenzängste bereits von einer sich anbahnender Diktatur, Untergang der Freiheits- und Grundrechte nicht nur in den Parlamentsbänken, sondern auch auf der Strasse mit Schweizerfahnen und Treicheln fabuliert wird. Ich finde es unangebracht, solche politischen Begriffe zu zerreden angesichts der äusserst schlimmen Verhältnisse, unter denen Menschen in Diktaturen leben müssen.
      Vielliecht hat die Pandemie ja auch etwas Heilsames: Wir lernen den Wert tragender Sozialkontakte, angesichts der inflationären Eventkultur, in der wir leben, wieder wirklich schätzen!

  • Hansjörg sagt:

    Nachdem nun die Herren Stadler und Angehrn in ihren Jugenderinnerungen geschwelgt haben, möchte ich noch einige konkrete Punkte zum Thema ziviler Ungehorsam anmerken.
    Der Aufruf zu zivilem ungehorsam ist heikel. Ich bin der Meinung, dass Regeln und Gesetze lange und breit diskutiert werden können und sollen. Wenn sie aber gesetzt sind, sind sie auch einzuhalten.
    Der sehr gute Autofahrer, sagt sich andernfalls, bei guter Sicht und freier Autobahn kann ich auch locker 200 Kmh fahren. Oder der trinkfeste Automobilist fährt auch mit einem Promille noch besser als der nüchterne Gelegenheitsfahrer. Die Fussgängerin kann natürlich auch bei roter Ampel die Strasse queren, wenn keine Gefahr in Sicht ist, das auch wenn Kinder dabei zuschauen. Deshalb: einmal definierte Gesetzte und Regeln sind einzuhalten, oder diese den neuen Gegebenheiten anzupassen.

    Zudem noch die Frage, hat nicht mal ein Papst die von Herr Angehrn propagierte Verhütung verboten? :-))

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