Karin Reinmüller

Wege zum Weltgericht oder: Wie man ein Universum beendet

Gar nicht besinnlich kommt das Evangelium zum ersten Advent dieses Jahr daher (Im Markus-Evanglium, Kap. 13): Da verfinstert sich die Sonne, die Sterne fallen vom Himmel und die «Kräfte des Himmels werden erschüttert», bevor Christus auf den (nichtsdestotrotz immer noch vorhandenen) Wolken mit Macht wiederkommt, um die Auserwählten zu sammeln. In nicht ganz logischer Sprache versucht so jemand auszudrücken, was PhysikerInnen wohl als das Ende unseres Universums, einschliesslich der Aufhebung der bekannten Naturgesetze bezeichnen würden.

Das ist nicht unmöglich, wenn auch nicht eins der wahrscheinlichsten Szenarien für das Ende des Universums. Die drei derzeitigen Favoriten dafür sind

  1. Das Zusammenbrechen des Universums. Derzeit dehnt es sich seit dem Urknall aus, wenn diese Ausdehnung sich verlangsamt und zum Stillstand kommt, kann das Universum unter dem Einfluss der anziehenden Schwerkraft der Galaxien beginnen, sich zusammenzuziehen – bis zum grossen Zusammenbruch in einem Punkt, einer Art Gegenstück des Urknalls. So schön symmetrisch diese Vorstellung ist, die derzeitige Forschungslage macht sie unwahrscheinlich, es gibt zu viel Dunkle (also unbekannte) Materie und Energie im Universum.
  2. Also ist es wahrscheinlicher, dass sich das Universum ewig weiter ausdehnen wird. Galaxien werden in Schwarze Löcher hineingezogen, diese zerstrahlen schliesslich, am Ende ist nur noch Strahlung niedriger Energie übrig, in einem riesigen, dunklen Raum, der nicht aufhört, sich weiter auszudehnen – das grosse Frieren.
  3. Weil sich das Universum immer schneller ausdehnt, könnte es auch sein, dass die Dunkle Energie zunimmt, und das würde ein anderes Weltende-Szenario möglich machen: Irgendwann ist die Ausdehnungsgeschwindigkeit so hoch, dass erst Galaxien, dann Sterne und schliesslich sogar Atome auseinandergerissen werden, im grossen Zerreissen.

(Übrigens: Zwei Drittel des Universums bestehen aus Dunkler Energie, von der recht wenig bekannt ist, gut ein Viertel aus Dunkler Materie, von der es nur Vermutungen gibt, was das sein könnte – nur gerade mal 5% des Universums kennen wir als Sterne und Planeten…)

Wenn die materielle Welt wertvoll in den Augen Gottes ist, dann genügt ein «Weltende» für die Menschen (ob durch den Tod jeder Einzelnen oder kollektiv) nicht, dann muss auch die Schöpfung, muss das Universum ein Ende haben, das einen «neuen Himmel», eine neue Erde möglich macht. Weder Zerstrahlen noch Zerreissen scheinen dafür eine Option zu bieten, und der Zusammenbruch ist eben nicht wahrscheinlich. Deshalb ist es nicht unsymphatisch, dass die Physik seit wenigen Jahren eine weitere Möglichkeit entdeckt hat, wie das Universum an sein Ende kommen könnte:

Mit der Entdeckung des Higgs-Teilchens wurde auch seine Masse erkannt – und die ist so, dass das Universum aller Wahrscheinlichkeit nach in einem instabilen Zustand ist. Es ist so angelegt, dass es jederzeit in einen stabileren, energieärmeren Zustand zerfallen kann, so wie ein Ball von einem Hügel rollt. Nur wären die Folgen weitaus drastischer: Nicht nur gewaltige Energie würde frei, auch die Naturkonstanten und Naturgesetze wären nach diesem Übergang verschwunden, vielleicht ersetzt durch etwas völlig Neues.

Ein instabiles Universum, das in jedem Moment (wenn auch mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit) zerfallen und für etwas ganz anders Platz machen kann – könnte sein, dass das die Weise ist, mit der alles, was ist, seinen Platz in Gott findet.

Bild: Neven Krcmarek auf unsplash.com
29. November 2020 | 18:00
von Karin Reinmüller
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0 thoughts on “Wege zum Weltgericht oder: Wie man ein Universum beendet

  • Beat Schwab says:

    Das wunderbare Buch von Arnold Benz und Ruth Wiesenberg Benz mit dem Titel:
    Das Universum – Wissen und Staunen
    sei empfohlen, um sich diesem Thema aus spiritueller und naturwissenschaftlicher Sicht zu nähern.

  • stadler karl says:

    “Urknall, Weltall und das Leben”, von Harald Lesch und Josef M. Gassner, eine äusserst spannende Publikation, die sich zu lesen lohnt und die auch dazu dienen kann, das ganze in einem metaphysischen Kontext, vielleicht auch in einem theologischen, zu betrachten versuchen. Und sie ist nicht zuletzt dazu angetan, die je eigene Existenz, die zwar letztlich unsere Welt bedeutet, ein wenig zu relativieren.

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