Chance
Daniel Kosch

Was ist für die Kirche existenzrelevant?

Die nationalen Gremien der katholischen Kirche in der Schweiz, namentlich die Bischofskonferenz und die RKZ, befassen sich derzeit mit der Definition pastoraler Schwerpunkte für die Jahre 2018-2021 und deren Folgen für den Einsatz der finanziellen Mittel, die auf nationaler Ebene zur Verfügung stehen. Gleichzeitig habe ich für dieses Jahr etliche Vorträge und Workshops zu Fragen des Kirchenmanagements angenommen. Gründe genug, neuere Managementkonzepte zur Kenntnis zu nehmen und zu überlegen, was sie für die Kirche bedeuten.

Umwelt als Möglichkeitsraum

Sehr anregend finde ich in diesem Zusammenhang das 2014 publizierte St. Galler Management-modell der 4. Generation, namentlich dessen Verständnis der «Umwelt» einer Unternehmung oder Organisation. Das Modell der 3. Generation betonte, dass es wichtig sei, eine Reihe von Umweltsphären (Wirtschaft, Gesellschaft, Natur …) zu berücksichtigen. Das neue Modell nun versteht «Umwelt als Möglichkeitsraum» und nicht mehr als vorgegebene Realität. «Umwelt wird als derjenige Teil der Welt angesehen, den eine Organisation für sich als existenzrelevant erschliesst. So definiert jede Organisation für sich einen spezifischen Möglichkeitsraum, auf den sie ihre Aufmerksamkeit ausrichtet.» Umwelt ist nicht einfach gegeben. Vielmehr ist es eine der zentralen und überlebenswichtigen Aufgaben des Managements, sie zu erschliessen und zu gestalten.

Positives Grundverständnis

An diesem Verständnis der «Umwelt» scheinen mir aus theologischer Sicht zwei Gesichtspunkte bemerkenswert. Erstens der positive Zugang: Die Umwelt samt der Ungewissheit und Unsicherheit, die von ihr ausgeht, wird nicht als etwas Problematisches betrachtet, sondern als «Möglichkeits-raum», als Ressource und Potenzial für die Zukunft. Die Umwelt wird also nicht primär als «feindliches Umfeld» begriffen, dessen Bedrohungen abzuwehren und vor dessen Gefahren es sich zu schützen gilt. Will man diesen Zugang theologisch verorten, knüpft er an die Tradition der schöpferischen Weltliebe Gottes an, nicht an der Tradition der Gegenüberstellung von göttlichem Licht und weltlicher Finsternis.

Identifikation der lebens- und überlebenswichtigen Sphären

Ein zweiter für unsere kirchlichen Suchbewegungen wichtiger Gesichtspunkt ist meines Erachtens, dass eine Organisation eine (gewisse) Freiheit hat, selbst mitzubestimmen, welche Umweltsphären sie als existenzrelevant erachtet. Die Herausforderungen, mit denen sich die Kirche zu befassen hat, sind nicht einfach vorgegeben – sondern mindestens teilweise bewusst gewählt. Dazu das eine oder andere Beispiel:

  • Die Kirche kann die heutige Gesellschaft primär unter religionssoziologischen Gesichtspunkten betrachten – dann tauchen Begriffe wie «Individualisierung», «Pluralisierung», zunehmende «Kirchendistanzierung», «flüchtige Religiosität» etc. auf. Und entsprechend wird sich das Kirchenmanagement fragen müssen: Wie tragen wir dem Rechnung? Wo knüpfen wir an? Wie versuchen wir, einen Gegentrend zu setzen? …
  • Die Kirche kann ihr gesellschaftliches Umfeld aber auch unter stärker ökonomischen Gesichtspunkten betrachten – dann werden Fragen nach «Wohlstand» und «Abstiegsängsten», «Chancengleichheit» zwischen Frauen und Männern oder zwischen Inländern und Migranten wichtig. Das Zerbrechen von Familien wird nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Vereinbarkeit mit dem Scheidungsverbot Jesu betrachtet, sondern auch als Armutsrisiko wahrgenommen. Entsprechend richtet sich das Augenmerk der Kirchenleitung auf andere Fragen: Was können wir für eine gerechte Gesellschaft tun? Wo können und müssen wir tatkräftig helfen? Wo müssen wir uns in politische Debatten einmischen? …
  • Möglich wäre aber auch ein Blick auf das Kommunikationsverhalten der Menschen im Umfeld der Kirche: Auf welchen Kanälen kommunizieren sie? Müssen wir unsere Anlässe auf Facebook bekannt machen statt nur im Pfarrblatt? Was bedeutet die zunehmende Verständigung in Form von Kurznachrichten für unsere Verkündigung? Die Zukunft der Kirche wird dann primär als Zukunft ihrer Kommunikationsformen und –instrumente betrachtet.

Modernes Management als Anregung für die Theologie und pastorale Praxis

Jede Antwort auf die Frage, welche Dimensionen der Realität als «existenzrelevant» erachtet werden, enthält also bereits wichtige Vorentscheide über die Frage nach den «pastoralen Prioritäten» oder nach der «Strategie», mit der die Kirche ihren Weg in die Zukunft sucht. In der Diskussion darüber gibt es nicht «richtig» oder «falsch», denn jede Perspektive hat ihre Berechtigung und ohne eine Berücksichtigung unterschiedlicher Blickwinkel, aber auch ohne klare Entscheidungen, welche Perspektiven den Vorrang haben sollen, wird es nicht gehen.

Schon dieses eine Element aus dem St. Galler Management-Modell erscheint mir als hilfreiche Anregung, sowohl theologisch als auch ganz konkret darüber ins Gespräch zu kommen, wie die Umwelt als Möglichkeitsraum erschlossen werden kann – sei es durch die Kirche in der Schweiz, eine einzelne Pfarrei, eine kantonalkirchliche Organisation oder auch eine kirchliche Jugendbewegung. Deshalb habe ich Mühe zu verstehen, warum nach wie vor viele Seelsorgende und Kirchenverantwortliche Management primär als zusätzliche Belastung oder gar als etwas dem Auftrag der Kirche Entgegengesetztes verstehen. Aus meiner Sicht ist es eine Ressource bei der Aufgabe, mit Ungewissheit und Unsicherheit zu leben und diese als Chance wahrzunehmen.

Literatur: Johannes Rüegg-Stürm / Simon Grand, Das St. Galler Management-Modell, 2. Auflage, Bern 2015.

Chance | © pixabay.com CCO
11. März 2017 | 18:56
von Daniel Kosch
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