'Unbekannter Soldat' im Soldatenfriedhof Vossenack
Walter Ludin

Was bedeutet «Entfeindungsliebe»?

Es geht noch lange, bis es wieder Weihnachten ist. Trotzdem möchte ich euch jetzt eine kurze, selbst erlebte Weihnachtsgeschichte erzählen. Es war am Nachmittag des Weihnachtsfestes,  in einem überfüllten Luzerner Stadtbus. Im Gang stand eine Gruppe junger englischsprachiger Frauen mit grossen Rücksäcken. Eine der Damen war gerade neben mir. Wenn sie sich bewegte, musste ich Acht geben, dass ich von ihrem Rucksack nicht fast erschlagen wurde. Allmählich wurde es mir zu bunt. Ich griff nach ihrem Rucksack und fixierte ihn. Das Girl drehte sich nach mir um – und statt zu reklamieren, lächelte sie mich an und wünschte mir sehr freundlich «Merry Christmas/Frohe Weihnachten».

Diese Episode fiel mir ein, als ich das heutige Evangelium von der Feindesliebe las. Die Dame war zwar nicht meine Feindin, aber doch eine lästige Zeitgenossin, die mich hätte verletzen können. Wenn sie auf meine Intervention unfreundlich reagiert hätte, wäre meine Reaktion wohl nicht gerade freundlich gewesen. So aber, mit ihrem herzlichen Weihnachtswunsch, hatte sie mich sozusagen «entwaffnet».

Ich weiss nicht, ob sie religiös war. Auf jeden Fall hat sie im Sinne des Evangeliums gehandelt.»

Ich sage bewusst «gehandelt». Damit sind wir im Zentrum des jesuanischen Ideals der Feindesliebe. Denn: «Liebe ist nicht eine Sache der Gefühle, sondern des Handelns.» Das scheint mir wesentlich zu sein. Denn niemand, auch Jesus nicht, kann uns befehlen, bestimmte Gefühle zu haben. Aber er kann uns einladen, menschlich, grosszügig zu handeln.

Soldatenfriedhof Vossenack | ©Walter Ludin 2009

Hier setzte der grosse jüdische Theologe Pinchas Lapide schon vor Jahrzehnten an, als er das Wort «Feindesliebe» durch «Entfeindungsliebe» ersetzte. Er meinte damit: «Handle so, dass dein Feind nicht weiterhin dein Feind ist. Behandle ihn so, dass er sein feindseliges Verhalten ablegt.» Nichts anderes hatte die junge Dame im Bus durch ihren herzlichen Weihnachtswunsch getan.

Im heutigen Evangelium und in andern Stellen seiner Frohbotschaft motiviert uns Jesus durch konkrete Vorschläge zur Entfeindungsliebe. So wenn er dazu einlädt, jemandem, der uns schlägt, die andere Wange hinzuhalten; oder mit jemandem, der uns zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, ihn zwei Meilen zu begleiten.

Seltsam, weltfremd, naiv muten uns solche Vorschläge beim ersten Zusehen an. Doch in den letzten Jahrzehnten gab es Deutungsversuche, die uns zeigen, wie weise Jesu Vorschläge sind.

Stellen Sie sich vor: Ihre Hand würde Ihnen entgleiten, wie man so schön sagt – es kann ja dem friedlichsten Menschen passieren – und Sie würden jemandem eine Ohrfeige geben. Was wäre, wenn Ihr Opfer nicht zurückschlagen, sondern eben die andere Wange hinhalten würde? Sie wären sicher irritiert, verunsichert. Sie würden sich fragen, warum er das tut. Ich stelle mir vor, Sie würden kaum sofort nochmals zuschlagen.

‘Unbekannter Soldat’ im Soldatenfriedhof Vossenack | ©Walter Ludin 2009

Sie merken wohl: Was Jesus vorschlägt, ist gar nicht übel. Es ist sehr schlau, sehr gut beobachtet. Sein Ideal ist also nicht weltfremd.

Noch ganz kurz zu seinem zweiten Vorschlag: die römischen Soldaten der Besatzungsarmee durften jeden Juden zwingen, sein Gepäck während einer Meile zu tragen., sondern während zweien. Auch hier verunsichert wohl die Grosszügigkeit den Unterdrücker, den römischen Soldaten. Und während der zweiten gemeinsamen Meile ergibt sich vielleicht ein freundliches Gespräch.

Dazu fällt mir das so genannte Stockholm-Syndrom ein. 1973 haben Bankräuber in Stockholm fünf Menschen zu Geisseln gemacht. Die Opfer freundeten sich immer mehr mit den Tätern an und besuchten diese nach der Freilassung sogar im Gefängnis.

Auch hier: Jesu Vorschlag ist nicht naiv. Er kann sehr hilfreich sein. (…)

Feidesliebe oder (Soldaten) Friedhof | ©Walter Ludin 2009

(SA 16.30 Elisabethenheim Luzern; S0 9.30 St. Klara Stans, 10.40 Pflegeheim Nägeligasse)

'Unbekannter Soldat' im Soldatenfriedhof Vossenack | ©Walter Ludin 2009
23. Februar 2019 | 10:45
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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3 Gedanken zu „Was bedeutet «Entfeindungsliebe»?

  • Othmar Noggler sagt:

    Lieber Walter,
    es gibt Geschenke, die verleiten zum Ausruf: “Das ist für mich wie Weihnachten und Ostern zugleich.” Manchmal sind das einfach Gedanken zur “Entfeindungsliebe”.
    Herzlich
    Othmar

  • Walter Ludin sagt:

    In ihrem Wort zum Sonntag beschäftigt sich sr. ingrid grave ganz in meinem sinne mit der feindesliebe:
    “In einem längeren Textabschnitt faltet Jesus aus, wie das im Alltag umzusetzen wäre, in diesem oft täglichen Kleinkrieg. Und erst im Grosskrieg zwischen (christlichen) Völkern! Die Forderung sei politisch nicht umsetzbar. Das war immer wieder die Meinung der Machthabenden. Also entschieden und entscheiden sie sich für Vergeltungsschläge. Folglich endete so mancher Krieg in der totalen Zerstörung. Genau diese Zerstörung will Jesus nicht. Er will Zuwachs an Lebensfülle und Lebensqualität.”
    danke, liebe Ingrid, für diese überlegungen. sie verdeutlichen, was ich mit meinen bildern zum blog zeigen wollte, ohne es gross zu verbalisieren: entweder feindesliebe. oder ein ende der auseinandersetzungen auf soldatenfriedhöfen….

  • Schibler Daniele sagt:

    Habe heute in einer Predigt zum
    Ersten Mal von „Entfeindungsliebe“ gehört (P. Lapide kenne ich allerdings schon lange). Damit nimmt man dem Fein den Wind aus den Segeln. Bin seit bald 10 Jahren in einen Erbstreit (samt Anwälten) mit meinem jüngeren Bruder verwickelt. Es dreht sich um eine wunderschöne Liegenschsft im Tessin. Sie wäre teilbar, aber wie? Es kommt zu keiner Einigung. Soll ich, wo ich hier wohne und mit viel Liebe u. Kosten ein verwahrlostes Grundstück wieder hergestellt hab, nun meinem Bruder, der bloss 2 – 3 x pro Jahr hierher kommt, das ganze (gegen Entgeld) überlassen? Wäre das „Entfeindungsliebe“? Bin ich dann „dr Gschiter“? Ihre Meinung interessiert mich. Danke!

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