Es geht noch lange, bis es wieder Weihnachten ist. Trotzdem möchte ich euch jetzt eine kurze, selbst erlebte Weihnachtsgeschichte erzählen. Es war am Nachmittag des Weihnachtsfestes, in einem überfüllten Luzerner Stadtbus. Im Gang stand eine Gruppe junger englischsprachiger Frauen mit grossen Rücksäcken. Eine der Damen war gerade neben mir. Wenn sie sich bewegte, musste ich Acht geben, dass ich von ihrem Rucksack nicht fast erschlagen wurde. Allmählich wurde es mir zu bunt. Ich griff nach ihrem Rucksack und fixierte ihn. Das Girl drehte sich nach mir um – und statt zu reklamieren, lächelte sie mich an und wünschte mir sehr freundlich «Merry Christmas/Frohe Weihnachten».
Diese Episode fiel mir ein, als ich das heutige Evangelium von der Feindesliebe las. Die Dame war zwar nicht meine Feindin, aber doch eine lästige Zeitgenossin, die mich hätte verletzen können. Wenn sie auf meine Intervention unfreundlich reagiert hätte, wäre meine Reaktion wohl nicht gerade freundlich gewesen. So aber, mit ihrem herzlichen Weihnachtswunsch, hatte sie mich sozusagen «entwaffnet».
Ich weiss nicht, ob sie religiös war. Auf jeden Fall hat sie im Sinne des Evangeliums gehandelt.»
Ich sage bewusst «gehandelt». Damit sind wir im Zentrum des jesuanischen Ideals der Feindesliebe. Denn: «Liebe ist nicht eine Sache der Gefühle, sondern des Handelns.» Das scheint mir wesentlich zu sein. Denn niemand, auch Jesus nicht, kann uns befehlen, bestimmte Gefühle zu haben. Aber er kann uns einladen, menschlich, grosszügig zu handeln.
Hier setzte der grosse jüdische Theologe Pinchas Lapide schon vor Jahrzehnten an, als er das Wort «Feindesliebe» durch «Entfeindungsliebe» ersetzte. Er meinte damit: «Handle so, dass dein Feind nicht weiterhin dein Feind ist. Behandle ihn so, dass er sein feindseliges Verhalten ablegt.» Nichts anderes hatte die junge Dame im Bus durch ihren herzlichen Weihnachtswunsch getan.
Im heutigen Evangelium und in andern Stellen seiner Frohbotschaft motiviert uns Jesus durch konkrete Vorschläge zur Entfeindungsliebe. So wenn er dazu einlädt, jemandem, der uns schlägt, die andere Wange hinzuhalten; oder mit jemandem, der uns zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, ihn zwei Meilen zu begleiten.
Seltsam, weltfremd, naiv muten uns solche Vorschläge beim ersten Zusehen an. Doch in den letzten Jahrzehnten gab es Deutungsversuche, die uns zeigen, wie weise Jesu Vorschläge sind.
Stellen Sie sich vor: Ihre Hand würde Ihnen entgleiten, wie man so schön sagt – es kann ja dem friedlichsten Menschen passieren – und Sie würden jemandem eine Ohrfeige geben. Was wäre, wenn Ihr Opfer nicht zurückschlagen, sondern eben die andere Wange hinhalten würde? Sie wären sicher irritiert, verunsichert. Sie würden sich fragen, warum er das tut. Ich stelle mir vor, Sie würden kaum sofort nochmals zuschlagen.
Sie merken wohl: Was Jesus vorschlägt, ist gar nicht übel. Es ist sehr schlau, sehr gut beobachtet. Sein Ideal ist also nicht weltfremd.
Noch ganz kurz zu seinem zweiten Vorschlag: die römischen Soldaten der Besatzungsarmee durften jeden Juden zwingen, sein Gepäck während einer Meile zu tragen., sondern während zweien. Auch hier verunsichert wohl die Grosszügigkeit den Unterdrücker, den römischen Soldaten. Und während der zweiten gemeinsamen Meile ergibt sich vielleicht ein freundliches Gespräch.
Dazu fällt mir das so genannte Stockholm-Syndrom ein. 1973 haben Bankräuber in Stockholm fünf Menschen zu Geisseln gemacht. Die Opfer freundeten sich immer mehr mit den Tätern an und besuchten diese nach der Freilassung sogar im Gefängnis.
Auch hier: Jesu Vorschlag ist nicht naiv. Er kann sehr hilfreich sein. (…)
(SA 16.30 Elisabethenheim Luzern; S0 9.30 St. Klara Stans, 10.40 Pflegeheim Nägeligasse)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant