Karin Reinmüller

Und wofür war das gut?

Wofür war sie nötig, die Kreuzigung Jesu? Für frühere Generationen, für manche auch heute noch, eine klare Sache: Der Sohn Gottes musste grausam sterben, um uns vor der gerechten Strafe für unsere Sünden zu erlösen. Aber ich kann nicht an einen Gott glauben, der als Gefangener seiner eigenen Buchhaltung keine andere Wahl hat, als seinen Sohn zu opfern, um die Sünden-Bilanz jedes Menschen auf eine schwarze Null zu bringen. Dafür bin ich zu sehr von Gottes Allmacht überzeugt – er hätte andere Möglichkeiten gehabt.

Schon eher passt der Gedanke, dass der Tod Jesu die natürliche Konsequenz seines Lebens war. Dass Jesus genau so ermordet wurde wie viele vor ihm und viele nach ihm – weil ein Gerechter den Zorn der Mächtigen auf sich zieht, und das ist tödlich. So stirbt Gottes Sohn so solidarisch, wie er gelebt hat, ebenso hingerichtet wie die Aufrührer neben ihm.

Unangenehmer ist die Erkenntnis, dass niemand unschuldig ist am Tod der Gerechten – dass ich es in gewissem Sinn selber bin, die Jesus ans Kreuz bringt. Weil in jedem Menschen, der durch mich leidet, Jesus mit-leidet.

Die Frage bleibt aber: Wofür ist das gut? Ist der Tod Jesu ein Akt der Solidarität, der niemandem etwas nützt? Denn das Leiden und Sterben geht ja weiter. Mein Antwortversuch nach diesem Jahr:

Ich kann diese Welt nicht für die «bester aller möglichen Welten» halten – wie Voltaire spätestens nach dem Erdbeben von Lissabon, so sehe ich zu viel unnötiges und überflüssiges Leiden durch die Viren-Folgen. Und dazu ist Covid für die meisten Menschen noch nicht mal ihr grösstes Problem im Leben, weil sie noch viel existentiellere Sorgen haben. Ich finde das Übermass des Leids so vieler Menschen so gross, dass ich versucht bin, zu fragen: Wäre es nicht besser, das Experiment Menschheit, vielleicht das ganze Universum, zu beenden? (Am liebsten per Vakuumzerfall, den bemerkt man vorher nicht.) Lohnt sich dieses Leben?

Es könnte sein, dass Jesus mit seinem Tod genau diese Frage beantwortet. Dass er als Mensch nicht nur die angenehmen Seiten des Lebens geteilt hat, das Aufwachsen in einer heil(ig)en Familie, Berufstätigkeit, Predigten und Heilungen. Sondern auch die grausamen, das völlig unverschuldete Leid, das über viele, vielleicht die meisten, Menschen hereinbricht. Wenn Gottes Sohn das mitmacht, und sich noch immer nicht genötigt sieht, den Vakuumzerfall auszurufen, dann muss das den Grund haben, dass das Leben sich trotzdem lohnt. Dass die Bilanz, um die es geht, nicht die von Sünde und Opfer ist, sondern die von Leid und Freude – und dass sie positiv ist.

Es könnte sein, dass der Tod Jesu genau dafür gut war, uns das mitzuteilen. Dass, auch wenn es sich nicht so anfühlt, das Leben sich lohnt.

Bild: vladimir soares auf unsplash
2. April 2021 | 14:56
von Karin Reinmüller
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Ein Gedanke zu „Und wofür war das gut?

  • Michael Bamberger sagt:

    Um die Götter zu besänftigen, wurden weltweit über Äonen grausame Menschenopfer zelebriert. So im alten Ägypten, in Mesopotamien, während der Ur-und Frühgeschichte Europas, in der Griechisch-Römischen Antike, auf dem Amerikanischen Kontinent, in Polynesien, In China, etc. Der christliche Opferglaube setzte diese barbarische Tradition lückenlos fort, aber mit der Nuance, dass in diesem Fall eine Komponente der göttlichen Trinität sich selber zum Opfer macht. Oder anders ausgedrückt; hier opfert ein dreifaltiger Gott einen Teil seiner selbst, um sich dadurch selber zu besänftigen.

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