Heinz Angehrn

Sic !

Nachdem sicher nicht viele Leser/innen von kath.ch auch das «Konkurrenzprodukt» swiss.cath.ch lesen, fühle ich mich aufgrund meines jahrelangen Engagements in dieser Thematik verpflichtet, auf einen eben erschienenen Gastkommentar des emeritierten Churer Weihbischofs Marian Eleganti mit dem Titel «Homosexualität in Gesellschaft und Kirche» hinzuweisen. In brisanter Art und Weise verbindet dieser Artikel die harte Wahrheit, dass sich die katholische Kirche bis heute um den von Eleganti so genannten «Elefant im Raum», den hohen Anteil (immer wieder auf etwa 30-40% geschätzt) von homosexuell empfindenden Männern im Klerus, herumdrückt und sich lieber hinter der erfolgreichen Aufarbeitung der Missbrauchsproblematik versteckt, mit den konservativ-fundamentalistischen Theorien, dass homosexuell Empfindende zweierlei bedürfen, des Mitleids zwar, aber dann der Therapie, sprich der Umpolung (»conversion»).

Diese Mischung von blanker Wahrheit einerseits und den alten diskriminierenden Vorurteilen, die heute noch zwei- bis dreitausend Jahre alte Bibelverse samt den dahinter stehenden sozialen Bedingungen zum Massstab nehmen, andrerseits verwirrt und verblüfft. Was will der Mann, der eben noch den «entweihten» Petersdom mit ent-sühnen half, uns sagen? Oder – das meine böse Idee – galt dieses «entsühnen» nicht nur der eben stattgefundenen Wallfahrt von LGBTQ-Gruppen zum Heiligen Jahr, sondern vor allem der grossen Masse von schwulen Priestern, Bischöfen, Kardinälen und wohl auch Päpsten, die regelmässig am heiligsten Ort ihrer Kirche im Einsatz waren und sind? Ich zitiere Eleganti sehr gerne wörtlich: «Immer noch warten wir deshalb vergeblich auf die Nennung eines grossen Problems in der Kirche: die überproportionale Häufigkeit von Homosexualität im Klerus mit all ihren negativen Folgen.»

Dann verweise ich gerne noch auf zwei nicht zufällige Fakten:
a) Eben hat durch die NZZ angestossen die Diskussion um einen betroffenen Priester des Bistums Chur neu begonnen, der ephebophiler Übergriffe (spricht juristisch exakt: unzulässiger Beziehungen zu jungen Männern, die in einem seelsorgerlichen Abhängigkeitsverhältnis stehen) verdächtigt wird. Zufall oder nicht?
b) Eleganti war als junger Mann ja Mitglied der Gemeinschaft »Werk des Heiligen Geistes» und trat dann im gegenseitigen «Bruch» aus. Joseph Seidnitzer, der Gründer und geistliche Leiter dieser Gemeinschaft, war ephebophil veranlagt, missbrauchte seine seelsorgliche Stellung und wurde deswegen wiederholt verurteilt. Bis heute bleibt die Frager offen, wie weit auch Eleganti ein Opfer war.

Ich weiss, dass viele das nicht lesen und hören wollen und dass sie sich auch über mich nerven. Ich wiederhole zum x-ten Mal: Wenn diese Institution sich diesem «Elefanten in Raum» nicht stellt, verlängert sie das Leiden von Tätern und Opfern. Schafft Klarheit und schafft Wahrheit. Zum Priester geweiht werden sollten nur noch viri probati, Männer, die in einem legalisierten Verhältnis mit einem/r Partner/in leben und sich die Anerkennung ihrer Gemeinden erworben haben.

| © pixabay.com
16. Oktober 2025 | 11:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
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9 Gedanken zu „Sic !

  • stadler karl sagt:

    Ich habe aufgrund Ihres Hinweises bei swiss-cath.ch hineingeschaut. Mich stört ein wenig, wie oberflächlich Weihbischof Eleganti die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen Frankfurter Schule und postmodernem Dekonstruktivismus zu erklären versucht, derart, dass bald einmal die Vermutung auftaucht, dass er von der kritischen Theorie nicht eine allzu grosse Ahnung zu haben scheint. Wenn er z.B. Horkheimer wirklich etwas vertieft kennen würde, hätte er sich über die Zusammenhänge zwischen kritischer Theorie und postmodernem Dekonstruktivismus um einiges vorsichtiger geäussert. Und er hätte sich wenigstens die Mühe nehmen können, um den Namen des französischen Philosophen Michel Foucault richtig zu schreiben. Wenn man sich intensiv mit einem Denker befasst, schreibt man dessen Namen nicht mehrfach falsch. Und offenbar hält er sich darüber auf, dass die von ihm angesprochenen Philosophen “dogmatischen Vorgaben” kritisch gegenüber stehen.
    Ja, und es kommen einmal mehr die naturrechtlichen Positionen als allein gültige und normativ wahre Aussagen in Bezug auf Sexualität zur Geltung.
    Wo ich Herrn Eleganti jedoch völlig unterstützen würde, das ist in seiner berechtigten Opposition gegenüber der Union of Equality und deren Bemühungen, ihre ideologischen Vorstellungen bezüglich Gender, Familie etc. mit finanziell gut gestützten Kampagnen in staatliche Aufgabenbereiche wie z.B. Bildungsinstitutionen hineinzutragen. Da muss man nicht erzkonservativer Katholik sein, um hier ein wenig Vorsicht walten zu lassen.

    • Daniel Ric sagt:

      Ich teile Ihre Auffassung. In rechtskatholischen Kreisen ist die Frankfurter Schule verpönt, was WB Elegante wohl dazu veranlasst hat, diese als Vordenkerin für die sexuelle Libertinage zu nennen. Inhaltlich bringt diese oberflächliche Analyse jedoch nichts. Der Niedergang naturrechtlicher Prinzipien (was ich durchaus für diskussionswürdig und auch problematisch erachte) erfolgte viel früher und hat nichts mit den durch WB Eleganti genannten Philosophen zu tun.

  • Hansjörg sagt:

    Ich oute mich, denn ich bin einer der auch Artikel bei swiss-cath.ch liest. Zudem schreibe ich hin und wieder auch meine Gedanken zu den meist sehr konservativen Ansichten bei swiss-cat.ch. Dass die Redaktion von swiss-cat.ch oft die Zensur walten lässt, und Kommentare die nicht in ihr rückständiges Weltbild passen einfach nicht publiziert, sei mal dahingestellt.

    Mit seiner Analyse und der Aussage zu einer überproportionalen Häufigkeit von Homosexualität im Klerus hat Herr Eleganti wohl recht. Er nennt aber keine Gründe weshalb das so ist. Selbst gehe ich davon aus, dass früher der Eintritt in ein Priesterseminar eine Flucht sein konnte, weil dann die jungen Männer nicht mehr nach Freundin oder Frau gefragt wurden. Dass jedoch über mehrere Jahrzehnte Homosexualität als schlecht, heilbar, und was auch immer auch noch, angesehen wurde, und bei konservativen Katholiken immer noch wird, ist zu einem grossen Teil das Resultat der kath. Kirche mit ihrer mittlealterlichen Sexuallehre. Man lese nur den immer noch gültigen Katechismus Text zur Homosexualität.

  • Daniel Ric sagt:

    Durch die Missbrauchsstudie der evangelischen Kirche in Deutschland wissen wir, dass die Missbrauchsproblematik kein exklusiv katholisches Problem ist, sondern auch in gleichem Ausmass in anderen Konfessionen vorkommt, wo verheiratete Pfarrerinnen und Pfarrer wirken. Auch die (immer noch spärlichen) Studien zu Schulen, Sportvereinen und Familien zeigen auf, dass sexuelle Übergriffe durch Männer und Frauen überall vorkommen. Daher lehne ich die Analyse von WB Eleganti genauso ab wie die Forderung von Herrn Angehrn, nur noch viri probati zu Priestern zu weihen. Beide sind empirisch nicht haltbar. Ohnehin finde ich es tragisch, wie ideologisch die Diskussion in Bereich der Sexualität abläuft und wie wenig man sich den jetzigen Problemen widmet. Seit 60 Jahren (wahrscheinlich noch mehr) hat die Kirche einen immer kleiner werdenden Einfluss auf das Sexualverhalten ihrer Mitglieder, was sich vor allem darin zeigt, dass die Geburtenrate rapide gesunken ist. Menschen wie unser lieber Hansjörg, die immer noch Kämpfe gegen die Kirche austragen, die vor 60 Jahren aktuell waren, verschliessen die Augen vor den Problemen, die den heutigen Menschen plagen. Die sexuelle Libertinage zeitigt nicht die erhofften Früchte. Viele Menschen leiden darunter, dass es keine Bindungen mehr gibt und auch die sexuelle Aktivität der Menschen ist zurückgegangen. Jüngst ist sogar eine Studie erschienen, die aufzeigt, dass Christen mehr Sex haben als Nicht-Christen. Es gilt doch anzuerkennen, dass wir heute in einer leibfeindlicheren Zivilisation leben als es alle Kulturen vor uns waren – dies nicht durch, sondern gegen den Widerstand der Kirche.

    • Hansjörg sagt:

      Ich weiss nicht, wie Herr Ric auf die Idee kommt, dass die Kämpfe gegen die veralteten Regeln der kath. Kirche vor 60 Jahren aktuell waren. Sie sind jetzt im Jahr 2025 aktuell.
      Im aktuellen, und so nehme ich an, gültigen Katechismus der Ausgabe von 1997 stehen die folgenden Regeln:

      – Verhütung ist vor, während und nach der Ehe verboten und eine Sünde
      – Sex vor der Ehe ist verboten und eine Sünde
      – Masturbation ist verboten und eine Sünde
      – Geschiedene, die eine neue Liebe gefunden haben, werden als Sünder und permanente Ehebrecher bezeichnet

      Die ausführlichen Texte, und was der Katechismus zu Homosexualität meint, können unter dem unten stehenden Link nachgelesen werden.
      https://www.vatican.va/archive/DEU0035/_INDEX.HTM

      • Daniel Ric sagt:

        Lieber Hansjörg, Sie weichen ständig den Argumenten aus und wiederholen gebetsmühlenartig ihre Gedanken. Ich rede über die Probleme der heutigen Gesellschaft, die sicherlich nicht durch die Moral der katholischen Kirche verursacht sind, da diese in der Gesellschaft an Bedeutung verloren hat. Diese Probleme sind Bindungsängste, Vereinsamung, Leibfeindlichkeit, etc.
        Was den Katechismus anbelangt: Dieser ist für die Menschen wichtig, die daran glauben, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, dass ER gestorben und auferstanden ist. Ich glaube daran. Wie steht es um Sie?

  • Michael Bamberger sagt:

    Daniel Ric: “Was den Katechismus anbelangt: Dieser ist für die Menschen wichtig, die daran glauben, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, dass ER gestorben und auferstanden ist. Ich glaube daran.”

    Im Christentum gibt es nicht nur im Katholizismus Leute, die an den Tod und die Auferstehung des Nazareners glauben, sondern auch diverse Menschen der Orthodoxie, dem Protestantismus, der Anglikaner, den Baptisten, den Methodisten, den Pfingstlern, den Charismatischen Bewegungen, den Zeugen Jehovas, den Mormonen, und so weiter und so fort…

    Dass jenseits des Katholizismus der Katechismus der k.K. “für die Menschen wichtig” sei, wird Daniel Ric nun bestimmt stichhaltig belegen.

  • Heinz Angehrn sagt:

    Wieder mal schreibe ich einen Nachtrag:
    Das Unrecht ist seit langem offensichtlich. Diese Kirche profitierte und profitiert seit Jahrhunderten von der grossen Anzahl homosexueller Kleriker, die sich in ihr und gerade auch (aus menschlich verständlichen, aber psychologisch problematischen Gründen) in ihrer Jugendarbeit engagiert haben und engagieren. Ähnlich wie etwa Thomas Mann führten und führen sie zeitlebens ein Doppelleben. Wenn sie ethisch sauber waren und sind, kam es zu keinem einzigen moralisch oder auch juristisch verwerflichen Übergriff. Ansonsten nutzten sie ihre Position gegenüber 15-20Jährigen aus, begingen Unrecht und schufen neue Opfer.
    Und nichts hat sich wesentlich verändert. Sie hören von ihrer “Mutter” Kirche nun zwar den allgemein gemeinten Satz, dass sie Mitleid und Verständnis erfahren dürfen, aber weiterhin wird nicht ehrlich und öffentlich festgestellt, dass es sie gibt. Ich bin mit Herrn Eleganti sicher nicht immer gleicher Meinung, aber wo er recht hat, hat er recht: Dieser Elefant im Zimmer ist gross, und sein Verschweigen ist nicht akzeptabel.

    • Daniel Ric sagt:

      Dass die Kirche von Menschen profitiert, die nicht dem 08/15-Schema entsprechen, ist einleuchtend. Wahrscheinlich waren viele Heilige “Freaks”, die gerade durch ihre Besonderheit empfänglicher für die Botschaft Gottes waren. Bereits im Alten Testament begegnen uns Menschen, die ungewöhnlich waren und nach den Kriterien der damaligen Gesellschaft keine Superhelden darstellten. Daher finde ich es falsch, wenn man hier homosexuell veranlagte Menschen speziell hervorhebt. Wichtig ist doch nicht die Veranlagung, sondern die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen und seine Talente für den Mitmenschen einzusetzen. Hier unterscheiden sich Homosexuelle nicht von anderen Menschen.

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