Heinz Angehrn

«Seltsame» Theologie

Das Kind mit dem Bade schüttet Ina Praetorius aus, wenn sie am Ende des lesenswerten Artikel-Gesprächs vierer Theologinnen aus zwei unterschiedlichen Kulturen in der neuesten Ausgabe der «Neuen Wege» (2018 1/2, S.6-11) den Satz formuliert, der dem Artikel dann auch den Titel gegeben hat: «Inzwischen frage ich mich: Was war das für eine seltsame Theologie, die wir vorher betrieben haben? Ohne Kontext? Ein abstraktes Gebilde aus haltlosen Wörtern?» (S.11)

Der Satz steht für mich beispielhaft für ein einerseits ungeschichtliches und andrerseits wertendes/abwertendes Denken, dem ich in verschiedenen Zusammenhängen (nicht nur in Fragen der Religion, sondern auch in Politik, Soziologie und Kultur) begegne. So ein Satz kann nur formuliert werden, wenn bewusst ausgeblendet wird, dass sich erst in der multikulturellen, multireligiösen und globalisierten Welt der Postmoderne überhaupt die Möglichkeiten von a) geistig weit ausgeweitetem Erkennen und damit b) neuem Zuordnen, sprich zur Synthese und in Zusammenhänge-Bringen, ergeben haben.

Nehmen wir nun einmal den grössten aller Kirchenlehrer und fragen wir uns ehrlich und ohne theologisch Partei ergreifen zu wollen, ob denn Thomas von Acquin ein «seltsame», «kontextlose» und «abstrakte» Theologie betrieben hat. Oder nehmen wir den (m.E.) bedeutendsten evangelischen «Kirchenlehrer» des letzten Jahrhunderts, Karl Barth, und stellen die selben Fragen. Solche Überlegung, sobald sie wertend wird, ist a) logischer Unfug und b) ungerecht.

24. Januar 2018 | 10:35
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
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Ein Gedanke zu „“Seltsame” Theologie

  • Karl Stadler sagt:

    Dass sich “(…) “erst in der globalisierten Welt der Postmoderne Möglichkeiten von geistig weit ausgeweitetem Erkennen und damit von neuem Zuordnen , d.h. zur Synthese und in Zusammenhänge-Bringen, ergeben haben.(…)”
    Nein, nein und nochmals nein! Da kann ich Ihnen nicht zustimmen. Es wäre um unsere kulturelle Befindlichkeit äusserst schlecht bestellt, wenn ausgerechnet die “Postmoderne”, die sich hüten muss, nicht in einem kulturellen Einheitsbrei zu versinken, die geistigen Voraussetzungen für eine Synthesis des Denkens geschaffen hätte. Als ob der Multikulturalismus eine Erfindung der Postmoderne wäre. Nach meiner persönlichen Auffassung ist das Denken in interkulturellen Kontexten viel älter als die Postmoderne. In der Postmoderne wurde diesbezüglich kaum etwas Neues gestiftet.
    Halten wir uns als kleines Beispiel Moses Maimonides vor Augen, dessen Werk “Führer der Unschlüssigen”, gewiss in jüdischer Tradition verfasst, jedoch teilweise getragen von aristotelischer Philosphie, und zweifelsohne im Hinblick auf multikulturelle Einflüsse, denen die ins Auge gefasste jüdische Leserschaft ausgesetzt war, geschrieben. Ein interessantes Werk, wenn auch für ein nicht-jüdischen aussenstehendes Publikum schwierig zum Verstehen. Oder dessen Einfluss auf den berühmten jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn, ein Zeitgenosse von Kant. Dessen Schriften wie “Über die Frage: was heisst aufklären?”, “Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele” oder “Schreiben an den Herrn Diaconus Lavater zu Zürich” sind auch für einen Aussenstehenden zugänglicher. Lavater übrigens, der Mendelssohn keineswegs auf faire Weise entgegen getreten ist.
    Oder ein älterer Kirchenlehrer als Thomas, Augustinus von Hippo, der heute zwar in weiten Kreisen offenbar kaum geschätzt wird. Egal. “Confessiones”, zwar teilweise ein autobiographises Werk, mit aber stark theologischen Elementen, ein äusserst beachtenswertes Werk. Auch dieses zweifelsohne in einem multikulturellen Umfeld verfasst. Und wer behauptet, es sei im geistig luftleeren Raum geschrieben, ohne in einem konkreten Kontext verwurzelt zu sein, hat es offensichtlich nicht gelesen. Wie anthropologisch konkret und alles andere als abstrakt es teilweise verfasst ist, zeigt z.B. die Stelle im vierten Buch, wo er seinen Schmerz über den Verlust eines Jugendfreundes zum Ausdruck bringt, ein Ereignis, das selbst der rationale Augustinus offenbar noch Jahre später nicht gänzlilch zu verkraften vermochte.
    Und es ist auch philosophisch auf fruchtbren Boden gestossen. Zu denken ist an Wittgensteins Philosophische Untersuchungen, wo dieser sich mit dem Zeitbegriff von Augsutin, vor allem aber auch mit dessen Auffassusng über den menschlichen Spracherwerb sehr kritisch, aber dennoch ehrfurchtsvoll, auseinandersetzt.
    Oder Hannah Arendt setzt sich mit dem Liebesbegriff von Augustinus auseinander und thematisiert ihn in ihrer Dissertation, natürlich in einer existanzialphilosophischen Denkungsart, promovierte sie doch bei Jaspers und war damals vor allem vom Denken Heidggers beeinflusst.
    Aber es gäbe noch sehr viele Beispiele, die bezeugen, dass interkulturelles und mehrdimenstionales Denken viel älter als die Moderne, von der Postmoderne nicht zu reden, ist.
    Wer einen Blick auf die Antike wirft, erkennt sofort, dass Multikulturalismus damals soziale Wirklichkeit war. Das römische Imperium, und sein Vielgötterkult, kannte schlicht keine homogene Kultur. Die Probe lässt sich z.B. an den Schriften von Marcus Tullius Cicero leicht machen. Obwohl getragen und beseelt von altrömischen Traditionen und Tugenden, war sein Denken durch und durch auch geprägt von vielen andern kulturellen Einflüssen. “De fato”, “De legibus”, “Paradoxa Stoicorum” oder die wunderbaren “Tusculnae disputationes” legen beredtes Zeugnis ab, wie dieser tradtionsbewusste, republikanisch gesinnte und das Gemeinwohl verteidigende Magistrat dennoch von vielen verschiedenen Denktraditionen beeinflusst war. (…) philosophia vero, omnium mater artium , quid est aliud nisi, ut Plato, donum, ut ego, inventum deorum? haec nos primum ad illorum cultum, deinde ad ius hominum, quod situm est in generis humani societate, tum ad modestiam magnitudinemque animi erudivit, eademque ab animo tamquam ab oculis caliginem dispulit, ut omnia supera infera prima ultima media videremus. prorsus haec divina mihi videtur vis, quae tot res efficiat et tantas. (…)” Nur eine kleine Reminiszenz aus den Gesprächen in Tusculum. Der von Ihnen erwähnte Aquiner wäre allerdings mit der Bewertung der Rolle der Philosophie, wie sie Cicero hier vornimmt, kaum einverstanden gewesen, wies er ihr doch bloss eine Rolle als “ancilla theologiae” zu.

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