Das Kind mit dem Bade schüttet Ina Praetorius aus, wenn sie am Ende des lesenswerten Artikel-Gesprächs vierer Theologinnen aus zwei unterschiedlichen Kulturen in der neuesten Ausgabe der «Neuen Wege» (2018 1/2, S.6-11) den Satz formuliert, der dem Artikel dann auch den Titel gegeben hat: «Inzwischen frage ich mich: Was war das für eine seltsame Theologie, die wir vorher betrieben haben? Ohne Kontext? Ein abstraktes Gebilde aus haltlosen Wörtern?» (S.11)
Der Satz steht für mich beispielhaft für ein einerseits ungeschichtliches und andrerseits wertendes/abwertendes Denken, dem ich in verschiedenen Zusammenhängen (nicht nur in Fragen der Religion, sondern auch in Politik, Soziologie und Kultur) begegne. So ein Satz kann nur formuliert werden, wenn bewusst ausgeblendet wird, dass sich erst in der multikulturellen, multireligiösen und globalisierten Welt der Postmoderne überhaupt die Möglichkeiten von a) geistig weit ausgeweitetem Erkennen und damit b) neuem Zuordnen, sprich zur Synthese und in Zusammenhänge-Bringen, ergeben haben.
Nehmen wir nun einmal den grössten aller Kirchenlehrer und fragen wir uns ehrlich und ohne theologisch Partei ergreifen zu wollen, ob denn Thomas von Acquin ein «seltsame», «kontextlose» und «abstrakte» Theologie betrieben hat. Oder nehmen wir den (m.E.) bedeutendsten evangelischen «Kirchenlehrer» des letzten Jahrhunderts, Karl Barth, und stellen die selben Fragen. Solche Überlegung, sobald sie wertend wird, ist a) logischer Unfug und b) ungerecht.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant