Friede! 
Teil der East Side Gallery, Berliner Mauer (ab 1961, Öffnung 1989, Bemalung ab 1990, Instandsetzung 2009)
© Pressebild Poss
Walter Ludin

Sehnsucht nach Frieden

«Der Friede sei mit euch.» Erstaunliche drei Mal grüsst Jesus die Jünger (im Evangelium des letzten Sonntags) mit diesen Worten.
Wir alle wissen es: der Friede ist ein zartes Pflänzchen, sowohl im privaten wie im öffentlichen Umfeld.

Es fängt bei jedem einzelnen Menschen an. Manche vermissen den innern Frieden. Ein Beispiel: In Seelsorgegesprächen treffen wir nicht selten Gläubige an, die unter Fehlern der Vergangenheit leiden. Sie können sich nicht selber verzeihen. Nicht nur am heutigen Sonntag, der auch Barmherzigkeits-Sonntag genannt wird, dürfen wir sie an die unendliche Barmherzigkeit Gottes erinnern.

Nur kurz zu zwischenmenschlichen Konflikten: Wie viel Streit und Missverständnis gibt es auch in unserer Umgebung, in Familien, Betrieben und Nachbarschaften? Warum, so fragt man sich häufig, müssen die Menschen so nachtragend sein? Warum müssen sie den andern ihre Fehler vorhalten, oft während Jahrzehnten?

Wenn wir in der heutigen Zeit von Frieden sprechen, müssen wir uns auch mit dem Krieg in der Ukraine auseinandersetzen. Jede Zeitung bringt dazu jeden Tag drei-vier Seiten oder noch mehr. Wie soll ich in wenigen Minuten etwas Sinnvolles dazu sagen?

Jedes Volk hat das Recht, seine Unabhängigkeit zu verteidigen. Die Frage ist, wie das geschieht: mit oder ohne Waffen? Dabei müssen wir an Jesu Wort denken: «Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um.»

Oder auch an die vielfach bestätigte Feststellung: Im Krieg wird das zerstört, was man verteidigen will. Man denke nur an die fast völlig zerstörten Städte in der Ukraine; oder an die Millionen von Menschen, die von ihren Familien getrennt wurden.

Eine Alternative heisst gewaltfreie Verteidigung. Wie angetönt, muss diese in Friedenszeiten gezielt eingeübt werden.

Was heute das Abstossende ist: Kaum jemand spricht mehr von dieser Alternative, die sich auf Jesus und seine Botschaft von der Gewaltlosigkeit berufen kann. Dafür spricht man allenthalben von noch mehr Waffen; die deutsche Regierung will  in nächster Zeit für die Armee die unvorstellbare Summe von zusätzlichen 100 Milliarden bereitstellen….. Die schweizerische Regierung denkt an immerhin zwei Milliarden.

Zum Schluss möchte ich Sie bitten: Machen Sie sich mit dem Konzept der Gewaltfreiheit vertraut. Auch wenn es heute nicht mehr en vogue ist, gibt es da und dort Artikel darüber, zahlreiche Beiträge im Internet sowie Radio- und Fernsehsendungen. Sich hier kundig machen, ist ein Beitrag zum Frieden.

Friede! Teil der East Side Gallery, Berliner Mauer (ab 1961, Öffnung 1989, Bemalung ab 1990, Instandsetzung 2009) © Pressebild Poss
29. April 2022 | 07:44
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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4 Gedanken zu „Sehnsucht nach Frieden

  • stadler karl sagt:

    Nach Frieden sehnen sich ALLE, nicht bloss die “Friedensbewegten”! Gewalt gibt es im übrigen in keiner Weise nur im militärischen Bereich. Es gibt sie fundamental in ausgeformter Rechtsstaatlichkeit ebenso wie im privaten oder beispielsweise im kirchlichen Bereich. Es gibt kaum eine staatliche Institution, kaum ein Gerichtsurteil, das letztlich nicht auf einem effektiven Gewaltapparat basieren würde. Und wie wir alle immer wieder erfahren, kann sich Gewalt auf vielschichtigste, subtilste, aber sehr effektive Art zeigen. Vielleicht schiene es ebenso angebracht, zu reflektieren über unsere je eigene anthropologische Konstitution, die teilweise genauso von aggressiven Gewalttrieben und -phantasien durchdrungen ist wie gleichzeitig auch von empathischen Regungen. Das Alte Testament ist ein nachvollziehbares Kulturgut, das die menschlichen Strebungen und Neigungen in Bildern mehr oder weniger authentisch beschreibt. Das NT, je nach Leseart, kommt einem manchmal hingegen vor, als wollte es mit einer seltsamen Verbotslogik Triebregungen und Triebphantasien im Breiche der Aggression verdrängen und verbieten. Wie die Geschichte des Christentums seit frühesten Zeiten zeigt, in keinster Weise eine nur heilvolle Lehre. So wenig wir unsere je eigene Sexualität in bestimmte, von moralisch-normativen Wertvorstellungen vorgezeichnete Formen zwingen können, so wenig werden wir unsere Aggressionstriebe jemals nach bestimmten ethisch-normativen Vorstellungen gänzlich in den Griff bekommen. Angesichts dieser kulturübergreifenden anthropologischen Gegebenheit erscheint es als legitim, dass ein staatliches Gebilde ausreichende Mittel auch in eine glaubhafte militärische Verteidigung investiert, genauso, wie es in Bildung und Forschung, Gesundheit, Kultur oder Umwelt und vieles mehr investieren soll. Diesbezüglich scheinen Platon, Cicero oder Clausewitz nicht weniger verlässlich als Jesus.

  • Michael Bamberger sagt:

    Lieber Herr Ludin,

    was Ihre These der “unendlichen Barmherzigkeit Gottes” anbelangt, wäre m.E. über folgendes zu reflektieren:

    Kein allgütiger, allmächtiger und allwissender Gott plant und initiiert eine Schöpfung, in der seine Flora und Fauna ohne Unterlass der Maxime des Fressens und Gefressen-werdens über Abermillionen von Jahren ausgeliefert sind und unsäglichen Terror, Angst und Leiden erdulden müssen, und dies völlig unabhängig von der immer wieder ins Felde geführten, angeblichen Willensfreiheit der Trockennasenaffen, die bekanntlich erst kürzlich die Bühne dieses unbedeutenden Planeten betreten haben. Jeder halbwegs allgütige Gott verwirft einen derartigen Plan illico presto, denn seine Allmacht bietet ihm unzählige Alternativen um eventuell doch noch die Chance zu wahren, vom Theodizee-Vorwurf freigesprochen zu werden. Fazit: Die einzige Entschuldigung für einen solchen Gott ist seine Inexistenz.

    Nun zur angeblichen Friedfertigkeit des biblischen Nazareners: Bei Jesuszitaten ist es oft wie bei Speiserezepten, man nehme zur eigenen Bekömmlichkeit eine Prise von diesem und lässt tunlichst jenes aus. Im vorliegenden Fall könnte man die Speise deshalb alternativ mit folgendem Gewürz anreichern: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.” (Mt 10,34)

    • Lieber Herr Bamberger, vielen Dank für Ihre interessanten Überlegungen. Dazu in aller Kürze:
      -Gottes Allmacht: Fast jede Woche finde ich dazu Artikel, vor allem darüber, wie Gott Leiden zulassen kann. Und die meisten Autoren plädieren dafür, sich von der Vorstellung von Gottes Allmacht zu verabschieden.
      -Schwert: Die Exegeten sind sich einig, dass Jesus hier nicht von Krieg und Verteidigung spricht. Gemeint ist das, was wir heute Engagement/Einstehen für seine Überzeugungen nennen. “…. Frieden” In diesem Zusammenhang ist der faule Frieden gemeint… – Nochmals zum Schwert: Am Ölberg hat Jesus den Petrus getadelt, weil er ihn mit dem Schwert verteidigen wollte.

  • Michael Bamberger sagt:

    Lieber Herr Ludin,

    Zur Allmacht: Was wären die Konsequenzen einer Verabschiedung von der Vorstellung der Allmacht dieses Gottes und logischerweise dann auch von seiner Allwissenheit? Einerseits müssten alle diesbezüglichen Passagen in der Bibel und im Katechismus, etc. als unhaltbar weil falsch definiert werden und anderseits würde so einem Gott zu recht der Vorwurf einer verantwortungslos stümperhaften Schöpfung nicht erspart bleiben, ausser er hätte es explizit so gewollt, was einen solchen Gott dann aber als puren Sadisten daherkommen lässt.

    Zum Schwert: Der Vers anschliessend an Mt 10.34 lautet: “Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter” (Mt 10.35). Sie können das als “Engagement/Einstehen für seine Überzeugungen” deuten wenn Sie wollen, doch es geht weiter: “Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.” (Mt 10.37). Das Schwert dient also dazu, die Menschen für eine egoistische Ideologie zu entzweien und gegeneinander aufzuhetzen. Die einzig humane und liebevolle Alternative wäre gewesen, eine solche Ideologie sterben zu lassen, bevor Menschen für eine derartige Ideologie sterben. Die Geschichte zeigt uns aber leider eindrücklich, was eine derartige Ideologie angerichtet hat und immer noch anrichtet.

    Zu Petrus und seinem Schwert: Der Nazarener konnte doch gar nicht anders, als Petrus zu tadeln, denn ein Eingreifen von Petrus hätte seine drei Tage zuvor angekündigte Selbstopferung gefährdet: “Doch heute und morgen und am folgenden Tag muss ich weiterwandern; denn ein Prophet darf nirgendwo anders als in Jerusalem umkommen.“ (Lk 13,33)

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