Heinz Angehrn

«Nachkonstantinisch» ?

Was meine ich mit diesem Terminus? Mir ist bewusst, dass ich diesen Text in der kurzen Frist schreibe, die in St.Gallen zwischen der Bischofswahl und der Verkündigung des Namens des neuen Bischofs liegt. Mir ist auch bewusst, dass dieser Vorgang nochmals exakt nach den Bedingungen des Konkordats aus dem 19.Jahrhundert und den wenigen an ihm vorgenommenen Änderungen stattfindet und damit rechtens, im doppelten Sinn staatskirchlich und kirchenrechtlich rechtens, ist. Mir ist auch bewusst, dass ich den neuen Bischof von St.Gallen kennen und schätzen werde und nichts am Vorgang selbst kritisieren werde.

Aber: Die Zeit ist um, lieber Neugewählter, liebe Kollegen/innen, liebes Heimatbistum. Die Legitimation, dass wir uns «Staatskirche» – «Kantonalkirche» – nennen können und dürfen, ist so dürftig geworden, dass wir selber darauf verzichten sollten. Die Zahl der Kirchenmitglieder schwindet und schwindet, die Zahl derjenigen, die sich noch am Pfarreileben beteiligen, noch mehr, diejenige derjenigen, die noch kirchlich heiraten, die ihre Kinder taufen lassen, ebenso. Immer mehr Vereine und Gruppen, die in der glorreichen Zeit des Ghetto-Katholizismus entstanden, gehen ein mangels Mitgliedern. Unsere moralisch-ethische Glaubwürdigkeit haben wir völlig eingebüsst, dank unserer sagenhaften Sexualmoral und ihrer grässlichen Auswirkungen auf den Klerus.
Und dann – und das ist viel gravierender – stellten wir und stellen wir weiterhin auch fest, dass diese Form der «staatlichen» und staatlich subventionierten Kirche so rein gar nichts zu tun hat mit dem Ursprung unserer Glaubensgemeinschaft! (Die sogenannte «Reformation» im Gefolge von Martin Luther übrigens machte alles noch weitaus schlimmer und führte direkt zum Bismarck’schen Gottesgnadenstaat.)
Nein, der Verrat am Ursprung ist offensichtlich: Aus einer pazifistischen radikalen Bewegung wurde eine Kirche, die staatliche Gewalt legitimierte und feldpredigerlich betreute; die Kritik am Gesetzesdenken der Pharisäer wurde sehr schnell durch den Codex und seine Ableger abgelöst; die Aufforderung Jesu, nicht zu schwören, schnell abgelegt und auf die Heiligen und noch mehr geschworen; die Armut war ganz schnell kein Wert mehr, an Werten blieb bald nur noch die Keuschheit, wie peinlich!; und dass wer ein Jünger Jesu sein will, der Diener aller sein soll, wurde durch das Beispiel unzähliger Kleriker widerlegt bis zum heutigen Tag (der scheidende Bischof Markus ausgenommen)
und und und …

Darum , lieber zwölfter Bischof von St.Gallen, zieh die Konsequenzen, bevor sie uns von der Geschichte gezogen werden, lass zu, dass wir beim selbstkritischen Blick vor dem Spiegel bestehen.

(Und das sei auch gesagt und in meine Heimat gesandt: Ich bleibe so oder so bei und mit Euch, ich gehe nicht. Wäre der neue Papst ein homophober Afrikaner gewesen, dann hätte ich ja gehen müssen. Aber ich habe Hoffnung.)

| © pixabay.com
21. Mai 2025 | 05:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
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4 Gedanken zu „“Nachkonstantinisch” ?

  • stadler karl sagt:

    Da würde ich Ihnen nicht gänzlich zustimmen, Herr Angehrn. Diese Verklärung des “Urchristentums”, der man immer und immer wieder begegnen kann, scheint nicht vollends überzeugend. Persönlich glaube ich nie und nimmer, dass die Urchristen derart friedliche Menschen waren. Das scheint doch eher eine unhistorische Idealisierung zu sein. In zentralen Stellen der Schrift wie der Feld- oder Bergpredigt nehmen zwar Werte wie Liebe und Solidartät einen sehr hohen Stellenwert ein. Aber ausgerechnet dort sind auch die Keime der Spaltung, des Hasses und der apodiktischen Verurteilungen grundgelegt. Oder als ob die Bewegung der Pharisäer im Judentum ausschliesslich eine blinde formale Gesetzeshüterin gewesen wäre? Jüdische Autoren sehen dies jedenfalls völlig anders und wenn man diesen glauben darf, so hatten die Pharisäer für Liebe und Solidarität nichts weniger übrig als der Nazarener. Dennoch werden sie von diesem, wenn man der Schrift glauben darf, im Grunde über weiteste Strecken verteufelt und wird so ein ethischer Spaltpilz gelegt, der bis heute nicht beseitigt ist. Ja bis heute wird auch von namhaften theologischen Autorinnen und Autoren der Begriff Pharisäimus metaphorisch immer wieder in negativen Zusammenhängen verwendet und er ist in unserer christlichen Kultur im Grunde ganz allgemein als Schimpfwort verwurzelt.
    Es wundert eigentlich nicht, dass mit Konstantin und Theodosius, als das Christentum an die Staatsmacht gelangte, es im römischen Reich mit der heidnischen religiösen Toleranz rasant zu ende ging und in der Folge sehr vieles antik-heidnisches Kulturgut zerstört wurde. Der geistige Keim für solche Erscheinungen war lange zuvor gelegt – wahrscheinlich bereits in den Anfängen – und der von Dezisionismus getragene Wahrheitsbegriff, der im Nicäum I zum Ausdruck kam, ist vielleicht nur die Konsequenz dieser Entwicklung.
    Ja, und staatliche Gewalt äussert sich ja keineswegs nur im Militär, wo Feldprediger(I)innen die Seelsorge wahrnehmen. Nein, sie äussert sich in jeder Verfügung, in jedem Gerichtsurteil. Letztlich basiert doch alles auf “Gewalt”, sei sie ein wenig breiter, wie in einer Demokratie, oder weniger breit, wie in einer Autokratie, abgestützt. Und dieser Umstand wird sich in absehbarer Zeit anthropologisch kaum ändern. Ich brauche mir ja nur den eigenen persönlichen Spiegel vorzuhalten, so ist dies nicht zu erwarten. Nichts von auschliesslicher Friedfertigkeit, Solidarität oder Liebe! Dennoch fand ich es begrüssenswert, als Prevost die Menge begrüsste mit den Worten: “Der Friede sei mit euch.”

    • Daniel Ric sagt:

      Natürlich ist bei jedem Text die Gefahr einer Idealisierung vorhanden. Daher ist es legitim, dass Sie misstrauisch sind gegenüber einer zu harmonischen Darstellung der urchristlichen Zustände. Nur möchte ich Sie bitten, diesen gleichen kritischen Geist auch den Darstellungen entgegenzubringen, die Sie idealisieren. Die von Ihnen in religiösen Fragen als tolerant beschriebene Antike rechtfertigte furchtbare Zustände wie Gladiatorenkämpfe, Sklaverei, Kindsmord, Krieg und Unterdrückung. Der Wahrheitsfrage aus dem Weg zu gehen bedeutet vor allem auch, die eigene Macht zum obersten Leitprinzip des eigenen Handelns zu machen.
      Wenn Sie Stoiker wie Marc Aurel lesen und deren Gedanken bewundern, sollten Sie sich überlegen, wie die Völker, die von den Römern vernichtet und versklavt wurden, sich über den Stoizismus äussern würden. Erst das Christentum – Nietzsche hat dies sehr richtig erkannt – hat dem Schwachen, Ausgestossenen und Unterdrückten eine Stimme gegeben und das aufgewertet, was in den Augen der Menschheit als minderwertig galt.

      • stadler karl sagt:

        Ich idealisiere die heidnische Antike keineswegs, Herr Ric. Dass die Antike gewiss von sehr brutalen Herrschafts- und Machtverhältnissen gekennzeichnet war, ist mir schon bewusst. Aber von klein auf wurde uns eine Idealisierung und der ausschliessliche Erlösungsgedanke des Christentums gelehrt.
        Das Frühchristentum hat die Sklaverei und dessen Rechtsstatus in keinster Weise abgeschafft, so wie dies z.B. auch durch die Stoa nicht geschehen ist. Aber geistesgeschichtlich wurzelt der Gedanke des Kosmopolitismus und die damit verbundene Frage nach einer tragenden Menschenwürde, unabhängig vom Rechtsstatus eines betroffenen Menschen, z.B. ob Freier oder Sklave, Mann oder Frau oder ethnischer Zugehörigkeit, bereits in der alten (griechischen) Stoa. Dieses Denken nahm seinen Anfang also bereits zu Zeiten von Zenon von Kition oder dessen Nachfolger Chrysippos. Damals wurde der ursprünglichste Keim für ein abendländisches Menschenrechtsdenken gelegt, dies Jahrhunderte vor der eigentlichen Entstehung des Christentums. Und dieses Denken wurde in den nachfolgenden Phasen der Stoa weiter entwickelt und kommt auch in der späten Stoa zu Zeiten Marc Aurels in seinen Selbstbetrachtungen zum Ausdruck. In der Geschichte der Philosophie ist dies im Grunde weitgehend anerkannt. Die christlichen Ausführungen von Paulus, dem übrigens eine hellenistische Bildung nicht fremd gewesen sein soll, in Röm. 10.12; Kor. 12,13 oder Kol. 3,11 waren also in diesem Sinne nicht etwas grundsätzlich Neues.
        Die Römer unterwarfen gewiss viele Völker, aber sie vernichteten sie in der Regel nicht. Sie waren im eigentlichen Sinn “Imperialisten”. Aber sie vernichteten nicht Kultur oder Religion der unterworfenen Völker. Was im nachrepublikanischen Rom verlangt wurde, war eine unabdingbare Loyalität gegenüber dem Kaisertum, oft in Form einer Anerkennung eines göttlichen Status. Aber gleichzeitig hüteten sich die Römer, die verschiedenen althergebrachten religiösen Kulte der unterworfenen Völker nicht anzuerkennen. Im antiken Rom wurden reihenweise verschiedene religiöse Kulte – also keineswegs nur der althergebrachte traditionsgebundene römische Götterkult – gepflegt, Kulte, die in den verschiedensten Teilen des Imperiums beheimatet waren. Diesbezüglich herrschte im alten Rom sehr wohl eine ausgeprägte religiöse Toleranz.
        Das nahm ein abruptes Ende unter Konstantin oder Theodosius, als das Christentum sich in Rom quasi als “Staatsreligion” durchsetzte. Und im Zuge dieser Umwälzung wurde unzähliges antikes Kulturgut durch das Christentum zersört oder verwüstet. Als Beispiel sei erwähnt, dass die wunderbare Kulturstadt Palmyra in Syrien keineswegs zum ersten mal durch den IS zersört wurde. Vielmehr erlitt dieser Kulturort, wie viele andere auch, bereits im 4. Jh. nach Christus massive Zerstörungen oder Beschädigungen seitens Vertretern des Christentums, nicht zuletzt durch Mönche aus der Wüste. (Troel Myrup Kristiansen, “Making and Breaking the Gods: Christian Responsens to Pagan Sculpture in Late Antiquity”, 2013). Als weiteres Beispiel, wie sich damals im vierten Jahrhundert die Machtübernahme des Christentum im spätantiken römischen Reich auswirkte, könnte die Schrift von Sulpicius Severus, “Vita sancti Martini” dienen. Martin, ein hierzulande doch hochgeschätzter Heiliger, scheute sich offenbar nicht, althergebrachte heidnische Kultorte wie Tempel oder heilige Gegenstände wie Schreine kurzerhand einfach zu zerstören. Viel diesbezügliches Quellenmaterial findet sich weiter im Buch von Catherine Nixey, “Heiliger Zorn”, (DVA 2019 München).
        Vielleicht sind solche Erscheinungen eine Gefahr, der monotheistische Religionen mit missionarischer Stossrichtung latend immer ausgesetzt sind.

        • Daniel Ric sagt:

          Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es in früheren Philosophien sehr gute Elemente gab. Die katholische Kirche hat immer betont, dass der Mensch auch über die Vernunft Gottes Willen erkennen kann. Ich habe aber grosse historische und philosophische Vorbehalte gegenüber Ihrer Aussage, dass der Menschenrechtsgedanke bereits im stoischen Denken begründet war. Wenn wir uns die neuzeitliche Menschenrechtsdiskussion betrachten, dann muss zuerst einmal festgestellt werden, dass es die spanischen Spätscholastiker waren, welche die Menschenrechte formulierten. Da das 18. und 19. Jahrhundert sich bewusst von der katholischen Kirche abgrenzen wollte und antiklerikal war, verschwieg man oft diesen Ursprung und behauptete sogar, die Menschenrechte hätten sich gegen den Willen der Kirche durchsetzen müssen.
          Philosophisch glaube ich, dass die Menschenrechte sehr stark im Glauben verwurzelt sind, jedem Menschen stehe als Person eine unendliche Würde zu. Dieser Glaube ist tief im Christentum verwurzelt.

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