Was meine ich mit diesem Terminus? Mir ist bewusst, dass ich diesen Text in der kurzen Frist schreibe, die in St.Gallen zwischen der Bischofswahl und der Verkündigung des Namens des neuen Bischofs liegt. Mir ist auch bewusst, dass dieser Vorgang nochmals exakt nach den Bedingungen des Konkordats aus dem 19.Jahrhundert und den wenigen an ihm vorgenommenen Änderungen stattfindet und damit rechtens, im doppelten Sinn staatskirchlich und kirchenrechtlich rechtens, ist. Mir ist auch bewusst, dass ich den neuen Bischof von St.Gallen kennen und schätzen werde und nichts am Vorgang selbst kritisieren werde.
Aber: Die Zeit ist um, lieber Neugewählter, liebe Kollegen/innen, liebes Heimatbistum. Die Legitimation, dass wir uns «Staatskirche» – «Kantonalkirche» – nennen können und dürfen, ist so dürftig geworden, dass wir selber darauf verzichten sollten. Die Zahl der Kirchenmitglieder schwindet und schwindet, die Zahl derjenigen, die sich noch am Pfarreileben beteiligen, noch mehr, diejenige derjenigen, die noch kirchlich heiraten, die ihre Kinder taufen lassen, ebenso. Immer mehr Vereine und Gruppen, die in der glorreichen Zeit des Ghetto-Katholizismus entstanden, gehen ein mangels Mitgliedern. Unsere moralisch-ethische Glaubwürdigkeit haben wir völlig eingebüsst, dank unserer sagenhaften Sexualmoral und ihrer grässlichen Auswirkungen auf den Klerus.
Und dann – und das ist viel gravierender – stellten wir und stellen wir weiterhin auch fest, dass diese Form der «staatlichen» und staatlich subventionierten Kirche so rein gar nichts zu tun hat mit dem Ursprung unserer Glaubensgemeinschaft! (Die sogenannte «Reformation» im Gefolge von Martin Luther übrigens machte alles noch weitaus schlimmer und führte direkt zum Bismarck’schen Gottesgnadenstaat.)
Nein, der Verrat am Ursprung ist offensichtlich: Aus einer pazifistischen radikalen Bewegung wurde eine Kirche, die staatliche Gewalt legitimierte und feldpredigerlich betreute; die Kritik am Gesetzesdenken der Pharisäer wurde sehr schnell durch den Codex und seine Ableger abgelöst; die Aufforderung Jesu, nicht zu schwören, schnell abgelegt und auf die Heiligen und noch mehr geschworen; die Armut war ganz schnell kein Wert mehr, an Werten blieb bald nur noch die Keuschheit, wie peinlich!; und dass wer ein Jünger Jesu sein will, der Diener aller sein soll, wurde durch das Beispiel unzähliger Kleriker widerlegt bis zum heutigen Tag (der scheidende Bischof Markus ausgenommen)
und und und …
Darum , lieber zwölfter Bischof von St.Gallen, zieh die Konsequenzen, bevor sie uns von der Geschichte gezogen werden, lass zu, dass wir beim selbstkritischen Blick vor dem Spiegel bestehen.
(Und das sei auch gesagt und in meine Heimat gesandt: Ich bleibe so oder so bei und mit Euch, ich gehe nicht. Wäre der neue Papst ein homophober Afrikaner gewesen, dann hätte ich ja gehen müssen. Aber ich habe Hoffnung.)
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant