Heinz Angehrn

Nach der Erkenntnis

Mit meinem letzten Eintrag hier (vom 8.Juni!) zum von Kardinal Marx angebotenen (und inzwischen vom Papst zurückgewiesenen) Rücktritt von seinem Posten als Erzbischof von München ist schon viel Zeit vergangen, auch ganz viel Wasser unseren Talfluss Brenno hinuntergeflossen. In dieser Zeit hat etwa der Churer Bischof sowohl der NZZ wie dem Tagesanzeiger viel beachtete Interviews gegeben und sich auch zu den Fragen geäussert, die ich in meinem Beitrag angesprochen habe.

Versuchen wir deshalb etwas zu sortieren:

a) Ganz offensichtlich ist das Konzept des Pflichtzölibats für die Weltgeistlichen in den ganzen gesellschaftlichen Umbrüchen des 20.Jahrhunderts endgültig gescheitert (wenn es denn bei der Einführung im frühen Mittelalter überhaupt je im logischen und moralischen Sinn mehrheitsfähig war), will heissen, Sinn und Verständnis dafür sind heute ausserhalb eines ganz engen Zirkels konservativ-traditionalistischer Katholiken/innen nicht mehr vorhanden.
Allerdings sind die finanziell-materiellen Gründe, die am Anfang wohl entscheidend waren, in Gesellschaften mit Altersrenten auch nicht mehr vermittelbar. Die Gefahr, dass ein Weltgeistlicher allfälligen Kindern Kirchenvermögen vermacht, ebenso wenig!

b) Asexualität um des Himmelreiches willen, wen wir diesem fallierten Konzept einen anderen, einen theologischen Sinn geben wollen, kann kaum vor dem neutestamentlichen Befund bestehen. In den radikalen jesuanischen Forderungen ging und geht es nie um gelebte oder nicht gelebte Sexualität, sondern um den Aspekt, dass ein/e Jünger/in Jesu sich nicht an die vergängliche Welt binden soll, sich nicht mit Besitz und Reichtum belasten soll, sich um der Zuwendung an die Bedrängten und Randständigen willen nicht an einen andern Menschen binden soll.
Erst mit dem strengen Dualismus zwischen Materie und Geist, zwischen Körper und Seele, der mit dem bekehrten Wüstling Augustinus in die christliche Theologie eingedrungen ist, quasi das vernichtende Urteil der jungen aufstrebenden Religion gegenüber dem zerfallenden dekadenten Imperium, kam es wohl zur Abwertung der Sexualität per se. Dass nun der Churer Bischof offen fordert, «mit dieser Prüderie» aufzuhören, ist ein weiteres Indiz, dass sich auch der geistige Hintergrund des Konzepts nicht mehr halten lässt.

c) Interessanterweise war es dann ja gerade Johannes Paul II., der mit dem Konzept einer «Theologie des Leibes» schon in den 80er Jahren die erwähnte Prüderie aufzubrechen versuchte. Noch war es natürlich der bescheidene Ansatz, die positiv gewertete heterosexuelle Sexualität und das kirchliche Konzept der abgelehnten künstlichen Empfängnisverhütung irgendwie in Einklang zu bringen (man/frau lese dazu unsere SKZ-Ausgabe 12/2021 zum Thema), doch der entscheidende Schritt war erfolgt.
Inzwischen ist die Sicht ausgeweitet auf hetero- und homosexuelle Sexualität, inzwischen ist auch klar, dass christlich-theologisch gesprochen Sexualität in einer stabilen Beziehung, die auf Treue, Dauer und Ehrlichkeit beruht, Anteilnahme an der Schöpferliebe Gottes bedeutet, ja deren Konkretion im Alltag ist. Der «Feind», wenn wir so sprechen wollen, ist für eine Schöpfungstheologie nicht gelebte Sexualität, sondern der promiske menschenverachtende Umgang mit der reinen Ware des weiblichen und männlichen Körpers.

d) Schlimm genug darum, dass im vergangenen Jahrhundert gerade das sinnlose Beharren auf dem Pflichtzölibat Kleriker in grosser Zahl in die Welten der Prostitution, der Promiskuität und der nicht übernommenen Verantwortung Frauen und Kindern gegenüber (man/frau lese die erschreckenden Erfahrungsberichte, die die ZöFra dazu gesammelt hat) getrieben hat. Die Conclusio lässt sich nicht vermeiden, dass man (diesmal nicht auch frau) mit einer früheren Aufhebung der Zölibatsverpflichtung zwar nicht unbedingt ein gewaltiges Ansteigen der Priesterberufungen, aber eine Reduktion solcher Missstände erreicht hätte.

e) Es geht nicht um Anpassung an den billigen Zeitgeist, es geht schon gar nicht um eine Übernahme der Werte einer «anything goes – Gesellschaft» (in dem Punkt, dass eine solche Gefahr besteht, gebe ich MG recht), es geht darum, die Grundwerte christlicher Ethik und Soziallehre auch in der eigenen Organisation umzusetzen. Menschenwürde auch beim Personal – bitte!

f) Und da die hier stattfindende Debatte in den Kommentaren der Fortsetzung wert ist, verlängere ich die Lebenszeit dieses Textes bewusst.

Bildquellen

  • funeral-5027631_1920: pixabay.com
28. Juli 2021 | 14:05
von Heinz Angehrn
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0 Gedanken zu „Nach der Erkenntnis

  • stadler karl sagt:

    Wenn Sie schreiben, dass es in der Bibel, vor allem im NT, um den Aspekt gehe, dass eine Jüngerin oder ein Jünger Jesu sich nicht an die vergängliche Welt binden soll, so kommt einem manchmal diese Haltung Jesu ein wenig hilflos vor. Manchmal will es scheinen, dass der Nazarener keine so friedliche Person war, als die er uns immer wieder vermittelt wird, vielleicht auch keine besonders duldsame. Selber trug er ja kaum gesellschaftliche Führungsverantwortung in der damaligen politisch sehr instabilen und gefährlich angespannten Lage. Er zeichnete sich eher dadurch aus, die jüdischen Autoritäten frontal anzugreifen und andersdenkende Menschen wie die Bewegungen der Pharisäer mit moralischen Vorhalten zu überziehen. Im Judentum geniesst diese Bewegung einen ganz anderen Stellenwert, der auch grosses soziales Engagement keineswegs fremd war. Wenn in diesem Zusammenhang Matth. 19, 16-29 herangezogen wird, dann ist man stark verunsichert, in diesem Religionsgründer bloss einen Friedenstifter zu sehen. Einfach pauschal Stimmung zu machen gegen begüterte Gesellschaftsschichten, auch angesichts von verbreiteter Armut, erweist sich ein wenig als selbstgerecht, aber auch als gefährlich anfeindend. Als ob alle Reichen bloss Unterdrücker und Ausbeuter wären. Und diese Anfeindungen setzten sich in der Folge ja auch tatsächlich fort: Der jungen, aufstrebenden Religion, wie Sie schreiben, kaum war sie mit Konstantin zu mehr Einfluss und Macht gelangt, kam die religiöse Toleranz, durch welche sich der Hellenismus und die römische Spätantike auszeichneten, sehr bald abhanden. Analoges lässt sich vielleicht auch zur Sexualmoral sagen, die den Menschen auferlegt wurde. Als kleines Beispiel möge dienen, wie mit den Schriften des Kobtrahenten Kelsos verfahren wurde, die, wären sie nicht von Origines gekontert worden, aufgrund christlicher Zerstörungswut kaum noch bekannt wären.
    Und hört man sich heute manche Auseinandersetzungen über kirchenpoitische und theologische Streitpunkte an, dann scheint es, dass diese hätten an schneidender Schärfe kaum verloren. Und es beschleicht einen die Frage, ob es denn überhaupt etwas geben kann, woran wir uns halten oder ein wenig verlässlich orientieren könnten als eben die Einsicht, dass uns nur diese vergängliche Welt zur Verfügung steht?

    • Michael Bamberger sagt:

      Kein einziger Friedensstifter würde einen derartig egomanischen Schwachsinn in die Welt setzen:

      “Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein…” (Lk 14,26-27)

  • Heinz Angehrn sagt:

    Ja, meine lieben Herren
    Ich mische mich ja nicht immer in die internen Diskussionen zu meinen Texten ein. Aber ich möchte gerne (wieder einmal) anfügen, dass ich seit meinen Studienjahren der Meinung war und bin, dass wir Jesus aus Nazareth als jüdisch-apokalyptischen Wanderprediger verstehen müssen, der zu Lebzeiten überzeugt war, dass das Ende von Zeit und Welt nahe bevor stand. Erst nach seiner Hinrichtung wurde er aufgrund der Erlebnisse in seinem Jüngerkreis, die wir Christen/innen “Auferstehung” nennen, zum geglaubten Christos unserer Religion. Wer nun so locker vom Hocker neutestamentliche Passagen seiner Lehre, die ganz nahe am zu vermutenden historischen Anfang liegen, 1:1 und wörtlich, quasi als “Wille des Gottessohnes”, in die Strukturfragen einer nun seit 2000 Jahren existierenden Kirche integrieren will, der argumentiert wenig überlegt. Man beachte etwa nur die Veränderung der “Selig”-Rufe von Lukas zu Matthäus und lerne daraus.

    • stadler karl sagt:

      Aber Sie schreiben, dass es bei den radikalen jesuanischen Forderungen nie um gelebte oder nicht gelebte Sexualität ging. Das mag sein. Aber dies ist ja auch nicht der springenden Punkt, wenigstens bezogen auf die damalige hellenistische Welt, die selbst in Jerusalem nicht völlig fremd war, wo diesem Aspekt, gerade auch, was die heute in der Kirche so viel diskutierte Frage der sexuellen Orientierung anbelangt, nie die grosse Bedeutung zukam, wie z.B. bei Paulus oder Origenes, also bereits lange vor Augustinus, der im übrigen kein Wüstling, sondern in seinen jungen Jahren zwar ein Lebemann, aber auch ein suchender Mensch und sehr begnadeter Rhetoriker war, dem eine glänzende Karriere im spätantiken Rom offengestanden hätte. Aber wenn es eine jesuanische Forderung war, wie Sie schreiben, und manche Bibelstellen sprechen dafür, sich um der Zuwendung an die Randständigen und die Bedrängten willen nicht an einen andern Menschen zu binden, dann erscheint eine solche Forderung nicht nur weltfremd, sondern unter anthropologischen Gesichtspunkten völlig unverständlich. Und dass eine solche Forderung im späteren Christentum sehr wohl auch dahingehend ausgelegt werden konnte, dass der Zölibat als Voraussetzung für einen engagierteren Einsatz seitens der Priesterschaft dienen könnte, was natürlich strukturelle Auswirkungen zeitigte, ist im Grunde nachvollziehbar. Die Forderung, sich an keinen Menschen zu binden, ist jedenfalls um vieles extremer als das Postulat, sexuell enthaltsam zu leben.

    • stadler karl sagt:

      Herr Angehrn, ich bin kein Bibel-Exeget und kenne die Schrift viel weniger gut als Sie. Aber dennoch fallen manche Dinge einem als Laien sehr wohl auf. Diese demonstrierte gefestigte Überzeugung, die nicht den geringsten Zweifel zulässt, auf dem richtigen Weg zu sein, begleitet von stark negativen Urteilen über andere Denkrichtungen, finden sich z.B. auch im AT, z.B. im Buch der Weisheit, das ja nur einige Jahrzehnte früher verfasst wurde. Liest man dort z.B. das Kapitel 2, dann zeigt sich schnell, dass hellenistisches Denken auch in Jerusalem nicht völlig unbekannt war. Wenn man sich Weisheit 2, 1-6 vor Augen hält, lassen sich vermutlich epikuräische Elemente, z.T auch stoische, erkennen, die in der Folge aufs schärfste verurteilt werden. Die Epikuräer waren keineswegs die dekadenten Genusssmenschen, wie es ihnen mancherorts unterstellt wurde. Und auch die Stoa war nicht die Geisteshaltung, die Unterdrückung und Ausbeutung förderte, wie es in diesen Zeilen den Anschein erwecken könnte. Ein etwas ähnlicher Geist, so will einem scheinen, atmet auch die Bergpredigt, die Seligpreisungen oder die Feldpredigt: Nicht die geringsten Zweifel und Verunsicherungen an der je eigenen Haltung, aber implizit scharfe Verurteilung anderer Lebensanschauungen. Diese Haltung des Nazareners kommt auch in innerjüdischen Auseinandersetzungen zum Ausdruck wo andere Bewegungen wie etwa die Pharisäer ebenfalls scharf verurteilt werden, was sich später auf das Christentum übertrug. Recherchiert man bei jüdischen Autoren, dann kam den Pharsäern zum Teil eine völlig andere Bedeutung zu, als jene, die ihnen durch Jesus zugeordnet wurde. Im Hellenismus zeigten jedenfalls weder die Stoiker noch die Epikuräer die missionarische Stossrichtung von Jesus und vor allem nicht das Bestreben zu herabblassender Verurteilug anderer Geistesrichtungen, wie es im frühen Christentum zum Ausdruck kommt. Die Saat der mehr oder weniger offenen Unduldsamkeit ging bereits damals auf und sie treibt ja in der Kirche auch heute noch in alle Richtungen Blüten. Die Debatte um Strukturen ist nur eine davon.

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