Daniel Kosch

Können auch Nichtreligiöse den Bettag feiern?

Religiöser Findling in säkularer Landschaft?

Der Bettag sei ein «religiöser Findling in einer säkularen Landschaft», so formuliert der reformierte Theologe Ralph Kunz in einem neuen Buch. Wie ein von den Gletschern zurückgelassener Steinbrocken stammt der Feiertag aus einer vergangenen Zeit. Fast die gesamte Bevölkerung gehörte damals einer der christlichen Konfessionen an. Doch als «Findling» hat der Bettag eine gewisse Attraktivität und Beständigkeit. Kunz stellt fest: «So schnell lässt sich der Bettag nicht unterpflügen. Zeitgeist hin oder her – mit Erosion ist dem Klotz nicht beizukommen. Man müsste ihn sprengen, um ihn loszuwerden.»

Tatsächlich ist der Bettag nach wie vor gesetzlich verankert. Er ist vom Staat und nicht von einer Kirche oder Religionsgemeinschaft angeordnet. Damit würdigt der Staat Religion in Form von Dank, Busse und Gebet positiv. Allerdings besteht der rechtlich bindende Beitrag des Staates zu diesem Feiertag seit jeher in etwas sehr Weltlichem: Er verbietet und schränkt ein. Und zwar – je nach Kanton – «Tanzveranstaltungen», «Kino», «Autowaschanlagen» und «Störung des öffentlichen Gottesdienstes». Dieser strenge Rahmen wurde zwischenzeitlich gelockert. Der Staat sorgt nicht mehr dafür, dass seine Bewohner kaum eine andere Wahl haben, als den Gottesdienst zu besuchen. Während die Raumplanungsgesetze strenger geworden sind, wurde die «Zeitplanungsgesetzgebung» liberalisiert. Rechtlich unterscheidet sich der Bettag kaum mehr von anderen Sonntagen.

Und doch: Der vormals christlich geprägte, heute säkulare und von religiöser Vielfalt geprägte Staat eröffnet und fördert weiterhin die Möglichkeit, an einem Tag im Jahr den Fokus auf Dank, Busse und Gebet zu legen, und erlässt in manchen Kantonen eine Bettags-Botschaft. Der staatlichen Aufforderung zu folgen und den Bettag zu gestalten ist jedoch in erster Linie Sache der Kirchen und Religionsgemeinschaften. An ihnen liegt es, die Bevölkerung dazu anzustiften, etwas Sinnvolles aus diesem Tag zu machen. Das geschieht immer öfter ökumenisch und interreligiös, mancherorts mit Beteiligung von Behörden und Politik.

Sich einem grösseren Ganzen anvertrauen – seine Kleinheit erleben – sich gleichwohl aufgehoben fühlen

Dass Kirchen, Religionsgemeinschaften und Menschen mit einer spirituellen Grundhaltung den Bettag als Unterbrechung von Hektik und Betriebsamkeit begrüssen, ist nicht erstaunlich. Denn er setzt einen Gegenakzent in einer Zeit, die Religion oft einseitig als Konfliktpotenzial sieht und mit Fundamentalismus, Gewalt und Rückständigkeit verbindet. Der Bettag erinnert daran, dass es zwischen den Konfessionen und Religionen viel Gemeinsames gibt und dass sie zum friedlichen und solidarischen Zusammenleben in der Schweiz und in der Welt beitragen.

Allerdings leben wir in Zeiten wachsender Kirchendistanz. Immer mehr Menschen bezeichnen sich als «konfessionslos» und «nicht religiös». Deshalb gewinnt die Frage an Bedeutung, welchen Sinn der Bettag für jene haben könnte, die der Philosoph Jürgen Habermas als «religiös unmusikalisch» bezeichnet. Dazu zwei Denkanstösse:

  1. Viele religiöse Menschen anerkennen, dass man sich auch ohne Glauben und Kirchenzugehörigkeit für eine menschliche, gerechte und friedliche Welt einsetzen kann. Entsprechend könnten nichtreligiöse Menschen den Bettag als Tag des Respekts und der Anerkennung dafür verstehen, dass Glaube und Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft für viele Menschen und damit auch für die Gesellschaft eine wichtige Ressource sind.
  2. Wir sind täglich damit konfrontiert, wie bedroht und bedrohlich die Welt ist – nicht zuletzt, weil Menschen das friedliche Zusammenleben und unsere Lebensgrundlagen eigennützig aufs Spiel setzen. Der Bettag setzt einen Gegenakzent zum Machbarkeitswahn. Denn man muss nicht im religiösen Sinn «fromm» sein, um für das Geschenk des Lebens zu danken (Dank), die Notwendigkeit selbstkritischer Besinnung auf eigenes Versagen zu anerkennen (Busse) und sich der Angewiesenheit auf Schutz und Hilfe bewusst zu sein (Gebet).

In diesem Sinn meinte die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr kürzlich, der tiefere Sinn des Bettags sei vielleicht, «vereint zu sein im Bemühen, sich einem grösseren Ganzen anzuvertrauen. Seine eigene Kleinheit zu erleben und sich dabei gleichwohl aufgehoben zu fühlen.»

Dieser Beitrag erschien zuerst als Gastkommentar in der AZ am Wochenende vom 16./17. September 2017.

Literatur: Eva-Maria Faber / Daniel Kosch (Hg.), Dem Bettag eine Zukunft bereiten. Geschichte, Aktualität und Potenzial eines Feiertags, Theologischer Verlag Zürich 2017, 342 Seiten.

© Daniel Kosch | Sommer 2017
16. September 2017 | 12:05
von Daniel Kosch
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