Heinz Angehrn

Keine Rezension

denn die offizielle zu diesem Buch, die in unserer SKZ erscheinen wird, hat Iso Baumer geschrieben und hat so schon länger mein Pult überquert…

Also hier meine Reaktion auf Martin Werlens «Zu spät». Ist dies eine Provokation, oder ist es schon ein Requiem, das er hier singt? Wenn nämlich etwas «fünf nach Zwölf» wäre, dann ist die Leiche schon kalt, allfällige Wiederbelebungen werden nichts nützen. Sieht er wirklich den Zustand der Kirche so? Natürlich: Er meint ja nur die Kirche in unseren westlichen Breitengraden, nicht die universale. So ist sie als ganze nicht schon kalt, steif und starr, aber als regionale. Natürlich meint er es nicht so, denn dann würde er uns nicht Jona (als fiktive Person in einer Lehrerzählung) mit auf den Weg geben. Sagen wir es einmal ironisch so: Wenn es nicht einmal für Ninive, die grosse sündige Stadt, fünf nach Zwölf ist, dann auch nicht für die Kirchengemeinschaft, die immer heilige und sündige zugleich ist. Also will er uns aufrütteln, sein «trotzdem» ist ja ein «trotzdem» der Hoffnung. Aber das alles oszilliert und schimmert gefährlich. Wenn Martin Werlen das alles eins zu eins ernst meinen würde, müsste er ja sein geliebtes Kloster stante pede verlassen (und den letzten dort Verbliebenen den Verkauf empfehlen) und ins Ninive der heutigen deutschsprachigen Welt, also nach Berlin Kreuzberg, umziehen. Aber das hat er nicht vor; die kaputte Glas-Dusch-Türe war nicht so bedrohlich, wie es etwa damals die Flucht seines Vor-Vorgängers aus dem Kloster war.

Sie merken/Ihr merkt (ich bin übrigens Fan einer «Sie-Kirche», nicht einer verbrüderungs / verschwesterungs-»Du-Kirche»…), dass ich nicht ganz klar und nicht ganz warm werde mit dem Text. Ich kann ihn zum einen in seinem fröhlichen literarischen Chaos nicht zuordnen (nehme es dem Verlag und auch dem Autor aber übel, dass sie mittendrin einen alten Text neu aufwärmen) und kann zudem nicht  erkennen, wo er uns nebst Angst und Kummer wirklich auch Hoffnung macht. Vielleicht erhellt mir dies den Sinn: Als ich einst nachts durch Ninive/Berlin zog, war meine Gefühlslage einiges verwirrter, und doch hat auch mir dieser Streifzug geholfen.

Weiter denke ich auch, dass Werlens ab und zu messerscharfe Analyse der verfahrenen Situation in vielen Kirchen-Baustellen genau nach dem ruft, was Martin Grichting andernorts schon postulierte: Schafft die staatlich privilegierten und finanzierten Kirchen bei uns endlich ab und werdet zur kleinen  Gemeinschaft der Überzeugten und Überzeugenden. Ich werde wohl am Leseabend «Brennpunkt Religion» von WirkRaumKirche in St.Gallen am 24.05. in etwa so argumentieren.

Bin gespannt auf Reaktionen.

 

4. April 2018 | 06:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!

2 Gedanken zu „Keine Rezension

  • Karl Stadler sagt:

    Es gäbe viele engagierte Menschen, die berufener und auch kreativer wären als der hier Schreibende, einen Kommentar beizusteuern. Ihr Vorschlag, die “staatlich privilegierten und finanzierten Kirchen endlich abzuschaffen”, würde vielleicht das berühren, was alt Abt Martin Werlen meint mit “sich nicht an Traditionen zu klammern, um der Tradition verpflichtet zu bleiben.” Genau das wollten ja die Jungfreisinnigen in Zürich vor nicht allzu langer Zeit verwirklichen. Aber selbst die Linken, z.B. Regierungsrat Mario Fehr, wollte davon nichts wissen, allerdings mit einer Argumentation – dass das karitative Engagement der Kirchen gefährdet wäre – die ich ordnungspolitisch im staatlichen Bereich nicht unbedingt für richtig halte. Und wieder andere , eben die, welche in Wiederbelebung der “Tradition” von den Traditionen Abstand nehmen wollen, fürchten gerade dadurch, jene zu stärken, denen gemäss ihrer Überzeugung die Traditionen wichtiger zu sein scheinen als die Tradition. Ja, Herr Angehrn, Sie bewegen sich mit diesem Anliegen in einem kirchenpolitischen Dilemma.

    Ich habe das Buch “fünf nach zwölf” von Martin Werlen zwar nicht gelesen, jedoch seine Erläuterungen dazu innerhalb eines Video-Interviews gehört. Ja, mich stört, als “Vertreter” von Stammtischatmosphären, Sie mögen es als Populismus werten, dass eine der Prämissen, wenn ich Martin Werlen richtig verstehe, in seiner gesellschaftlichen Analyse implizit lautet, viele Menschen würden sich ein wenig interesselos bloss an Oberflächlichkeiten orientieren. Wenn im Buch Jona, welchem Martin Werlen grossen Stellenwert beimisst, der damalige häbräische Autor in Ninive einen “Sündenphuhl” sieht, so mag das angehen, wurden die Juden doch in früheren Jahrhunderten im Zusammenhang mit dem assyrischen Expansionsstreben zum Teil versklavt und verschleppt. Aber dieses Buch, dieses Ninive, metaphorisch in die heutige Zeit zu übertragen in Form einer diagnostischen Analyse der Gesellschaft in unseren Breitengraden, dahingehend, dass es mit uns bereits zu spät , bzw. höchste Zeit zur Umkehr sei und auf die auf uns lastenden Defizite gleichzeitig hinzuweisen, scheint mir doch ein wenig gewagt. Auch in andern Zusammenhängen hat sich Martin Werlen, wenn ich mich richtig erinnere, sinngemäss geäussert, dass sich viele Menschen aus Interesselosigkeit aus ihrer Verwantwortlichkeit abmelden oder aussteigen würden. Gewiss: Unter Defiziten, zum Teil schweren Defiziten leiden wir alle und um zentralste Belange, von globaler Relevanz, ist es keineswegs gut bestellt. Dennoch möchte ich Martin Werlen vehement widersprechen. Der erdrückende Teil der Menschen auch hierzulande orientiert sich in keiner Weise bloss an Oberflächlichkeiten, versucht sich auch nicht aus der täglichen Verantwortung zu stehlen. Aber manch eine, oder viele Personen sind gewiss im Hinblick auf viele Bereiche menschlichen Daseins verunsichert. Und vielleicht verwundert dies auch nicht. Ich weiss nicht, ob es bloss einen subjektiven Eindruck, eine täuschende Befindlichkeit beinhaltet, wenn es einem seit längerer Zeit scheinen will, als würden in Zeiten der digitalen Kommunikationsmöglichnkeiten, im Flusse der wissenschaftlich-technologisch-ökonomischen Umwälzungen und unter dem normativen Druck der stetigen Anmahnungen politischer Korrektheit die Konturen kultureller Leitplanken, die bis anhin ein wenig zur Identifikation des eigenen Standortes beizutragen vermochten, und die nicht zuletzt teilweise auch von Institutionen wie den Kirchen den Menschen ideologisch indoktriniert wurden, immer mehr zerfliessen und sich schliesslich ganz auflösen. Ein eher objektives Symptom dafür mag vielleicht sein, dass heutzutage folkloristische Events und Symbole und massenhaft Kulturverantstaltungen verschiedenster Richtungen geradezu inflationäre Ausmasse und ganz subtil normativ-religiöse Züge annehmen.

    Kürzlich war auf kath.ch ein Interview mit dem Jugendbischof Alain de Raemy zu lesen. In unseren Jahrgängen gilt man gewiss nicht mehr als Adressat seiner Äusserungen. Dennoch: Er sagte sinngemäss u.a., dass die Jugend auf der Suche nach einem sicheren Identifikationsort sich befinde, aber auch – da fühle ich mich eher angesprochen – dass Eltern ihren Jugendlichen nicht bloss “artiges Benehmen” oder “Traditionen ohne Erklärungen” beibringen sollten. Ja, das sagt dieser Bischof einfach so locker vom Hocker! Versucht man das Unterfangen umzusetzen, gewissse Traditionen keineswegs aus einer legalistischen Haltung, vielmehr , soweit es die eigenen Fähigkeiten erlauben, auch aus einer hermeneutischen Perspektive heraus dem Nachwuchs näher zu bringen, sieht man sich prompt dem Einwand ausgesetzt, dass man in fortgeschrittenem Alter endlich kapieren sollte, dass sich die Welt stetig verändert. Punkt!
    Wenn der ehemalige Abtprimas Notker Wolf , auch im Kontext mit Martin Werlens Buch und Vorhaltungen, heute eingangs des Interviews Jesus mit dessen Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr zitiert, vermutlich stellvertretend für viele andere Schriftstellen wie der Berg- oder Feldpredigt und ihn als grundehrlichen Menschen von vielen damaligen Heuchlern, nicht zuletzt den jüdischen Autoritäten, abhebt, so wird ausgeblendet, dass der Nazarener, wie andere damalige Prediger, jeglicher politischen Verantwortung auswich, zumindest nie eine solche wahrnehmen musste. Solche isolierten Äusserungen tragen der historischen Wirklichkeit von damals in keinenr Weise dahingehend Rechnung, dass die jüdischen Autoritäten verantwortlich waren für die politische Stabilität , die im damaligen Israel äusserst gefährdet war und bereits zu früheren Zeitpunkten durch blutige Aufstände ins Wanken geriet. Da kann man anlässlich des politisch aufgeladenen Pessachfestes in Jerusalem keinen Unruhestifter brauchen, der einen sozialen Spaltpilz wie die Berpredigt oder das gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr in die Bevölkerung hineinträgt . Es gibt im übrigen auch historische Hinweise, dass Pilatus nicht im Ansatz ein mit Skrupeln behafteter Statthalter war, ein Motiv, mit dem die frühe Christenheit dem Judas und den jüdischen Autoritäten, stellvertretend für das Judentum, eine Rolle zuwies, die sich in der Folge der Geschichte so verheerend auswirken sollte. Und gut dreissig Jahre später brachen einmal mehr Aufstände aus, die bekanntlich mit riesigen Massakern, der Zerstörung des zweiten Tempels und der weiteren Zerstreuung der Juden in der Diaspora endeten.

  • Karl Stadler sagt:

    Zurückommend auf Ihren Vorschlag, “die staatlich privilegierten und finanzierten Kirchen”, abzuschaffen: Ja, er besitzt eine gewisse Aktualität, wenn man gewisse Blogbeiträge liest, denen auf öffentlichen und zwangsweise mitfinanzierten (Juristische Personen) Plattformen Raum eingeräumt wird, um in stetiger Wiederkehr einseitige, verzerrte und an Ausgewogenheit in keiner Spur erinnernde Propaganda gegen den Staat Israel zu platzieren, wie das jüngst wieder im Beitrag von Walter Ludin passiert. Dass es auch unter den Israelis Rassisten, Rechtsextreme und blinde religiöse Fundamentalisten und Fantiker gibt, die dem Frieden massiv im Wege stehen, ist längst ein Allgemeinplatz. Aber über all die Jahre wird im Blog “Ludin” der Eindruck vermittelt, das Übel des Konflikts liege ausschhliesslich und einzig bei den Israelis und deren verfehlten Siedlungspolitik. Diese Verzerrung ist schlimm, sehr schlimm sogar. Im neuesten Beitrag versucht er gar den Eindruck zu vermitteln, es finde derzeit kein Import von eigentlichen Antisemitismen aus der muslimisch-arabischen Welt nach Europa statt (Flaggenverbrennung in Berlin). Konfliktbezogen sind da Essays von Amos Oz, wie in dessen neuer Publikation “Liebe Fanatiker: Drei Poädoyers”, geradezu wohltuend zu lesen. Verfasst mit der stark kritischen Distanz zur Politik der derzeitigen Regierung, aber auch mit bestimmter Klarheit die gefährliche Unberechenbarkeit der Gegenseite im Blick behaltend, und obwohl selber ein Linker, nicht von linken Dogmatismen, wie sie hierzulande zu dieser Frage zum Teil vorherrschen, geblendet. Oder wenn sich ein Blogger einmal das Buch von Georges Bensoussan “Les Juifs du monde arabe. La Question interdite” zu Gemüte führen würde. Ich fand Zeit, es während des Sptialaufenthaltes im Februar zu lesen. Angesichts der derzeitigen Proteste in Gaza – welche knallhart orchestriert und mit unzimperlichen Methoden von der Hamas organiseirt werden – sich die Frage zu stellen, was denn mit den 900’000 jüdischen Flüchtlingen und deren Nachkommen ist, die im Gefolge des Krieges von 1948, drei Jahre nach dem Holocaust, die arabische Welt verliessen?
    Warum werfen sich manche Krichenleute in dieser Frage so verbissen ins Zeug, schlicht blind auf dem einen Auge? Gerade Vertreter der Kirche, einer Institution, die ihrerseits die jahrtausende alte Geschichte aufzuarbeiten hätte, einer Geschichte, die sich letztlich eben sehr wohl auch wirkungsmächtig und teilweise mitursächlich zu diesem Konflikt und der Frage des Zionismus erweist?
    Überhaupt: Warum will die Kirche denn immer “verkünden”? Hat sie den gewöhnlichen Menschen von den Stammtischen denn wirklich immer etwas an Urteilskraft und politisch-ethischem Distinktionsverögen voraus? Trägt sie tatsächlich mehr bei oder ist sie weniger ohnmächtig zur Behebung all des grossen Elends, das überall in der Welt anutreffen ist? Es wil einem nicht immer überzeugend erscheinen, dass die derzeit in vieler Munde sich findende Forderung nach “sich politisch einmischen” den Kernauftrag, Hilfestellung bei Fragen der Bewälltigung der Kontingenz zu leisten, erfüllt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.