Keine Rezension

denn die offizielle zu diesem Buch, die in unserer SKZ erscheinen wird, hat Iso Baumer geschrieben und hat so schon länger mein Pult überquert…

Also hier meine Reaktion auf Martin Werlens «Zu spät». Ist dies eine Provokation, oder ist es schon ein Requiem, das er hier singt? Wenn nämlich etwas «fünf nach Zwölf» wäre, dann ist die Leiche schon kalt, allfällige Wiederbelebungen werden nichts nützen. Sieht er wirklich den Zustand der Kirche so? Natürlich: Er meint ja nur die Kirche in unseren westlichen Breitengraden, nicht die universale. So ist sie als ganze nicht schon kalt, steif und starr, aber als regionale. Natürlich meint er es nicht so, denn dann würde er uns nicht Jona (als fiktive Person in einer Lehrerzählung) mit auf den Weg geben. Sagen wir es einmal ironisch so: Wenn es nicht einmal für Ninive, die grosse sündige Stadt, fünf nach Zwölf ist, dann auch nicht für die Kirchengemeinschaft, die immer heilige und sündige zugleich ist. Also will er uns aufrütteln, sein «trotzdem» ist ja ein «trotzdem» der Hoffnung. Aber das alles oszilliert und schimmert gefährlich. Wenn Martin Werlen das alles eins zu eins ernst meinen würde, müsste er ja sein geliebtes Kloster stante pede verlassen (und den letzten dort Verbliebenen den Verkauf empfehlen) und ins Ninive der heutigen deutschsprachigen Welt, also nach Berlin Kreuzberg, umziehen. Aber das hat er nicht vor; die kaputte Glas-Dusch-Türe war nicht so bedrohlich, wie es etwa damals die Flucht seines Vor-Vorgängers aus dem Kloster war.

Sie merken/Ihr merkt (ich bin übrigens Fan einer «Sie-Kirche», nicht einer verbrüderungs / verschwesterungs-»Du-Kirche»…), dass ich nicht ganz klar und nicht ganz warm werde mit dem Text. Ich kann ihn zum einen in seinem fröhlichen literarischen Chaos nicht zuordnen (nehme es dem Verlag und auch dem Autor aber übel, dass sie mittendrin einen alten Text neu aufwärmen) und kann zudem nicht  erkennen, wo er uns nebst Angst und Kummer wirklich auch Hoffnung macht. Vielleicht erhellt mir dies den Sinn: Als ich einst nachts durch Ninive/Berlin zog, war meine Gefühlslage einiges verwirrter, und doch hat auch mir dieser Streifzug geholfen.

Weiter denke ich auch, dass Werlens ab und zu messerscharfe Analyse der verfahrenen Situation in vielen Kirchen-Baustellen genau nach dem ruft, was Martin Grichting andernorts schon postulierte: Schafft die staatlich privilegierten und finanzierten Kirchen bei uns endlich ab und werdet zur kleinen  Gemeinschaft der Überzeugten und Überzeugenden. Ich werde wohl am Leseabend «Brennpunkt Religion» von WirkRaumKirche in St.Gallen am 24.05. in etwa so argumentieren.

Bin gespannt auf Reaktionen.

 

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/keine-rezension/