Walter Ludin

Kapitalismus-Kritik

Zuerst ein kleines Quiz: Von wem stammt dieser Text:

«Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.

Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.»

Die bekannte Schriftstellerin Luise Rinser zitierte vor vielen Jahren diesen Text in einem Vortrag vor über 200 Schweizer Wirtschaftsführern. Kein einziger dieser Herren hatte eine Ahnung, wer dies geschrieben hat. Des Rätsels Lösung: Er stammte aus dem «Ahlener Programm» der deutschen CDU! (1947) Zwei Jahre später sei er «in aller Stille begraben worden».

Luise Rinser legte der illustren Gesellschaft weitere kapitalismus-kritische Texte vor, so etwa der Päpste Pius XI. oder Johannes XXIII. Es war nicht zu erwarten, dass die Referentin sich damit vor allem Freunde schuf. So schrieb das bürgerliche Aargauer Tagblatt einen Verriss.

Rinser meinte dazu: «Was hätte die erst geschrieben, wenn der Rabbi Jeschua ihnen jene Rede gehalten, die er den Reichen und Mächtigen seiner Zeit hielt?» Gute   Frage!

PS: Vor etlichen Jahren hatten wir Schweizer Kapuziner eine Studienwoche über gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen. Ein «christlicher Unternehmer» bezog sich auf ein Zitat, das in jenem Jahr in der Fastenopfer-Agenda stand: «Arbeit hat Vorrang vor dem Kapital.» Er warnte, die Kirche solle sich nicht lächerlich machen mit solchen Stammtisch-Sprüchen. Wir konnten den stolz sich «christlich» nennenden Herrn aufklären, dass der Satz von Johannes Paul II. stammte, aus seiner Sozialenzyklika «Laborem exercens» …

Ein Zentrum des Kapitalismus © Walter Ludin/ Abu Dhabi VAE
26. Mai 2020 | 08:36
von Walter Ludin
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0 thoughts on “Kapitalismus-Kritik

  • stadler karl says:

    Ja, dieses Ahlener Programm ist in der Folge ja auch nie wirklich zum Tragen gekommen. Ein grosses Verdienst, dass Westeuropa nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges wieder wirtschaftlich in relativ kurzer Zeit auf die Beine kam, haben nicht zuzletzt, tortz ihrer Fehler und Schwächen, die heute in weiten Kreisen so sehr verpönten USA, die mit dem Marshallplan Westeuropa half, die Konjunktur anzukurbeln, damit die Menschen aus der ärgsten Armut herauskamen. Ich finde es müssig, generalisierend kapitalilstisch organisierte Wirtschaftssysteme zu kritisieren und zu verurteilen. Frau Rinser jedenfalls hätte gut daran getan, auch auf die DDR und die von der Sowjetherrschaft aufoktroyierte Panwirtschaft Bezug zu nehmen . Die BRD hätte den Vergleich, wie es den einfachen Menschen in den beiden Sektoren ging, kaum jemals auch nur im Ansatz scheuen müssen. Eine kaptitalistische Marktwirtschaft muss ja nicht zwingend massloses Gewinnstreben und rücksichtslose Ausbeutung bedeuten, wie es manchen neolilberalen Ideologen und Konzernen vorschwebt. Dass marktwirtschaftliche Systeme, die ein Stück weit alle kapitalistisch funktionieren, deswegen aber keineswegs soziale Aspekte auszuklammern brauchen, hat schon der Wirtschaftstheoretiker Wilhelm Röpke, der ebenfalls in der Nachkriegszeit aktiv war, überzeugend vertreten. Solche Ansätze waren sozialistischen Planwirtschaften letztlich immer ebenbürtig, wenn nicht gar weit überlegen. Dafür gäbe es sehr viele empirische Beispiele. Und selbst in ökologischen Belangen hatten die sozialistischen Planwirtschaften den marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften in keiner Weise etwas voraus.
    Ich glaube auch nicht, dass Johannes Paul II mit seiner Enzyklika einer sozialistischen Planwirtschaft das Wort reden wollte, hatte er doch am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, unter derartigen Verhältnissen leben zu müssen. Dies war ja auch einer der Gründe, die ihn, trotz sehr schlimmen Missständen in Südamerika, zu manchen Befreiungstheologen ein wenig auf Distanz gehen liess. Dass es auch im westlichen Einflussbereich zu grossen Verzerrungen, Ungerechtigkeiten, Ausbeutung und Misständen kam und immer wieder kommt, das bestreitet kaum jemand ernsthaft. Die Konzernverantwortungsinitiative, der ich persönlich zustimmen werde, würde gerade eine Gelegenheit bieten, wieder einmal solche Missstände in Erinnerung zu rufen und auf unsere Verstricktheit aufmerksam zu machen.

  • Michael Bamberger says:

    Bei solch geballter Kapitalismuskritik erstaunt mich die völlige Kritiklosigkeit Walter Ludins Luise Rinser gegenüber:

    – 1934 verfasste sie unter dem Titel Junge Generation ein Lobgedicht auf Adolf Hitler.

    – Sie gehörte seit 1936 der NS-Frauenschaft und bis 1939 dem NS-Lehrerbund an.

    – 1943 schrieb sie für den NS-Propagandafilm-Regisseur Karl Ritter das Drehbuch für den geplanten Film Schule der Mädchen.

    – Ihr Lügengebilde im Zusammenhang mit ihrer Inhaftierung 1944 wurde u.a. in einem offiziellen Dokument des Landgerichtsgefängnisses Traunstein entlarvt.

    – José Sánchez de Murillos im April 2011 in Deutschland erschienene Biographie Luise Rinser – Ein Leben in Widersprüchen – nimmt zahlreiche und wesentliche Richtigstellungen an Rinsers eigener Lebensdarstellung in der Nazi-Zeit vor. Laut Murillo hat Rinser nachweislich 1933 als Junglehrerin ihren jüdischen Schuldirektor denunziert (sie beschwerte sich über dessen angeblich schlampige Arbeit) und soll damit ihre eigene Karriere befördert haben.

    – 1968 kritisierte sie in einem offenen Brief das Urteil wegen der Kaufhaus-Brandstiftungen gegen Andreas Baader und Gudrun Ensslin. An den Vater Ensslins schrieb sie: „Gudrun hat in mir eine Freundin fürs Leben gefunden“.

    – Den Revolutionsführer Ajatollah Chomeini pries sie als „leuchtendes Vorbild für die Länder der Dritten Welt“.

    – Luise Rinser war eine ausgesprochene Bewunderin des nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung.

    Quellen: Wikipedia

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