Kapitalismus-Kritik

Zuerst ein kleines Quiz: Von wem stammt dieser Text:

«Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.

Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.»

Die bekannte Schriftstellerin Luise Rinser zitierte vor vielen Jahren diesen Text in einem Vortrag vor über 200 Schweizer Wirtschaftsführern. Kein einziger dieser Herren hatte eine Ahnung, wer dies geschrieben hat. Des Rätsels Lösung: Er stammte aus dem «Ahlener Programm» der deutschen CDU! (1947) Zwei Jahre später sei er «in aller Stille begraben worden».

Luise Rinser legte der illustren Gesellschaft weitere kapitalismus-kritische Texte vor, so etwa der Päpste Pius XI. oder Johannes XXIII. Es war nicht zu erwarten, dass die Referentin sich damit vor allem Freunde schuf. So schrieb das bürgerliche Aargauer Tagblatt einen Verriss.

Rinser meinte dazu: «Was hätte die erst geschrieben, wenn der Rabbi Jeschua ihnen jene Rede gehalten, die er den Reichen und Mächtigen seiner Zeit hielt?» Gute   Frage!

PS: Vor etlichen Jahren hatten wir Schweizer Kapuziner eine Studienwoche über gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen. Ein «christlicher Unternehmer» bezog sich auf ein Zitat, das in jenem Jahr in der Fastenopfer-Agenda stand: «Arbeit hat Vorrang vor dem Kapital.» Er warnte, die Kirche solle sich nicht lächerlich machen mit solchen Stammtisch-Sprüchen. Wir konnten den stolz sich «christlich» nennenden Herrn aufklären, dass der Satz von Johannes Paul II. stammte, aus seiner Sozialenzyklika «Laborem exercens» …

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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