Walter Ludin

Kapitalismus: hilfreich oder böse?

Ausgangspunkt dieses Buches ist die Behauptung, welche der Top­-Manager eines der weltweit grössten, in der Schweiz ansässigen Konzerns gemacht hat: die kapitalistische Ordnung sei die gerechteste Organisationsform, die die Erde je gesehen habe. Sie garantiere die Freiheit und das Wohlergehen aller Menschen. In einem wohl fiktiven und spannenden Gespräch greift eine Enkelin von Jean Ziegler diese These auf. Ihr 85-jähriger und nach wie vor kämpferischer und bestens informierter Grossvater stellt die Fakten richtig: Der Kapitalismus habe eine kannibalistische Weltordnung geschaffen: «Überfluss für eine kleine Minderheit und mörderisches Elend für die grosse Mehrheit.»

Gewiss, wer schon Bücher des wohl bekanntesten Schweizers der Gegenwart gelesen hat, kennt seine Meinungen. Aber dank der literarischen Form eines Gesprächs werden viele Zusammenhänge auf kleinstem Raum (bloss 127 Seiten!) von Neuem klarer und sichtbarer.

Und: Auch wer Jean Ziegler aus ideologischen Gründen nicht mag, muss eingestehen: Dieser Mann hat sich den Zustand der Welt nicht hinter seinem Schreibtisch am Genfer See ausgedacht. Durch seine engagierte Mitarbeit bei der UNO – verbunden mit vielen Studienreisen – hat er an Ort und Stelle erfahren, was Sache ist.Walter Ludin

Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin. Bertelsmann 2019. ISBN/GTIN978-3-570-10370-8. 127 S., ca. CHF 23.90

ZITATE

Nicht-kommunistische Sowjetunion
«Natürlich verdiente die Sowjetunion die stolze Bezeichnung kommunistisch nicht. Die Gerontokraten im Kreml waren so kommunistisch wie ich buddhistisch bin.»

Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus. S. 40

Schlimmer als der 11. September 2001
Durch die terroristischen Anschläge in New York starben 2973 Menschen. «Diese Tragödie hat die Welt erschüttert. 18 Jahre später beherrscht das monströse Verbrechen noch immer das kollektive Bewusstsein. Aber an diesem selben 11. September 2001 sind, wie an jedem Tag, in der südlichen Hemisphäre mehr als 17 000 Kinder unter zehn Jahren am Hunger oder an seinen unmittelbaren Folgen gestorben. Von ihnen hat praktisch niemand gesprochen.

Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus. S. 98

© S. Hofschlaeger/pixelio.de
16. Oktober 2019 | 09:01
von Walter Ludin
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0 thoughts on “Kapitalismus: hilfreich oder böse?

  • stadler karl says:

    Gewiss weiss Jean Ziegler, wenn er vom Elend auf diesem Globus schreibt, von was er spricht. Er war nicht nur Professor, sondern er ist ein viel gereister Mann, und sass in manchen UN-Gremien. Aber ich würde mich hüten, ihn als alleinige Referenz beizuziehen, wenn es darum geht, die Ursachen und Zusammenhänge für dieses Elend zu analysieren. Da gibt es reihenweise messerscharfe, streng wissenschaftliche Analytiker, absolut keine ausschliesslichen Bücher-Gelehrten, die keineswegs dem Kapitalismus das Wort zu reden bestrebt sind, die über weite Strecken mit Publikationen von Jean Ziegler nicht einverstanden wären.
    Oder was soll man mit der Aussage anfangen, die sowjetische Gerontokratie unter Leonid Breschnev, Andropov, Tschernenko etc. oder die chinesische unter Maodsedong habe mit Kommunismus nichts zu tun? Tatsache ist jedenfalls, dass alle diese Potentaten und ihre Vorgänger sich auf den Marxismus berufen haben, mit dem Ziel, in messianischer Vision einer kommunistisch-sozialistischen Weltordnung zum Durchbruch zu verhelfen, und dass gleichzeitig im Machtbereich dieser kommunistischen Staaten im Verlaufe ihrer Existenz nicht Millionen Menschen, sondern zig-millionen Menschen innert weniger Jahrzehnte ins Gras beissen mussten, (die Schätzungen belaufen sich zwischen vierzig und fünfzig Millionen) und zwar keineswegs als Kriegstote! Als Beispiel mache man sich einmal kundig, was seit 1990 in Simbabwe abging? Zeugnisse, nicht aus dem Lager des früheren Oppositionsführers Nkomo, sondern aus dem Lager von Mugabe selber, sprechen da eine deutliche Sprache. In der NZZ gab es einmal darüber einen recht umfassenden Beitrag (ich weiss nicht mehr genau wann), wo vor allem Stimmen aus Simbabwe zu Wort kamen. Da kam Mugbe alles andere als gut weg und ausgerechnet diesem Mugabe hat Jean Ziegler noch letztes Jahr halbwegs das Wort geredet.
    Wo gibt es oder gab es denn ein sozialistisch-kommunistisches Experiment auf diesem Globus, das nicht ebenfalls von Gewalt, Brutalität, Korruption, Niedergang und ökologischer Zerstörung begleitet gewesen wäre, genauso, wie alle Auswüchse des internationalen Raubtierkapitalismus sich heute noch auszeichnen?
    Gibt es eine grössere Paradoxie in der neueren Geschichte, als dass nach dem Ende der Herrschaft von Maodsedong in China Deng Xiaoping die Wirtschaft öffnete, sie von einer sozialistischen Planwirtschaft in eine kapitalistische Wirtschaft umstrukturierte und innert ganz weniger Jahrzehnte hunderte Millionen von Chinesen aus der tiefsten Armut herauszog, derart, dass sich ein veritabler Mittelstand bilden konnte? Von solchen Prozessen können sämtliche Hilfswerke, Entwicklungshilfen und NGOs nur träumen! Und die Kehrseite der Medaille? Riesige ökologische Schäden, die den Schäden, verursacht durch die traditionellen Industriegesellschaften, und zwar kapitalistischer wie sozialitischer Prägung, in keiner Weise nachstehen.
    Was bringen die historizistischen und messianischen Träumereien im kommunistishen Manifest von 1848, wenn sie, empirisch betrachtet, den anthropologischen Gegebenheiten über weiteste Strecken schlicht nicht entsprechen?
    Analog zu Jean Zieglers Aussage würde sich vielleicht im theologischen Streit zwischen Konservativen und Progressiven die Frage stellen lassen, ob die Gerontokratie im Vatikan etwas Authentisches verkörpere, was dem eigentlichen, oder besser “wahren” Christentum zuzurechnen wäre? Jedoch, entsprechen zentrale Texte wie die Berg- oder Feldpredigt wirklich den anthropologischen Gegebenheiten oder keimt in ihnen nicht vielmehr, wenn auch ganz subtil, und kaschiert mit Toleranz und Achtung, bereits Zwietracht, Hass und Ausgrenzung?
    Wenn man sich vor Augen hält, wie bereits frühe Christen mit Schriften eines Kelsos oder Porphyrios umsprangen. Paradoxeweise wissen wir von Kelsos nur deswegen, weil Origines an ihm und seinen Schriften kaum einen guten Faden liess. Oder wenn man bedenkt, wie sich Kirchenväter und Kirchenlehrer, die in der Theologie heute zum Teil noch eine namhafte Rolle spielen und verehrt werden, sich für die Beschädigung und Zerstörung von antik-heidnischen Kulturgut stark machten oder sich als Hassprediger betätigten? Zu denken wäre da an Namen wie Ambrosius, Augustinus, Benedikt von Nursia, Theophilos von Alexndrien, Johannes Chrysostomos, Cyril von Alexandrien, Basilius von Caesarea und viele andere mehr. Kaum wurde das Christentum zur Staatsreligion erklärt, entstand der Codex Theodosianus. Wer Zeit hat, möge sich einmal darin kundig und ein Bild machen, wie im vierten und fünften Jahrhundert seitens der Christenheit gegenüber andern Kulturen und Religionen verfahren wurde. Die eigentlichen Zerstörer antiken Kulturgutes waren weiss Gott nicht die Barbaren, etwa die Vandalen, Ost- oder Westgoten, sondern über weite Strecken die Christen, die den Geist des Erlösers in die Welt tragen wollten. Selbst wenn man der Christenheit zugute halten will, dass über die mittelalterliche Klosterkultur manches antikes Kulturgut tradiert wurde, so schätzen manche Archeologen und Altertumsforscher dennoch, dass zwischen 80 und 90% antik-heidnischen Kulturgutes durch das frühe Christentum zerstört wurde. Wen wundert es da, dass griechsiche Philosophie zum Teil vorerst im islamischen Raum rezipiert wurde und erst von dort ins Abendland Eingang fand. Oder der IS war beispielsweise beileibe nicht die erste Bewegung, welche die wunderbare hellenische Stadt Palmyra in Syrien schwer beschädigte. Alles setzte sich, wie wir wissen, fort. Im Mittelalter die Kreuzzüge, in der Neuzeit die Entdeckung der neuen Welt, die Religionskriege usw. Und im Zeitalter nach der Aufklärung übernahmen säkulare Bewegungen, ebenso getragen von messianischen Visionen, den Handlungsduktus, sei es im Zeitalter des Kolonialismus, sei es durch riesige revolutionäre Umwälzungen. Die Folgen sind ebenfalls bekannt.
    Was soll man also mit Aussagen anfangen, der real existierende Sozialismus habe mit Kommunismus nichts zu tun oder die Kirchen würden nicht die authentische Glaubensverkündung vertreten?

  • H. Dormeier says:

    Zum Thema Finanzkapitalismus:

    Statt eines längeren Statements möchte ich nur ein paar Zitate anbringen, die m.E. für sich sprechen.

    Warren Buffet, der erfolgreichste Großinvestor der USA und deshalb ein sicher unverdächtiger Zeuge, wurde im Jahr 2006, also noch vor der Finanzkrise, von der New York Times interviewt und gefragt „Was ist Ihrer Meinung nach der zentrale Konflikt unserer Zeit?“ Er hat geantwortet: „Das fragen Sie noch? Das liegt doch auf der Hand. Es ist der Krieg, der Krieg ‚Reich gegen Arm‘. Und meine Klasse, die Klasse der Reichen, hat diesen Krieg begonnen und wird diesen Klassenkampf auch gewinnen.“ Schon einige Jahre zuvor hatte Buffet Derivate als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet.

    Möglich macht das die weltweite Herrschaft des Finanzkapitalismus, die den Realkapitalismus schon lange abgelöst hat.

    Diese Herrschaft des Kapitals hatte Papst Franziskus mit Sicherheit im Blick, als er im Jahr 2013 zu Recht feststellte: „Diese Wirtschaft tötet.“

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