Heinz Angehrn

Jetzt reicht's endgültig

Immer wieder fällt auf, wie Wahrheit um 180° gedreht, mit dubiosen bis gar völlig unlogischen Argumenten in Gegenwahrheit gedreht werden kann. Das tut – sowohl im politischen wie im ethischen Geschäft – immer dann besonders weh, wenn dies auf dem Buckel von Minderheiten stattfindet. Es ist den Kritikern/innen des Zeitgeistes (man vergleiche etwa diverse Artikel in der «Weltwoche» und rechtskatholischen Organen oder auch manche Äusserungen meines ehemaligen Kollegen in der Redaktionskommission der SKZ, GG) ja zuzustimmen, wenn sie sagen, dass heutzutage alles Unmögliche und Unvernünftige, sogar Unethische – wenn nur genügend medialer Lärm aufgesetzt und saures Moralin vergossen wird – als möglich, vernünftig und moralisch behauptet und zur neuen Norm erklärt werden kann. Nur fällt diese Kritik sehr oft ebenso sehr auf die Kritiker wie die von ihnen Kritisierten zurück. Es tat und tut schlechthin weh, ökologisch engagierten Menschen zuzuhören, die das Recht auf Leben nicht schützen und plötzlich die Freiheit zum Vernichten von Leben fordern. Ebenso weh tut es, Frau Gabriele Kuby (»Missbrauch») und dem Verfasser des Vorworts zu ihrem Buch, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, zuzuhören, wie sie Wahrheit um 180° drehen, bis sie zu ihrer reaktionären Weltsicht passt. Und wieder – dort im Blick auf ungeborene Kinder, hier im Blick auf die diskriminierte Minderheit der gleichgeschlechtlich Fühlenden – wird Machtmissbrauch betrieben. Schämen Sie Sich denn nicht? Nein, natürlich schämen sie sich nicht, sondern verdrehen ungerührt die Fakten und rühren sie zu einer ganz kruden ideologischen Suppe zusammen.

[Ich habe nicht vor, auch nur einen müden Euro in die Hand zu nehmen und dieses Buch auch noch zu bestellen. Aber Frau Kuby war ja so freundlich, in der «Tagespost» (»Der Abgrund des Missbrauchs») uns einen längeren Auszug gratis zu präsenteren. Und das Vorwort des Kirchenmannes ist schon jetzt in seinen Spitzen abrufbar.]

Die Sachlage ist einigermassen objektiv die: Frau Kuby (eine Konvertitin) und Herr Müller (ein von Franziskus Gemassregelter) stören sich an der minimal-leichten Öffnung, die die katholische Kirche unter dem jetzigen Papst vornimmt. Als ein Parade-Beispiel führt Kuby etwa die Veröffentlichungen von Klaus Mertes zur Frage an [schon absurd, nicht wahr, denn Mertes sorgt sich in zumindest gleichem Ausmass wie die Verfasserin um die Opfer und mahnt die Institution]. Für Frau Kuby ist der Verrat schon geschehen: Viele Priester und Theologen sind «strukturell verweltlicht» (Müller) und verwässern die Lehre der Kirche (Kuby). Es geht ihnen um das, was ich hier schon oft als Hauptziel der Konservativen angeführt habe: den Rückzug ins Ghetto der letzten wahren Gläubigen, die baldmöglichste Umwandlung der katholischen Kirche in eine katholikale Sekte. Moralische Verfallserscheinungen sind für Müller Folge der «Korruption der Glaubenslehre».  Er suggeriert damit allen Ernstes, dass Kritik an mehrheitlich ethisch-problematischen (und gerade nicht dogmatisierten) Lehren der Kirche die Ursache und nicht etwa eine Begleiterscheinung des Lebens mit diesen Lehren ist. Dem sage ich: Da wird der Bock zum Gärtner gemacht.

Nun können Sie mich zu Recht fragen, warum ich mich denn hier enerviere. Sollen wir nicht dieser Minderheit ihr Recht zur freien Meinung lassen, soll ein gekränkter Kirchenfürst nicht seinem Chef grollen dürfen? Als Kantianer sage ich zu beidem Ja, ich beanspruche solches ja gelegentlich auch für mich. ABER: Mit ihrer Argumentation (und Müller stützt Kuby in ihren unglaublichen Phantasien) konstruieren sie folgenden Zusammenhang: Der Zerfall der sicheren Ordnung in Welt und Kirche ist letztendlich der «perversen» und von der göttlichen Ordnung abweichenden Minderheit gleichgeschlechtlich fühlender Menschen zu verdanken. Sie sind verantwortlich für Sittenlosigkeit und Unmoral. Wenn man die nur aus der Institution beseitigen würde (schon gar nicht zum Priestertum zulassen etwa), wäre die wieder heil und gerettet. Entschuldigung für die Analogie, Frau Kuby und Herr Müller: Das erinnert mich ganz gewaltig an eine berüchtigte historische Argumentation, die des Nationalsozialismus im Blick auf die Juden. Wollen Sie vielleicht eine «neue Endlösung», wenn nicht eine physische, dann zumindest eine strukturelle?

(Und die Folge? Wir wissen aus den Untersuchungen über evangelikale Sekten, dass gerade in solchen Gruppen pädophiler Missbrauch durch die geistigen Führer häufig war…)

 

 

12. Dezember 2018 | 06:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 3  Min.
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3 Gedanken zu „Jetzt reicht’s endgültig

  • Karl Stadler sagt:

    Ich bin nicht Insider. Aber der Eindruck, den Bergoglio bei mir bis anhin während seines Pontifikats hinterliess, war irgendwie immer, dass er in seiner Denkungsart von seinen vorgängern Ratzinger und Wojtyla im Grunde nicht abwich. Darum ist es schon erstaunlich, dass kürzlich gar in der Tagesschau plötzlich Kritik an ihm laut wurde.
    Was hat er denn, beispielsweise im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlicher Liebe, jemals anderes gesagt als seine Vorgänger? “Wer bin ich denn, dass ich urteilen dürfte?” Aber genau das sagten doch im Grunde auch seine Vorgänger, bloss ein wenig anders formuliert! Darum erstaunt es immer ein wenig, dass solches von den eher progressiv denkenden Gläubigen schlichtweg ausgeblendet wird. Soweit ich sehe, hat sich Franziskus nie vom entscheidenden normativen Kriterium distanziert, “dass gleichgeschlechtliche Liebe nicht dem göttlichen Plan und dem Naturrecht entspreche”! Das wäre doch der entscheidene Punkt. Liesse sich Franziskus wirklich durch eine andere Denkungsart leiten als seine Vorgänger, hätte er spätestens am 8. Dezember 2016 dem Dokument der Kongregation für den Klerus “Ratio fundamentalis Institutionis Sacerdotalis” , vor allem der dortigen Ziffer 95, die Approbation verweigern müssen. Ich kenne die Mechanismen im Vatikan nicht. Aber man sollte doch davon ausgehen dürfen, dass aufgrund der krichenrechtlichen Stellung des Papstes dieser in groben Zügen bei solch relativ zentralen Dokumenten dieser weiss, was er bestätigt und zur Publikation frei gibt.
    Gerade bei solchen Themen ist es halt immer eine Krux, wenn mit naturrechtlichen Positionen argumentiert wird. Ratzinger macht dies ja immerr wieder auf klassische Weise. Es lässt sich doch genauso gut folgende Haltung vertreten: Die biologischen Geschlechtsunterschiede zwischen Mann und Frau weisen eine Objektivität aufgrund natürlicher Gegebenheiten und evolutionärer Entwicklungen auf, haben sich im Laufe der Geschichte der Menschheit nie verändert und bilden notwendige Bedingungen für den Zeugungsakt. Anderseits scheint klar zu sein, dass das soziale Geschlecht in keiner Weise identisch mit dem biologischen Geschlecht ist, dass es vielmehr über weite Strecken normative Vorgaben beinhaltet, die sich in zugeschriebenen Eigenschaften zeigen, die im Verlaufe der Menschheitsgeschichte und in verschiendenen Kulturen verschiedene Inhalte aufweisen können. Nichts von angeblichem “Naturrecht”, alles nur kulturell bedingte Konventionen und von Menschen installierte Normen. Und ebensowenig hat sich aufgrund der Evolution und der biologischen Geschlechtsunterschiede jemals ergeben, dass gleichgeschlechtliche Präferenzen ausgeschlossen wären. Es gibt wahrscheinlich kaum eine Kultur, wo gleichgeschlechtliche Gefühle und Lebensformen nicht präsent wären. In der einen wurden solche Lebensformen tabuisiert, in einer andern wiederum mehr oder weniger integriert. Dies alles hat nichts mit angeblichem Naturrecht zu tun. Die Natur kennt keine (ethischen oder rechtlichen) Normen, allenfalls bloss Gesetze, die sich mittels induktiver Methoden begründen lassen. Normen exitieren nur in den Köpfen der Menschen, bilden schlichte Konventionen, die kaum jemals in Stein gemeisselt sind. Dies gilt letztlich für Rechtsordnungen genauso wie für Ethiken, ja auch für die Menschenrechte.
    Aber wenn man sich so äussert, wird man ja kurzerhand als “Nazi” apostrophiert, als einer, der nur das Recht des Stärkeren akzeptiere. Ist mir auch schon passiert. Dem muss jedoch keineswegs so sein. Es geht doch letztlich nur, allerdings um die sehr schwierige frage: Wie lässt sich eine strigent logische Geltungsbegründung einer Ethik bewerkstelligen, ohne auf ein gedankliches Konstrukt wie “Naturrecht” oder irgendeine religiöse Offenbarung rekurrieren zu müssen?

  • stadler Karl sagt:

    Es war ein Fehler, eigentlich hätte ich im Kommentar das letzte Mal vor allem auf den zweitletzten Absatz Ihres Beitrages eingehen sollen. Das war ja der wichtigste Teil Ihres Beitrages. Ich stimme Ihnen völlig zu, dass die sittliche Befindlichkeit einer Gesellschaft kaum Schaden nimmt, bloss weil sie sich offen zeigt auch für gleichgeschlechtliche Lebensformen. Sie kann in den Köpfen der Menschen nur dann “Schaden” nehmen, wenn, wie das im derzeit geltenden Katechismus der Fall ist, ein Sexualleben nur dann als der sittlichen Ordnung (Offenbarung oder “Naturrecht”) konform zugelassen wird, wenn als normative Prämisse nur heterosexuelles Verhalten anerkannt wird. Klar: In einem solchen Fall muss dann in einer deduktiven Schlussfolgerung praktizierte gleichgeschlechtliche Liebe verurteilt werden. Theologisch kann ich nicht mitreden. Die einschlägigen Stellen bei Paulus oder bei Levitikus können vielleicht schon in diesem Sinne gelesen werden. Vitus Huonder hat dies in Deutschland damals in seinem Vortrag ja auch getan, was den unsäglichen Shitstorm auslöste. Manche Hermeneutiker werden ihm kaum zustimmen wollen und es entsteht der nicht endende Streit darüber, was denn in dieser Frage als mit der Offenbarung konform gelten darf.
    Aber unbesehen dieses “theologische Gestürms” haben Sie völlig recht, dass es trotz allem wirklich vermessen ist, einfach zu behaupten, der sittliche Niedergang einer Gesellschaft sei u.a., unbesehen jeglicher empirischer Datenlage, auf solche Lebensformen zurückzuführen. Wer wie Sie die praktische Philosophie Kants als ethische Leitlinie heranzieht, sieht sofort, dass es relativ unwichtig ist, zu welcher diesbezüglichen Lebensform sich ein Mensch hingezogen fühlt und welche er wählt, dass jedoch anderseits auch die Lebensform einer gleichgeschlechtlichen Präferenz ethisch genauso eine grosse Herausforderung darstellt wie die von der Mehrheit praktizierte heterosexuelle Präferenz.

  • Karl Stadler sagt:

    Gib es vielleicht im kulturell-religiösen Bereich, in einer metaphorischen Betrachtungsweise, auch synaptische Übertragungen, derart, dass man von exitatorisch oder inhibitorisch agierenden Transmittern sprechen dürfte. Die Geschichte von Bethlehem und Golgatha liesse sich dann möglicherweise in viel zahlreicheren Bedeutungen vermitteln.

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