Immer wieder fällt auf, wie Wahrheit um 180° gedreht, mit dubiosen bis gar völlig unlogischen Argumenten in Gegenwahrheit gedreht werden kann. Das tut – sowohl im politischen wie im ethischen Geschäft – immer dann besonders weh, wenn dies auf dem Buckel von Minderheiten stattfindet. Es ist den Kritikern/innen des Zeitgeistes (man vergleiche etwa diverse Artikel in der «Weltwoche» und rechtskatholischen Organen oder auch manche Äusserungen meines ehemaligen Kollegen in der Redaktionskommission der SKZ, GG) ja zuzustimmen, wenn sie sagen, dass heutzutage alles Unmögliche und Unvernünftige, sogar Unethische – wenn nur genügend medialer Lärm aufgesetzt und saures Moralin vergossen wird – als möglich, vernünftig und moralisch behauptet und zur neuen Norm erklärt werden kann. Nur fällt diese Kritik sehr oft ebenso sehr auf die Kritiker wie die von ihnen Kritisierten zurück. Es tat und tut schlechthin weh, ökologisch engagierten Menschen zuzuhören, die das Recht auf Leben nicht schützen und plötzlich die Freiheit zum Vernichten von Leben fordern. Ebenso weh tut es, Frau Gabriele Kuby (»Missbrauch») und dem Verfasser des Vorworts zu ihrem Buch, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, zuzuhören, wie sie Wahrheit um 180° drehen, bis sie zu ihrer reaktionären Weltsicht passt. Und wieder – dort im Blick auf ungeborene Kinder, hier im Blick auf die diskriminierte Minderheit der gleichgeschlechtlich Fühlenden – wird Machtmissbrauch betrieben. Schämen Sie Sich denn nicht? Nein, natürlich schämen sie sich nicht, sondern verdrehen ungerührt die Fakten und rühren sie zu einer ganz kruden ideologischen Suppe zusammen.
[Ich habe nicht vor, auch nur einen müden Euro in die Hand zu nehmen und dieses Buch auch noch zu bestellen. Aber Frau Kuby war ja so freundlich, in der «Tagespost» (»Der Abgrund des Missbrauchs») uns einen längeren Auszug gratis zu präsenteren. Und das Vorwort des Kirchenmannes ist schon jetzt in seinen Spitzen abrufbar.]
Die Sachlage ist einigermassen objektiv die: Frau Kuby (eine Konvertitin) und Herr Müller (ein von Franziskus Gemassregelter) stören sich an der minimal-leichten Öffnung, die die katholische Kirche unter dem jetzigen Papst vornimmt. Als ein Parade-Beispiel führt Kuby etwa die Veröffentlichungen von Klaus Mertes zur Frage an [schon absurd, nicht wahr, denn Mertes sorgt sich in zumindest gleichem Ausmass wie die Verfasserin um die Opfer und mahnt die Institution]. Für Frau Kuby ist der Verrat schon geschehen: Viele Priester und Theologen sind «strukturell verweltlicht» (Müller) und verwässern die Lehre der Kirche (Kuby). Es geht ihnen um das, was ich hier schon oft als Hauptziel der Konservativen angeführt habe: den Rückzug ins Ghetto der letzten wahren Gläubigen, die baldmöglichste Umwandlung der katholischen Kirche in eine katholikale Sekte. Moralische Verfallserscheinungen sind für Müller Folge der «Korruption der Glaubenslehre». Er suggeriert damit allen Ernstes, dass Kritik an mehrheitlich ethisch-problematischen (und gerade nicht dogmatisierten) Lehren der Kirche die Ursache und nicht etwa eine Begleiterscheinung des Lebens mit diesen Lehren ist. Dem sage ich: Da wird der Bock zum Gärtner gemacht.
Nun können Sie mich zu Recht fragen, warum ich mich denn hier enerviere. Sollen wir nicht dieser Minderheit ihr Recht zur freien Meinung lassen, soll ein gekränkter Kirchenfürst nicht seinem Chef grollen dürfen? Als Kantianer sage ich zu beidem Ja, ich beanspruche solches ja gelegentlich auch für mich. ABER: Mit ihrer Argumentation (und Müller stützt Kuby in ihren unglaublichen Phantasien) konstruieren sie folgenden Zusammenhang: Der Zerfall der sicheren Ordnung in Welt und Kirche ist letztendlich der «perversen» und von der göttlichen Ordnung abweichenden Minderheit gleichgeschlechtlich fühlender Menschen zu verdanken. Sie sind verantwortlich für Sittenlosigkeit und Unmoral. Wenn man die nur aus der Institution beseitigen würde (schon gar nicht zum Priestertum zulassen etwa), wäre die wieder heil und gerettet. Entschuldigung für die Analogie, Frau Kuby und Herr Müller: Das erinnert mich ganz gewaltig an eine berüchtigte historische Argumentation, die des Nationalsozialismus im Blick auf die Juden. Wollen Sie vielleicht eine «neue Endlösung», wenn nicht eine physische, dann zumindest eine strukturelle?
(Und die Folge? Wir wissen aus den Untersuchungen über evangelikale Sekten, dass gerade in solchen Gruppen pädophiler Missbrauch durch die geistigen Führer häufig war…)
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant