Walter Ludin

Gegen die Anti-Semitismus-Keule

Eine notwendige Vorbemerkung: Immer, wenn ich hier im Blog auch nur einen kritischen Nebensatz gegen die Menschenrechtsverletzungen des israelischen Staates äusserte, kam der Schlachtruf «Anti-Semitismus». Darum bin ich dankbar für die vor wenigen Wochen erschienene «Jerusalemer Deklaration». Sie wurde verfasst von mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die meisten davon jüdisch (!!).

Die «Jerusalemer Deklaration» versucht u. a. die Frage zu klären, wie weit Kritik am jüdischen Staat und an der Politik Israels geübt werden darf, ohne dass dies als Antisemitismus empfunden wird. Ich finde sie sehr hilfreich und ausgewogen. Darum hier einige Abschnitte:

Was ist NICHT antisemitisch?
«Wir wollen den Kampf gegen Antisemitismus stärken … und Räume für eine offene Debatte über die umstrittene Frage der Zukunft Israels/Palästinas wahren. Die Feindseligkeit gegenüber Israel kann Ausdruck eines antisemitischen Ressentiments sein, aber auch eine Reaktion auf eine Menschenrechtsverletzung.

Nicht per se antisemitisch ist
– die Unterstützung der palästinensischen Forderungen nach Gerechtigkeit und der vollen Gewährung ihrer politischen, nationalen, bürgerlichen und menschlichen Rechte, wie sie im Völkerrecht verankert sind.
 – Es ist nicht per se antisemitisch, auf systematische rassistische Diskriminierungen hinzuweisen.
– Der, wenngleich umstrittene Vergleich Israels mit historischen Beispielen einschliesslich Siedlerkolonialismus oder Apartheid ist nicht per se antisemitisch.
Was IST antisemitisch?
Antisemitismus kann sich in Worten, Bildern und Handlungen manifestieren. Beispiele für antisemitische Formulierungen sind Aussagen, dass alle JüdInnen wohlhabend, von Natur aus geizig oder unpatriotisch seien.  In antisemitischen Karikaturen werden JüdInnen oft grotesk, mit grossen Nasen und in Verbindung mit Reichtum dargestellt. Beispiele für antisemitische Taten sind: jemanden angreifen, weil sie oder er jüdisch ist, eine Synagoge angreifen, Hakenkreuze auf jüdische Gräber schmieren oder Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Judentum nicht einzustellen oder nicht zu befördern.»

Leider ist im Internet nur ein Link auf die englische Version der Deklaration zu finden:
www.jerusalemdeclaration.org

Jerusalem © zvg
8. April 2021 | 10:03
von Walter Ludin
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0 thoughts on “Gegen die Anti-Semitismus-Keule

  • stadler karl says:

    “Wenn ‘altbekannte’ Antisemitismusforscher jahrelang Antisemitismus relativieren, mit Rassismus gleichsetzen und systematisch Israelboykott-Aufrufe legitimieren, dann sollte man sich nicht wundern, warum Antisemiten mittlerweile so selbstbewusst auftreten”. Das meint Ahmad Mansour, Psychologe, deutsch-israelischer Staatsbürger plästinensischer Herkunft, der seit 2004 in Deutschland lebt und sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung und mit Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft beschäftigt, zur besagten “Jerusalemdeclaratioin”.

    “Die ‘neue Antisemitismusdefinition’ geriert sich nun unter dem schon oft strapazierten Namen ‘Jerusalem Declaration’ als Alternative zur IHRA-Definition – und lässt dabei die Forschung zum Judenhass der vergangenen 60 Jahre aussen vor. Die Unterzeichner, viele von ihnen ohne einschlägige Expertise, erheben den Anspruch auf eine Antisemitismusdefinition, die besser und präziser sei, die ‘die Meinungsfreiheit nicht einschränken soll’. Als ob die IHRA-Definition dies je getan hätte…. Wer die lange Geschichte von über 2000 Jahren Judenfeindschaft und ihre chamäleonartige Anpassungsfähigkeit kennt, weiss, dass dies eine grobe Fehleinschätzung ist. Judenhass ist eine kulturelle Konstante. Deshalb ist er so resistent….Um sich vor dem Vorwurf des Antisemitismus zu schützen und weiterhin ungestört judenfeindliche Botschaften verbreiten zu können, benutzen Antisemiten im öffentlichen Raum indirekte Sprechakte mit Substitutionen wie ‘Israel-Lobby’ oder ‘Zionisten’. Das Wort Jude muss nicht artikuliert werden, um Antisemitismen zu produzieren….Der israelbezogene Antisemitismus, nachweislich heute die vorherrschende Variante, wird jedoch von allen Antisemiten geleugnet, verschwörungsfanatisch gar als ‘Erfindung, die Kritik am Zionismus unterbinden soll’, diskreditiert. Dieser Tendenz müssen Politik und Gesellschaft entgegentreten. – und zwar anders als in den üblichen Sonntagsreden auch und gerade mit Blick auf die jüdischen Opfer antisemitscher wie anti-israelischer Gewalt……Dass die ‘Neudefinition’ ausgerechnet diese dominante Form des Judenhasses im 21. Jahrnundert relativiert, spielt all denjenigen in die Hände, die ‘Israelkritik’ sagen und Judenfeindschaft meinen. Die IHRA-Definition hat zu Recht, und bestätigt von der Forschung, diese Manifestation fokussiert, denn sie führt die Tradition des Antijudaismus modern formuliert fort. Der Hass auf den jüdischen Staat verbindet heute alle Antisemiten gleich welcher politischen Richtung; er ist das Bindeglied zwischen allen sonst divergierenden Gruppen und dadurch besonders gefährlich. Zumal der Hass allzu oft als “legitime Kritik” legitimiert wird….Zudem bleibt politische Neutralität , sine qua non für Wissenschaft, auf der Strecke: Dies ist ein politisches Pamphlet, wie schon der selbst gewählte Begriff der ‘Deklaration’ nebst ‘Päambel’ nahelegt (Kategorien, die der Forschung fremd sind), kein wissenschaftlicher Text. Hier wird auch klar politisch Partei im arabisch-israelischen Konflikt ergriffen. Es kommt ausschliesslich das palästinensische Narrativ zum Ausdruck….Die ist keine wissenschaftliche Definition, sondern eine politische Manifestation…”.
    Das schreiben heute in der “Jüdischen Allgemeinen” – http://www.juedische-allgemeine.de – zwei namhafte Antisemitisumsforscherinnen und ein Antisemitismusforscher unter dem Titel “Jerusalem Erklärung” – Faktisch falsche Prämissen.
    Ohne den Staat Israel als unschuldig darstellen oder einer Kritik entziehen zu wollen, – alle Welt weiss, dass dort auch Ungerechtigkeiten existieren, auch gegenüber den Palästinensern, ist es dennoch unveständl
    ich, warum hier ausgerechndet aus christlicher Warte dieser Staat immer wieder einseitig und verzerrt in ein negatives Licht gerückt wird und gleichzeitig all die tödlichen Gefahren, die rings um ihn lauern, ausgeblendet werden und die Palästinenser lediglich als Opfer und die Israelis als die alleinigen Täter hingestellt werden. Wenn der Judenhass, wie die Autorinnen und der Autor schreiben, eine kulturelle Konstante darstellt, dann gewiss nicht zuletzt auch im christlich geprägten Kulturraum. An empirischen Beispielen würde es da nicht fehlen.

  • stadler karl says:

    Walter Ludin und ich liegen uns immer wieder gegenseitig in den Haaren, wenn es um die Causa “Israel Palästinenser” geht. Wir sind uns ganz offensichtlich über weite Strecken in diesem Thema nicht einig und werden es auch in Zukunft kaum sein. Soweit es dieses Thema betrifft, erachte ich den Blog von Walter Ludin als ein öffentliches “Israel-Tribunal, bei dem der jüdische Staat vorbehaltlos auf die Anklagebank verwiesen wird. Wenn ich dagegenhalte, oftmals vielleicht auf eine etwas raue und verletzende Art, so will ich damit keineswegs sagen, Walter Ludin sei ein “Judenhasser” oder Antisemit. Walter Ludin ist ein aufrechter Christ und Kirchenmann. Dennoch scheint es mir in keiner Weise korrekt, dass der Staat Israel , wenn in diesem Blog von ihm die Rede ist, a priori in den Anklagezustand versetzt wird, dies unter Ausblendung der gesamten vielfältig komplexen und verfahrenen Situation, die diesen Konflikt in Gang hält und noch lange in Gang halten wird, während die Palästinenser ausschliesslich in der Opferrolle posieren dürfen.
    Angesichts des beängstigenden Anwachsens von Antisemitismus in Europa, sowohl traditioneller rechter wie linker Provenienz, aber auch im Zuge der Migrationsentwicklung, im Hinblick auf den Umstand, dass Judenfeindschaft in der christlichen Tradition bis zu den Anfängen zurückreicht und das Christentum eine grosse historische Schuld aufzuarbeiten hätte; im Blick darauf, dass wir, ob Christen oder nicht, in einem christlich geprägten Kulturraum sozialisiert wurden und schliesslich auch in Anerkennung der Tatsache, dass dem Staate Israel für das Judentum weltweit in vielfältiger Hinsicht eine enorme Bedeutung zukommt, müsste Walter Ludin dafür besorgt sein, innerhalb dieses Israel-Tribunals eine feste Verteidigung des Angeklagten zu installieren, um auch diesem auf dieser kirchlichen Plattform eine wirksame Stimme zu verleihen.

  • Ich wäre durchaus dankbar, wenn es im Rahmen des Kirchenblogs jemandem gäbe, der mit einem persönlichen Blog Partei ergreift für den Staat Israel. Vielleicht wäre K. Stadler die geeignete Person!!! Ich wäre jedenfalls ständiger User ….

  • stadler karl says:

    Nein, Walter Ludin, ich wäre nicht die geeignete Person. Wir befinden uns auf einer christlichen Plattform. Nach meinem Dafürhalten müsste es eine Person sein, die eine überzeugende Christin oder Christ ist und die gleichzeitig über die fachlichen Voraussetzungen verfügen würde. Beides trifft auf mich nicht zu.

  • karl stadler says:

    Ich halte mich für einmal auch nicht an die Regel und kommentiere zu einem Thema, das in einem andern Blog angehandelt wird, weil dort die Kommentarspalten verschlossen bleiben. Aber es soll Gegenrede gehalten werden! Nein, Herr Angehrn, wieder einmal driften unsere Meinungen völlig auseinander. Natürlich haben alle die Nase voll, sind müde, vermissen die unbeschwerten sozialen Kontakte und viele Menschen leiden stark darunter. Gewiss tragen die Jungen daran schwerer als wir Alten, aber es fällt auch uns teilweise schwer. (keine Stammtische mehr, wo die Welt verbessert wird) Und es trifft weite Teile der Wirtschaf, des Gewerbes und der Kultur mit grossen Schäden. Dennoch: Was Sie da propagieren, finde ich gar nicht gut. Ich glaube den Virologen und Epidemiologen nach wie vor mehr als manchen Politikern, die nun plötzlich die Grund- und Freiheitsrechte entdeckt haben und uns weismachen wollen, wir seien eine blinde Herde von Kopfnickern. Diese Pandemie zeigt doch, dass auch eine moderne, technisch hoch entwickelte Zivilisation vor unerwarteten Krisen in keinster Weise gefeit ist, dass sie letztlich nicht weniger zerbrechlich ist als frühere Zivilisationen. Schauen Sie doch einmal ins Ausland, beobachten, was dort abgeht! Nach Frankreich, oder nach Israel. Die Israeli, gewohnt, in Krisenzeiten nicht lange zu fackeln, führten anfänglich rigorose Massnahmen ein, hatten die Pandemie mehr oder weniger im Griff, galten als Musterschüler. Und schon kam der politische Druck, und es wurden bald allzu frühe Lockerungenn eingeführt und prompt schnellten die Infektionsraten, aber auch die Todesraten in die Höhe. Wer sich verhielt, wie Sie es propagieren, waren die Ultraorthodoxen, die zwar keine Partys feierten, aber die religiösen Feste und das religiöse Leben nicht regelkonform begehen wollten. Und wo wütete die Pandemie am schlimmsten? Genau bei den Ultraorthodoxen. Da nützten Glaubensüberzeugungen und religiöse Gesetzesbräuche herzlich wenig.
    Oder schauen Sie nach Brasilien! Bolsonaro glaubt auch, alles sei nur Geschwätz. Und dort schauen sie bereits einer vierten Welle entgegen. Und was alarmierend erscheint: Je länger das Virus in der Bevölkerung wirkt, umso mehr Mutationen stellen sich ein. In Brasilien werden mittlerweile in schnellem Tempo Menschen in der Altersguppe von 20 bis 30 Jahren befallen mit schwersten und tödlichen Verläufen.
    Ich verstehe die Urner Sicherheitsdirektion voll und ganz, dass sie die für heute geplante politische Manifestation bei uns in Altdorf untersagte. Ich weiss nicht, was diese freiheitsliebenden Menschen haben, dass sie immer zum Tell nach Altdorf pilgern wollen. Als ob dieser die Pandemie eindämmen könnte oder die Kraft hätte, uns vor einer behaupteten Behördenblindheit zu heilen. Am Schluss sah es so aus, dass zwischen 5000 und 10000 Personen erwartet worden wären. Die hätten ja bei uns in Altdorf gar keinen Platz (fast ein Drittel unserer Bevölkerung). Und mit Maskentragen und Abstandhalten, was ja kaum möglich gewesen wäre, haben viele von diesen Menschen nichts am Hut. Und Uri steht derzeit, verglichen mit andern Kantonen, ohnehin fast am schlechtesten da.

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