Symbolbild zum Tag der kirchlichen Berufe. © IKB
Walter Ludin

«Für wen gehst du?» – Unsere Berufung

Die katholische Kirche feiert heute weltweit den Gebetstag für kirchliche Berufe. Wir wollen dabei nicht abseitsstehen.

Erlauben Sie mir dazu zuerst eine persönliche Bemerkung: In der Schweiz gibt es einen Verein und eine Arbeitsstelle, die diesem Thema gewidmet ist. Vor vielen Jahren war ich in ihrem Vorstand. Ich erinnere mich noch heute an eine heftige Diskussion, die wir damals hatten. Ein alter Pfarrer aus dem Wallis kämpfte dafür, dass wir uns auf geistliche Berufe beschränken, also nur um gute Priester und Ordensleute beten sollten. Von den so genannt kirchlichen Berufen – Laientheologen, Katecheten gäbe es eh genug. Und sie seien vielleicht auch nicht so wichtig.

Die Zeiten haben sich geändert. Es gibt auch einen eklatanten Mangel an Pastoralassistenten, Katechetinnen, Katecheten und so weiter. Und wir sehen auch ein, dass diese eine ganz wesentliche Rolle in der Kirche spielen. Darum ist es unbedingt notwendig, auch sie in das Gebet um Berufungen einzuschliessen.

Die genannte Arbeitsstelle, die Information kirchliche Berufe/IKB geht seit vielen Jahren noch einen Schritt weiter. Sie erinnert an die christliche Berufung, die jede und jeder von uns hat.

Dazu eine Geschichte, die Sie vielleicht schon kennen. Sie stammt aus der Welt der Chassidim/ frommen Juden Osteuropas im 18. Jahrhundert. Dort hatten viele reiche Bauern einen Wächter, der die ganze Nacht durch ihre Felder zog und auch schaute, dass in ihre Ställe und Häuser niemand einbrach. Ein jüdischer Rabbi begegnete auf seinem nächtlichen Spaziergang einem solchen Wächter. Dieser fragte ihn: «Für wen gehst du?» Das Wort traf den Rabbi wie ein Pfeil. «Noch gehe ich für niemanden», brachte er mühsam hervor.

«Für wen gehst du?» Diese Frage wird auch an uns gerichtet. In der Geschichte, die wir gehört haben, geht es um eine Anstellung. Die Frage bedeutet dort: «Für wen arbeitest du?» In der Welt der frommen Juden, die uns die Geschichte überliefert haben, geht es aber um viel mehr. Gefragt wird hier: «Für was lebst du?» Oder besser: «Für wen lebst du?» Dazu zwei kurze Sätze:

  • «Ein Herz hat nur, wer es für andere hat.» Dieser Satz stammt vom Dichter Christian Friedrich Hebbel. Er bedeutet: Wer sein Herz für andere verschliesst, handelt herzlos.
  • Ich erlaube mir, einen zweiten Satz hinzuzufügen: «Das Leben ist kein Privatvergnügen.» Diese Aussage stammt von einem unbedeutenden Autor, nämlich von mir … Er bedeutet: Wer egoistisch lebt, verfehlt sein Leben.

Kurz zusammengefasst: Wir sind gerufen und berufen, unserem Leben einen Sinn zu geben, indem wir unsere Herzen füreinander öffnen; indem wir das Leben der andern wenigstens ein bisschen lebenswerter machen.

Damit sind wir beim heutigen Evangelium. Jesus sagt dort: «Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt und es in Fülle habt.»

In der Nachfolge Jesu sind wir berufen, dieses Werk weiterzuführen. Wir sind beauftragt, Leben zu fördern. Dieser Auftrag, dieser Ruf geht ausnahmslos an jede/an jeden von uns.

Dazu meinte der grosse englische Kardinal John Henry Newman:

Ich bin berufen,
etwas zu tun oder zu sein,
wofür kein anderer berufen ist.
Ich habe einen Platz in Gottes Plan,
auf Gottes Erde,
den kein anderer hat.
Ob ich reich bin oder arm,
verachtet oder geehrt bei den Menschen,
Gott kennt mich
und er ruft mich mit meinem Namen.

Sie alle wissen wohl, was ein Puzzle ist: ein Zusammensetzspiel, das aus vielen, recht kleinen Stücken besteht: Wenn wir auch nur ein Stücklein verlieren, bleibt das Bild unvollständig. Man sieht auf den ersten Blick, dass etwas fehlt.

Wir können das Puzzle auf die Worte von Kardinal Newman anwenden: Wenn wir unsere Berufung, unsern Ruf vergessen, fehlt auf der Welt etwas.

Auch wenn wir alt und schwach sind, können wir unsere Berufung leben:

  • Zum Beispiel im Gebet füreinander; und sicher auch um kirchliche Berufe
  • Und auch, indem wir unsere Herzen füreinander öffnen; einander zuhören, einander ein gutes Wort schenken.

So können wir füreinander gute Hirten, gute Hirtinnen sein.

Elisabethenheim Luzern; Sa 16.30; Stans Kloster St. Klara, So 9.30 und Pflegeheim Nägeligasse 10.40.

Symbolbild zum Tag der kirchlichen Berufe. © IKB
6. Mai 2017 | 15:29
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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Ein Gedanke zu „„Für wen gehst du?“ – Unsere Berufung

  • Karl Stadler sagt:

    Eine wirklich schöne, eine eingehende Predigt; Gedanken, die wahrscheinlich überall, in religiösen wie in kulturellen Kreisen, auch an den Stammtischen, zurecht Zugang finden. Vielleicht weil sie für diesmal gerade nicht zu einem Verständnis als politisches Plädoyer nötigen. So trivial und einfach Ihre Gedanken und deren Schlussfolgerungen erscheinen mögen: Sie zeigen nach meiner persönlichen Auffassung, dass sie im Grunde gerade die allerschwierigsten Probleme menschlichen Daseins berühren.
    Wenn man versucht, diesen Fragen nicht in einer religiösen Sprache nachzuspüren, so könnte man u.a. erinnert werden an eine Stelle von Heidegger, welcher – trotz seiner schwerwiegenden politischen Abirrungen – in seinem sehr lesenswerten Werk “Sein und Zeit” eine ähnliche Fragestellung folgendermassen, wenn auch mittels seiner eigenweilligen Terminologie, zum Ausdruck brachte: “…Das Mitdasein ist ein existenziales Konstituens des In-der-Welt-seins. Das Mitdasein erweist sich als eine eigene Seinsart von innerweltlich begegnendem Seienden. Sofern das Dasein überhaupt ist, hat es die Seinsart des Miteinanderseins. Dieses kann nicht als summatives Resultat des Vorkommens mehrerer “Subjekte” begriffen werden. Das Vorfinden einer Anzahl von “Subjekten” wird selbst dadurch erst möglich, dass die zunächst in ihrem Mitdasein begegnenden Andern lediglich als “Nummern” behandelt werden. Solche Anzahl wird nur entdeckt durch ein bestimmtes Mit- und Zueinandersein. Dieses “rücksichtslose” Mitsein “rechnet” mit den Andern, ohne dass es ernsthaft “auf sie zählt” oder auch nur mit ihnen “zu tun haben” möchte…”(§ 26). Ich meine, die von Ihnen aufgeworfene Frage wird hier auf eine transzendentale Weise exzellent zum Ausdruck gebracht.
    Auch Max Scheler geht das Problem auf eine fundamentale Weise an, wenn er schreibt: “…mächtig ist urspsrünglich das Niedrige, ohnmächtig das Höchste…Wohl kann der Geist durch den Prozess der Sublimierung Macht gewinnen, können Lebenstriebe in seine Gesetzlichkeit und in die Ideen- und Sinnstruktur, die er leitend ihnen vorhält, eingehen und im Verlaufe dieses Eingehens und Durchdringens in Individuen und Geschichte dem Geist Kraft verleihen – aber von Hause aus und ursprünglich hat der Geist keine eigene Energie. Die höhere Seinsform “determiniert” wohl sozusagen das Wesen und die Wesensregionen der Weltgestaltung – verwirklicht aber wird wird sie durch ein anderes Prinzip, das ebenso ursprünglich wie das geistige dem Urseienden eigen ist: durch das realitätsschaffende und die zufälligen Bilder bestimmende Prinzip, das wir “Drang” bzw. “Drangphantasie” nennen…” (Die Stellung des Meschen im Kosmos). Und genau daran wird der altehrwürdige David Hume gedacht haben, wenn er, ganz im Gegensatz zur Scholastik, die ratio zur Magd der Leidenschaften erklärt. Es handelt sich dabei wohl um kulturübergreifende anthropologische Gegebenheiten. Und oftmals bedrängt einen das Gefühl, dass diesen Gegebenheiten in der Bergpredigt und den Seligpreisungen zu wenig Gewicht beigemessen wurde.

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