«Für wen gehst du?» – Unsere Berufung

Die katholische Kirche feiert heute weltweit den Gebetstag für kirchliche Berufe. Wir wollen dabei nicht abseitsstehen.

Erlauben Sie mir dazu zuerst eine persönliche Bemerkung: In der Schweiz gibt es einen Verein und eine Arbeitsstelle, die diesem Thema gewidmet ist. Vor vielen Jahren war ich in ihrem Vorstand. Ich erinnere mich noch heute an eine heftige Diskussion, die wir damals hatten. Ein alter Pfarrer aus dem Wallis kämpfte dafür, dass wir uns auf geistliche Berufe beschränken, also nur um gute Priester und Ordensleute beten sollten. Von den so genannt kirchlichen Berufen – Laientheologen, Katecheten gäbe es eh genug. Und sie seien vielleicht auch nicht so wichtig.

Die Zeiten haben sich geändert. Es gibt auch einen eklatanten Mangel an Pastoralassistenten, Katechetinnen, Katecheten und so weiter. Und wir sehen auch ein, dass diese eine ganz wesentliche Rolle in der Kirche spielen. Darum ist es unbedingt notwendig, auch sie in das Gebet um Berufungen einzuschliessen.

Die genannte Arbeitsstelle, die Information kirchliche Berufe/IKB geht seit vielen Jahren noch einen Schritt weiter. Sie erinnert an die christliche Berufung, die jede und jeder von uns hat.

Dazu eine Geschichte, die Sie vielleicht schon kennen. Sie stammt aus der Welt der Chassidim/ frommen Juden Osteuropas im 18. Jahrhundert. Dort hatten viele reiche Bauern einen Wächter, der die ganze Nacht durch ihre Felder zog und auch schaute, dass in ihre Ställe und Häuser niemand einbrach. Ein jüdischer Rabbi begegnete auf seinem nächtlichen Spaziergang einem solchen Wächter. Dieser fragte ihn: «Für wen gehst du?» Das Wort traf den Rabbi wie ein Pfeil. «Noch gehe ich für niemanden», brachte er mühsam hervor.

«Für wen gehst du?» Diese Frage wird auch an uns gerichtet. In der Geschichte, die wir gehört haben, geht es um eine Anstellung. Die Frage bedeutet dort: «Für wen arbeitest du?» In der Welt der frommen Juden, die uns die Geschichte überliefert haben, geht es aber um viel mehr. Gefragt wird hier: «Für was lebst du?» Oder besser: «Für wen lebst du?» Dazu zwei kurze Sätze:

Kurz zusammengefasst: Wir sind gerufen und berufen, unserem Leben einen Sinn zu geben, indem wir unsere Herzen füreinander öffnen; indem wir das Leben der andern wenigstens ein bisschen lebenswerter machen.

Damit sind wir beim heutigen Evangelium. Jesus sagt dort: «Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt und es in Fülle habt.»

In der Nachfolge Jesu sind wir berufen, dieses Werk weiterzuführen. Wir sind beauftragt, Leben zu fördern. Dieser Auftrag, dieser Ruf geht ausnahmslos an jede/an jeden von uns.

Dazu meinte der grosse englische Kardinal John Henry Newman:

Ich bin berufen,
etwas zu tun oder zu sein,
wofür kein anderer berufen ist.
Ich habe einen Platz in Gottes Plan,
auf Gottes Erde,
den kein anderer hat.
Ob ich reich bin oder arm,
verachtet oder geehrt bei den Menschen,
Gott kennt mich
und er ruft mich mit meinem Namen.

Sie alle wissen wohl, was ein Puzzle ist: ein Zusammensetzspiel, das aus vielen, recht kleinen Stücken besteht: Wenn wir auch nur ein Stücklein verlieren, bleibt das Bild unvollständig. Man sieht auf den ersten Blick, dass etwas fehlt.

Wir können das Puzzle auf die Worte von Kardinal Newman anwenden: Wenn wir unsere Berufung, unsern Ruf vergessen, fehlt auf der Welt etwas.

Auch wenn wir alt und schwach sind, können wir unsere Berufung leben:

So können wir füreinander gute Hirten, gute Hirtinnen sein.

Elisabethenheim Luzern; Sa 16.30; Stans Kloster St. Klara, So 9.30 und Pflegeheim Nägeligasse 10.40.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/fuer-wen-gehst-du-unsere-berufung/