Meinrad Furrer

Fasten – warum tust du dir das an?

Gerade finde ich es nicht so einfach. Ich habe aufgehört, Kaffee zu trinken, und reduziere mein Essen als Vorbereitung auf die Fastenwoche, die am Samstag beginnt. Gerade habe ich richtig Kopfweh. Der Übergang zum Fasten ist immer schwierig. Ich kenne das schon aus früheren Jahren. Das hilft. Sonst könnte ja tatsächlich die Frage aufkommen, warum ich mir das antue.

Von Menschen, die keine Erfahrung mit Fasten haben, das heisst, die noch nie für eine Woche vollständig auf Nahrung verzichtet haben, werde ich immer wieder gefragt: Warum tust du dir das an? Die Hintergründe dieser Fragen sind vielfältig. Sie reichen von: «Ich esse zu gern» über «Ich lass› mich doch nicht einschränken in meinem Genuss» bis hin zur Angst, eine Fastenwoche sei einfach nur eine Qual. Ich kann diese Reaktionen gut verstehen, wenn jemand noch keine Erfahrung mit dem Fasten hat.

Einen Zugang zum Fasten finden allenfalls Menschen, die sich mit den Ergebnissen der Forschung über das Fasten befassen. Wir wissen inzwischen sehr viel über die Abläufe im Körper während des Fastens.

Fasten ist eine uralte Geschichte, viel älter als die verschiedenen Arten des Fastens, die sich in den Religionen herausgebildet haben. Vor den Methoden des Speicherns und Konservierens hatten die Menschen schlicht nicht immer Nahrung zur Verfügung. Sie lebten in einem Wechsel von Nahrungsfülle und Nahrungsmangel. In Zeiten der Fülle schlugen sie sich den Bauch voll und legten Polster an, um die Zeiten des Mangels gut zu überstehen. Unseren Körpern ist dieser Rhythmus als Programm immer noch eingeschrieben. Wenn wir diesen Wechsel nicht mehr mitvollziehen, fehlen in unserem Körper wichtige Mechanismen der Erneuerung von Zellen. Ständiger Nahrungskonsum schadet letztlich unserem Körper.

Beim Fasten passiert nämlich Folgendes:

Bereits nach einem Tag verändert sich der gewohnte Stoffwechsel, weil keine Nahrung von aussen kommt. Der Körper stellt auf innere Ernährung um. Er verbraucht zuerst die gespeicherten Kohlenhydrate, also Glykogen. Diese Reserven reichen für einen bis eineinhalb Tage. Zusätzlich kommt die Autophagie ins Spiel. Dabei handelt es sich um ein raffiniertes Recyclingsystem des Körpers, das die Zellen von Defekten befreit. Man kann sich das so vorstellen, dass Zellmüll (gealterte, funktionslose oder falsch zusammengebaute Zellbestandteile) mit einer Hülle umgeben werden. Darin zerkleinern Enzyme diese Teile. Die Einzelbestandteile werden der Zelle wieder zugeführt und helfen beim Neuaufbau gesunder Zellbestandteile. Dieses Autophagie-Programm startet der Körper nach einer Nahrungspause ab 12 bis 18 Stunden, nach einem Fastentag also auf jeden Fall.

Wie das Portal I·DO berichtet , bringt periodisches Fasten über ein bis drei Wochen nicht nur diese Vorgänge über einen längeren Zeitraum in Gang – ein Korrektiv für den gesamten Körper, vergleichbar mit einem «Grossputz». Zusätzlich stellt sich der gesamte Stoffwechsel um. Was das bedeutet: Dauert die Nahrungspause länger, ist Glykogen, also Zucker aufgebraucht, der vor allem vom Gehirn dringend benötigt wird. Nun kann der Körper aus bestimmtem Eiweiss Zucker herstellen. Das gelingt ihm vor allem aus dem Stützeiweiss (Bindegewebe) und in geringem Masse aus Muskeleiweiss. Allerdings sind die Quellen begrenzt, nicht alles Eiweiss darf aufgebraucht werden. Deshalb greift der Organismus auf Fettreserven zurück. Fett besteht aus Glycerin, das sich ebenfalls in Zucker umwandeln lässt, sowie aus Fettsäuren. Die Fettsäuren werden in Ketone zerlegt, mit denen das Gehirn seinen Energiestoffwechsel bedienen kann – statt mit Zucker. Die Fettreserven des Körpers reichen bei den meisten Menschen für viele Wochen.

Die Erforschung dieser Mechanismen im Körper hat auch dazu geführt, dass das Intervallfasten sich einer immer grösseren Beliebtheit erfreut. Wie oben beschrieben treten die Effekte schon nach zwölf Stunden ein. Viele essen deshalb nur während acht Stunden am Tag und verzichten während 16 Stunden auf Nahrungsaufnahme. Die Wirkung ist gut erforscht. Es gibt deshalb auch bei bekannten und erfolgreichen Gesundheitscoachs die Tendenz, das Fasten über mehrere Tage als mühsame und unnötige Praxis zu betrachten.

In unserem Projekt 40tage.ch laden wir zu verschiedenen Formen des Fastens als Challenges ein.

Fastenkrise? | © 2014 pixabay CC0 Public Domain
4. März 2021 | 17:23
von Meinrad Furrer
Teilen Sie diesen Artikel!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.