Walter Ludin

Enttäuschender Papst

Amazonien: verpasste Chance

Es ist traurig, aber wohl wahr: Papst Franziskus verpasst eine der letzten Chancen, die Reform der katholischen Kirche «von oben» zu steuern. In seinem nachsynodalen Schreiben zur Amazonas-Synode kann er sich nicht hinter den Vorschlag stellen, «bewährte Männer» zu Priestern zu weihen, damit die katastropale Lage vieler Pfarreien überwunden wird, die bloss einmal pro Jahr Eucharistie feiern können: «die Quelle und den Höhepunkt des christlichen Lebens».

Es ist zu erwarten, dass er damit unbewusst und unwillentlich die Tore öffnet für eine schon lange am Horizont sich abzeichnende «Selbstermächtigung» der kirchlichen Basis. Dazu zuerst eine – wahre! – Anekdote aus Brasilien. Kardinal Paulo Evaristo Arns hat sie mir schon vor fast 40 Jahren an der Bar des Antoniushauses Mattli, Morschach,  bei einem Kaffee erzählt:

Arns kam zur Firmung in eine sehr abgelegene Pfarrei. Der Pfarrer war überaus beglückt: «Jetzt sehe ich endlich einmal einen Bischof!» Der Kardinal erinnerte ihn daran, dass er ja sicher von einem Bischof geweiht wurde. Die Antwort: «Ja, weisst du, lieber Dom Paulo … Unser Pfarrer starb unerwartet. Wir bekamen keinen neuen. Da ich Sakristan war, sagten die Leute zu mir: ›Du standest ja immer nahe am Alltag und hast dem Priester immer genau zugeschaut. Mach doch du weiter! ’» So geschah es. Und Kardinal Arns erzählte es uns schmunzelnd.  Ein Schweizer Bischof hätte wohl entsetzt «Skandal!» gerufen und von der «simulatio sacramenti/Vortäuschung eines Sakramentes» gesprochen.

Um weiter beim bewährten Latein zu bleiben: Es ist zu erwarten, dass es immer mehr Gläubige gibt, die nicht nur sinngemäss den Begriff «contra legem/gegen das Gesetz» kennen, sondern auch «praeter legem/am Gesetz vorbei». Konkreter: Sie werden nicht in erster Linie schauen, was im von Menschen gemachten kirchlichen Gesetzbuch steht; sondern überlegen, was für die Gläubigen und ihre Gemeinschaften notwendig, überlebenswichtig ist: das «salus animarum/Heil der Seelen» als oberstes Prinzip der Seelsorge. Und sie werden entsprechende, sich selbst «ermächtigende» Massnahmen treffen.

Wie das aussehen könnte, habe ich – auch schon vor rund 40 Jahren – an einem  kirchenreformerischen Gemeindeforum gehört. Peter Paul Kaspar, ein profilierter österreichischer Seelsorger, schlug pfarreilichen Gruppierungen vor: «Setzen wir uns an einen Tisch, teilen wir miteinander Brot und  Wein, lesen einander aus der Bibel vor («Einsetzungsberichte»!) und überlassen wir alles weitere Jesus.»  

Ob man es will oder nicht: Nach dem enttäuschenden Schreiben des «Reform-Papstes» wird wohl an manchen Orten so erfahren: in den Weiten des tropischen Amazonas-Gebietes» und in kälteren Gegenden.

Bildquellen

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Bischof Erwin Kräutler: vergeblich gegen Pflichtzölibat gekämpft | © Walter Ludin
12. Februar 2020 | 16:13
von Walter Ludin
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0 thoughts on “Enttäuschender Papst

  • karl stadler says:

    Ein exzellentes apostolisches Schreiben! Selbst für jemanden, der sich der Institution “Kirche” nicht besonders verbunden fühlt. Bergoglio, wie er leibt und lebt (und wahrscheinlich auch betet). Er zeigt, worauf es ihm am dringensten ankommt. Er stellt nicht die klassischen Konflikte, die hierzulande debattiert werden, an den Anfang des Schreibens. Nein, er stellt eine soziale Vision voran, kommt auf die Rechte der Ärmsten, auf den kulturellen Reichtum und dessen Vielfalt zuerst zu sprechen, die Indigenen, die je länger je mehr durch die immer grössere Zerstörung der ökologischen Grundlagen zur Migration gezwungen und in die Slums der Vorstädte abgedrängt werden. Er thematisiert die Schattenseiten der Globalisierung und zeigt deren teilweise neokolonialistischen Züge auf, in welche wir ja teilweise auch verstrikt sind. Er ist sich nicht zu schade, auch daran zu erinnern, dass auch manche Repräsentanten der Kirche sich in diesen Ländern korrupten Netzwerken zuwandten. Er warnt eindringlich davor, die Menschen dort kulturell kolonialisieren zu wollen und mahnt an, dass Verkündigung sich nur ereignen kann, indem deren hergebrachten kulturellen Wurzeln nicht gekappt werden.
    Echt konservativ, wie Bergoglio teilweise ist, mahnt er an, die vielen Völker und Ethnien Amazoniens in ihren kulturellen Befindlichkeiten zu belassen und sie nicht in einem Wahn von zivilisatorischem Fortschritt entwickeln zu wollen, sie nicht aus einer konsumistischen Sicht, in welcher wir mehr oder weniger gefangen sind, ihrer Kultur entfremden zu wollen, um sie grösserem “Wohlstand” zuzuführen.
    Bergoglio lenkt den Blick auf die vielen Völker/Ethnien Amazoniens, wo Verschiedenartigkeit noch nicht als Bedrohung wahrgenommen wird, wo Familien als Zellen und Bewahrer kultureller Werte noch hoch eingestuft werden und eine Verwurzelung der Gemeinschaftsmitglieder gewährleisten. Er kommt auf die tragende Funktion der Regenwälder zu sprechen, erinnert aber auch daran, dass der Schutz der Natur nur unter ganzheitlicher Sichtweise geschehen kann, z.B., wo auch der Mikrobereich, z.B. Böden mit all ihren Lebewesen, Prozessen, Insekten usw., genauso Beachtung finden muss. Und er ist überzeugt, dass wir von diesen “primitiven” Völkern Amazoniens sehr viel lernen können, weil sie in ihren sehr einfachen Lebensformen viel weniger einem abstumpfenden Konsumismus verfallen sind als wir in unserem Zivilisationswahn.
    Auch was die kirchliche Vision dieses Schreibens angeht, müssten die Fortschrittlichen sich jetzt nicht allzu enttäuscht zeigen. Immerhin zeigt dieses Dokument, dass Franziskus Befürworter einer Kirche mit einem vielgestaltigen Gesicht ist, dass er es nicht als dringenstes Problem erachtet, dass die Menschen dort jeden Sonntag Eucharistie feiern können, obwohl er sich klar für mehr solche Möglichkeiten in diesen weiten Räumen ausspricht; dass er eine Logik der Inkarnation favorisiert, die kein monokulturelles und eintöniges Christentum fördert; dass ihm ein “buen vivir”, eine glückliche Genügsamkeit viel näher liegt (richtig stoisch!); dass er aber in Amazonien, wie auch andernorts, ein Christentum anstrebt, wo das Soziale mit dem Spirituellen eine innige Verbindung eingeht und nicht das eine ohne das andere angestrebt wird (Ziff. 79); dass indigene Symbole nicht herablassend als “Götzendienstsymbole” behandelt werden sollten (Bergoglio folgt da glücklicherweise nicht den Kirchenlehrern und Kirchenvätern des vierten u.fünften Jahrhunderts); und ganz auffallend scheinen doch die Ziffern 88ff., wo Franziskus dem Priesteramt keinen eigentlichen hierarchischen Stellenwert zuordnen will und die Stellung der Laien, zumindest nach meinem persönlichen Verständnis, doch stark aufwertet. Natürlich haben die Fortschrittlichen recht, wenn sie vorbringen, dass dadurch die Fragen der Frauenordination und des Zölibats noch nicht gelöst sind.
    Dennoch: Bergoglio ist zwar immer noch ein Monarch, die kirchliche Amtsverfassung bleibt nach wie vor refombedürftig. Aber immerhin, auch wenn er die Einheit im Auge behalten will, ihm schwebt für die Kontingenzbewältigung der Menschen offenbar keineswegs nur ein kirchlicher Einheitsbrei vor. Er ist eben auch ein echter Konservativer, der sich für die Wahrung der je eigenen kulturellen Gegebenheiten bei der Umsetzung christlicher Maximen einsetzt.

    • Viktor Hofstetter says:

      Warum ich nie ein Blogger werde! so möchte ich diese Gedanken einleiten. Da ist einmal mehr ein Blog, der behauptet: “Letzte Chance verpasst” um 16:13 abgesetzt und schon um 16:35 gibt es eine Antwort, aber in einem ganz anderen Sinn: Kein enttäuschender Papst, keine letzte Chance, sondern: “Ein exzellentes apostolisches Schreiben!… auch für jemand, der sich der Institution “Kirche” nicht besonders verbunden fühlt”!! Erstaunlich nicht und auch gut begründet; aber dann Funkstille!?! Ich habe die Eröffnungsfeier via Internet miterlebt und eines, was mich sehr berührt hat: Papst Franziskus geht mitten unter den LaiInnen-TeilnehmerInnen zur Aula. Und die tragen Plakate mit den MärtyrerInnen des Amazonas mit. Ich sehe jenes von Chico Mendes +1988 und entdecke dann daneben jenes von Ezequiel Ramin +1985 und frage mich: Wer ist dieser junge Mann? Ein paar Tage finde ich ganz überrascht in meinem franz. Magnificat folgende Notiz: “Ein Tag, ein Missionar EZEQUIEL RAMIN: In Padua in eine einfache Familie geboren wird sich Ezechiele Ramin (1953-1985) sehr schnell der Armut bewusst, in der ein grosser Teil der Menschheit lebt. Für ihn ist «das Gesicht des armen Menschen» das von Christus. Sein Engagement führt ihn dazu in die Missions-Gesellschaft der Kombianer einzutreten, denn «Christus zu den Anderen bringen heisst für ihn seine Freude bringen». Zum Priester geweiht und seine Ausbildung abgeschlossen reist er nach Brasilien und entdeckt da die Situation der Armen, die von den Multinationalen von ihrem Land vertrieben werden. Als er nach Cacoal im Amazonas-gebiet gesandt wird, entdeckt er da am Rande der riesigen Pfarrei eine Situation grosser Spannungen. Eines Morgens geht er hinaus zu einer Gruppe von Bauern um zu versuchen die Spannungen der Gewalt mit den Männern im Dienste der Grossgrundbesitzer zu beruhigen. Auf dem Rückweg wird er von diesen erschossen.” Wow! Warum habe ich bei uns noch nie von diesem jungen italienischen Priester, Amazonas-Märtyrer gehört?
      Wenn wir schon beim Erzählen erstaunlicher Erfahrungen sind. Als wir als ökumenische Solidaritätsgruppe 1988 eine Landbesetzung von landlosen Bauern in Honduras besucht hatten, die zum 9. Mal gewaltsam von ihren Feldern vertrieben wurden, gab es am Sonntag auch einen Gottesdienst, der von den sog. Gesandten des Wortes geleitet wurde. Obwohl sie wussten, dass ich Priester bin, haben sie nie daran gedacht mich zu bitten mit ihnen dem Gottesdienst vorzustehen. Die Antwort bekam ich nach dem Gottesdienst. Einer war nämlich mit dem Velo von aussen gekommen, die anderen gehören zur Gemeinschaft. Als ich mich mit Aldo, so hiess er nach dem Gottesdienst unterhalten habe, sagte er plötzlich: “Entschuldige, Viktor, ich muss nämlich noch drei Stunden weiterfahren um da eine Gemeinschaft zu besuchen, die in zwei Wochen den Besuch unseres Priester bekommen”. Da habe ich auch erfahren, dass der Priester nicht einfach schnell seinen Dienst absolviert, sondern mit der Gemeinschaft mindestens einen Tag verbringt und sich mit ihnen austauscht und nicht nur Sakramente spendet. Als wir ein Jahr später einen Gesandten des Wortes zu Besuch hatten und unsere Leute nach dem Priestermangel in Honduras gefragt haben, hat er ihre Frage zuerst gar nicht verstanden! Glücklich das Volk, das glaubt: Der Geist weht wo er will!
      Viktor Hofstetter, OP

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