Karin Reinmüller

Empowerment oder: Tischlein-deck-dich im ersten Jahrhundert

Die Abgabestelle von «Tischlein deck dich» (tischlein.ch) in unserer Pfarrei arbeitet an ihrer Wiedereröffnung nach Virus-bedingter Schliesszeit, vielleicht hat mir diese erfreuliche Nachricht einen neuen Blick auf die für diesen Sonntag vorgesehene Lesung aus der Apostelgeschichte (Kapitel 6, Verse 1-7) gegeben. Da geht es nämlich um eine Art Tischlein-Abgabestelle, die die NachfolgerInnen Jesu offensichlich schon sehr früh in Jerusalem eingerichtet hatten, um bedürftige Menschen in Abwesenheit staatlicher Sozialsysteme zu unterstützen.

Nicht viel anders als heute wurde die Abgabe von Freiwilligen organsiert, anders als heute waren diese offenbar rassistisch: Als hebräisch sprechende Einheimische «übersahen» sie die griechischsprachigen Immigranten-Witwen bei der Essens-Verteilung. Schon damals scheint der Christusglaube das nicht verhindert zu haben. Immerhin, die Betroffenen wehren sich und gelangen an die Gemeindeleitung, in diesem Fall die Apostel persönlich.

Und was dann passiert ist Empowerment pur:

  1. Die Apostel weigern sich, das Problem per Direktive von oben zu lösen. Das sollen die Betroffenen selbst machen.
  2. Es werden Freiwillige aus der Gruppe der Benachteiligten gefunden – die so Gewählten haben allesamt griechische Namen! Wären sie von Anfang an mit-engagiert gewesen, wäre das Problem vermutlich gar nicht passiert, darüber wird aber nicht diskutiert. Jetzt sind sie da und können, zusammen mit den alteingessessen Freiwilligen, Verantwortung übernehmen. Erst recht, da die Gemeindeleitung sie ihn ihren Rollen per Beauftragung (Handauflegung!) bestätigt.
  3. Mindestens einer von denen, die so ins Engagement gefunden haben, erkennt, dass er gar nicht unbedingt weniger kann als die Apostel: Stephanus wird selbst zum Prediger und Missionar, begiinnt eine steile Karriere (die ihn allerdings das Leben kostet – er wird zum ersten Märtyrer).

So könnte das gehen mit dem Zusammenspiel von Hauptamtlichen und Freiwilligen – inspirierend, oder?

Bild: Screenshot, Karin Reinmüller
9. Mai 2020 | 21:02
von Karin Reinmüller
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