Daniel Kosch

Die Bibel – zentrales Thema einer missionarischen Kirche?

Das «Mission Manifest», dem ich meinen letzten Blogbeitrag gewidmet habe, hat es zwischenzeitlich als wichtigste Meldung auf die Webseite der Schweizer Bischöfe geschafft. Zudem hat der Pastoraltheologe Rainer Bucher die Forderung nach einem missionarischen Aufbruch auf feinschwarz.net mit einem hilfreichen Artikel über ein zeitgemässes Missionsverständnis kommentiert. Ins Zentrum stellt er die Überzeugung, dass Mission bedeutet, «unsere Botschaft den anderen auszusetzen und mit ihnen entdecken, was sie für sie und mich selbst bedeutet».

Was wäre das zentrale Thema «meiner Mission»?

Diese Formulierung wirft die Frage auf, was denn «unsere Botschaft» wäre, die es den anderen auszusetzen gilt. Etwas direkter gefragt: Was wäre das zentrale Thema «meiner Mission», wenn ich einen «missionarischen Aufbruch» gestalten und verantworten müsste? Würde ich den Glauben an Gott ins Zentrum stellen? Oder die Gestalt Jesu? Den Aufbau einer solidarischen und geschwisterlichen Kirche? Die Gestaltung der Welt im Geist des Evangeliums? Die Verknüpfung von Mystik und Politik, von Spiritualität und Weltgestaltung? Eine zeitgemässere und anschlussfähigere Sprache und Kommunikation? Eine Besinnung auf das Zentrale, bei dem die Kirche Ballast abwirft und bescheidener wird? Eine Reform der Kirchenstrukturen und des Kirchenmanagements, damit die Kirche ihren Auftrag wirksamer und professioneller wahrnimmt?

Rückbesinnung auf die Bibel

Das vorläufige Resultat meiner Überlegungen ist eine gleichzeitig einfache und komplexe Antwort: Ich würde die Bibel ins Zentrum stellen. Dies aufgrund der Erfahrung, dass biblische Texte meine Sehnsucht und meinen Glauben in verschiedensten Lebensphasen und Situationen gestärkt, und gleichzeitig herausgefordert haben. Immer wieder leiht mir die Bibel eine Sprache, um meine Vision von einer gerechteren Welt, meinen Zorn über das Versagen der Mächtigen in Kirche und Politik, meine Ängste und meine Verzweiflung in Worte zu fassen. Wenn ich hinter ihren ethischen Ansprüchen weit zurückbleibe, ermutigt mich die Bibel, die Suche nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit nicht aufzugeben. Ihre Botschaft ist einerseits einfach und klar, aber ihre Rede von Gott ist gleichzeitig so komplex, widersprüchlich und spannungsreich wie das Leben. «Fertig» werde ich mit der Bibel nie werden – und auch die Kirche kann sich bis zum jüngsten Tag von ihr inspirieren lassen, wird sich aber auch an ihr abarbeiten müssen.

Weder Bibelverteilaktionen noch Plakatkampagnen

Trotz meiner grossen Sympathie für die Bibel und meiner Überzeugung, dass es sich bei den biblischen Texten um einen «Schatz» handelt, dessen Wert die Kirche unterschätzt und dem sie viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, habe ich grosse Zweifel, ob Bibelverteilaktionen oder Plakatkampagnen mit der Botschaft, dass Gottes Wort allein zu retten vermag, geeignet sind, um das «missionarische Potenzial» der Bibel zur Geltung zu bringen.  Das gleiche gilt für vollmundige Ansprüche, dass die Bibel «alle Fragen» beantworte und «über allem» steht, namentlich über allen anderen «heiligen Schriften» der Religionsgemeinschaften dieser Welt.

«Vom Buch der Bücher» zum «Buch unter Büchern»

Während der Anspruch, die Bibel sei «das Buch der Bücher» gerade bei skeptischen und fragenden Menschen eher Widerstände als Interesse an der Bibel wecken dürfte, ist es meines Erachtens auch für engagierte Christinnen und Christen ohne weiteres erlaubt und sogar produktiv, die Bibel als «Buch unter Büchern» zu lesen, im Dialog mit anderer Literatur, ohne Anspruch auf Ausschliesslichkeit oder Überlegenheit. So haben mir zum Beispiel ein paar Zeilen von Nelly Sachs geholfen, die Dringlichkeit des Hörens auf das biblische Wort in Zeiten der Bedrohung zu erfassen. Ihr Gedicht beginnt mit dem Wort «Lange haben wir das Lauschen verlernt!» und endet so:

Presst, o presst an der Zerstörung Tag
An die Erde das lauschende Ohr,
Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch
Werdet ihr hören
Wie im Tode
Das Leben beginnt.

So kann man auch nach Auschwitz noch von dem sprechen, was «Auferstehungsglaube» heisst – und ihn mit seinen Anfängen bei den Propheten des Alten Testaments verknüpfen, zumal Nelly Sachs das Gedicht mit einem Wort von Jesaja überschreibt: «Ehe es wächst, lasse ich euch es erlauschen».

Die Bibel ins Gespräch bringen – im eigenen Leben …

Die erste Etappe meiner «Bibel-Mission» bestünde also nicht darin, dass ich die Bibel «hinaustrage» in die Welt, sondern dass ich sie hineinnehme ins Leben, in mein eigenes, aber auch in das Leben unserer Zeit, dass ich sie ins Gespräch bringe mit dem, was ich lese, was mich beschäftigt und bekümmert. Rainer Bucher sagt es so:

«Mission ist der Versuch, der harten, anstrengenden, risikoreichen Begegnung von Tradition und Gegenwart, von Evangelium und Existenz nicht auszuweichen, wohin auch immer. Mission, das ist die Suche nach jenen Orten, wo wir uns mit dem, woran wir glauben, der Gegenwart aussetzen, um beides darin neu zu entdecken: die Gegenwart und den Glauben».

… in der Kirche …

Eine zweite, pastorale und kirchenpolitische Etappe bestünde darin, in Debatten und Diskussionen um die Frage, was für das Heute und Morgen des Evangeliums und der Kirche in unserer Welt besonders wichtig ist, die Bibel ins Spiel zu bringen. Ohne jeden Fundamentalismus und Biblizismus bin ich überzeugt, dass es wichtig ist, biblische Texte mit heutigen Fragen ins Gespräch zu bringen, und zwar nicht nur in «frommen» und «theologischen» Kontexten, sondern auch ganz konkret, wo es um Geld, um Lebensstil, um Gestaltung des kirchlichen und auch des profanen Alltags geht. Dieser Dialog zwischen Bibel und Realität darf und muss nicht besserwisserisch oder moralisierend sein. Leitend soll nicht das Schema «Du hast eine Frage – die Bibel hat die Antwort» sein. Aber so zu tun, als hätten z.B. unsere Kirchenfinanzen nichts mit dem Evangelium zu tun, ist «ekklesialer Atheismus» und straft alle sozialethischen Belehrungen Lügen, dass auch die Wirtschaft und die Banken sich an christlichen Werte orientieren müssten.

… und in der Gesellschaft

Eine dritte, gesellschaftliche und bildungspolitische Etappe bestünde darin, für Sprachfähigkeit, für die Pflege von Erinnerung und Geschichte, für Poesie und für eine biblische Kultur, auch für die Beschäftigung mit den heiligen Texten aus unterschiedlichen religiösen Traditionen zu plädieren. Denn in einer Gesellschaft, die dieses Erbe nicht pflegt, hat es nicht nur die Bibel, sondern auch das gelingende Leben, das sie verheisst, sehr schwer. Denn gelingendes Leben braucht

  • Lieder , die die Hoffnung und den Widerstand wachhalten, herausfordern und trösten,
  • Gleichnisse, die vom Geheimnis des Lebens sprechen,
  • Erzählungen, die Gemeinschaft stiften, Heimat schenken und dazu einladen, das Bekannte zurückzulassen und sich neu auf den Weg zu machen …

 

Geschichtetes Gestein | © Daniel Kosch 2017
21. Januar 2018 | 19:14
von Daniel Kosch
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