Heinz Angehrn

Die angebotene Demission – ein Heilmittel?

«Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen», das will der mächtigste katholische Würdenträger Deutschlands angesichts des «toten Punkts», an dem er seine Kirche angekommen sieht. Und er fragt sich in später Reue, ob er nicht auch durch sein Verhalten «negative Formen des Klerikalismus» befördert habe. Das alles kommt überraschend, aber auch irgendwie überraschend spät. Herr Marx hatte als Trierer Bischof bei meinen deutschen Kollegen den zweifelhaften Ruf, ein ruppiger Macho zu sein, der unbequeme Seelsorger abzukanzeln, ja ihnen auch gerne den dicken Rauch seiner Zigarren ins Gesicht zu blasen pflegte. Da war man noch Kleriker-Mann unter Gleichgesinnten, nicht so ein Weichei. Nichts von Synodalität, nichts von Kollegialität, nichts von geteilter Macht, so habe ich das damals bei unseren Treffen der City-Seelsorgenden in Mainz und Freiburg gehört. Nun man(n) kann ja dazulernen, man kann auch aufgrund von kritischen Rückfragen in Selbstzweifel kommen, man kann aber auch ganz einfach erkennen, dass es Fünf nach Zwölf ist (Martin Werlen schrieb kurzerhand «zu spät»), dass der «tote Punkt» überschritten ist, von dem an diese grosse geliebte Institution nicht nur in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit fällt, sondern in den definitiven Ruf der Sektenhaftigkeit zu geraten droht.

Ja, zusammen mit anderen frage ich Herrn Marx darum an, ob sein Verhalten adäquat und wirklich ehrlich ist. Wenn so ein mächtiger Mann (bei dem wir annehmen dürfen, dass er in der Missbrauchs-Thematik als Priester und Bischof persönlich immer sauber und integer war) von der «institutionellen Verantwortung» spricht, die er wesentlich mitträgt, auch von der Sorge, dass in der jetzigen Aufarbeitung die «systemischen Ursachen und Gefährdungen» ausgeklammert werden, dann ist diese angebotene Demission ein falscher, irgendwie auch feiger (Aus)Weg!

Wir alle (ich war während acht Jahren vorübergehend mehr als nur einfacher Ortspfarrer, sondern Dekan eines Stadtdekanats, ich sass darum in Gremien und Räten), die in den letzten vielen Jahrzehnten Verantwortung trugen, sind mitschuldig geworden, das ist uns wohl bewusst. Was haben wir als Institution etwa mit Eugen Drewermann und seinem Monumentalwerk «Kleriker» von 1989 getan? Nichts, wir haben es totgeschwiegen und verdrängt, der Verfasser aber wurde aus der Kirche hinausgetrieben. Aus Ereignissen des Jahres 1989 haben viele Politiker/innen und Staaten Folgerungen gezogen, haben dazugelernt, haben Strukturen verändert. Und wir, die Verantwortlichen unserer Kirche, haben nichts aus dem Buch gelernt, haben die Lehre und die Strukturen (Pflichtzölibat, Klerikerausbildung, Tabu-Thema Homosexualität) belassen. Die Panik kam erst viel später, wie die ersten Opfer sich endlich getrauten, auszusagen, wie die ersten Verhaftungen erfolgten. Und nun, wie im Jahre 2021 die ersten ganz alten Priester sich getrauen, ihre jahrzehntelangen Partnerinnen auch formell zu heiraten, da reiben wir uns die Augen.

Wie konnten wir nur so lange naiv hoffen, dass irgendwann Wunder geschehen, dass sich die Probleme in Luft auflösen? Wie konnten wir totschweigen, dass an die 80 Prozent dieser geweihten Männer ganz «normale» Männer, nicht asexuelle, sondern sexuell aktive Wesen sind, und dass es in diesem Klima der Verdrängung darum Ventile, krankhafte Kompensationen, ja eben auch schwer neurotisches Täterverhalten unter einer Decke des Schweigens und Wegsehens gab. Herr Marx (ebenso wie vor ihm Herr Ratzinger und wohl fast alle Bischöfe) hatte und hat Kenntnisse von Akten und Verfahren, von peinlichen Gesprächen, von Opfern und Tätern, aber eben auch – und das ist ausserhalb der Rücksicht auf jugendliche Opfer fast noch schlimmer – von Tausenden und Abertausenden von anständigen Priestern, die irgendeine Form von Doppelleben zu führen gezwungen waren. Und es noch heute – 2021 – tun!

Darum mein Fazit: Nein, lieber Herr Kardinal, nicht nach 25 Jahren im Amt eines Bischofs, so schleichen Sie nicht von der Bühne, noch meinend, der Sache einen Dienst erwiesen zu haben. Sie hatten Ihre Doktorarbeit unter dem Titel geschrieben «Ist Kirche anders – Möglichkeiten und Grenzen einer soziologischen Betrachtungsweise». Ja und nun? Stellen Sie Sich der Verantwortung coram publico.

Bildquellen

  • sacerdote-2076108_1920-1: pixabay.com
8. Juni 2021 | 06:00
von Heinz Angehrn
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0 Gedanken zu „Die angebotene Demission – ein Heilmittel?

  • Christoph Klein sagt:

    Meine Prognose: Papst Franziskus wird den Rücktritt nicht annehmen. Einerseits aus dem hier gut dargelegten Grund, andererseits ist es gut möglich, dass uns allen eine Art Theater vorgespielt wird, dass also schon eine mehr oder weniger deutliche Absprache zwischen Papst Franziskus und dem Erzbischof existiert, dass das Rücktrittsgesuch nicht angenommen wird. So ein “Theater” wäre keineswegs unmoralisch; man könnte es als eine Art Ritual verstehen, bei dem der Papst die Verantwortung neu in die Hände des bisherigen Amtsträgers legt. Zudem – ganz hart kirchenpolitisch – würde Druck auf Kardinal Woelki ausgeübt.

  • Hermann Schneider sagt:

    Sie haben recht Herr Angehrn: Ein Rücktritt ist nicht (immer) die Lösung. Der “frühe” Reinhard Marx ist mir wohl noch in Erinnerung. So muss man sich nur an seinen Umgang mit Gotthold Hasenhüttl erinnern. Seine Aussage zum “toten Punkt” , nehme ich aber ernst: Wie kann ein Teil des Problems zur Lösung werden? Ist ein Rücktritt da nicht der bessere Weg. Wie sähe ihre Lösung aus? Sie waren nach ihrer Aussage ja selbst in verantwortlicher Position. Wie habe sie dort die Verantwortung für Schweigen und Übersehen wahrgenommen? Diese Fragen muss sich jeder in der Kirche stellen. Das, was in Köln gerade passiert ist aber auch keine Lösung! Wie kann ein Bischof einen anderen Bischof und seine Diözese visitieren, wenn er im eigenen Bistum ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt ist? Ob Kardinal Woelki dann im Anschluss das Bistum Stockholm und seinen Kardinal Arborelius visitiert? Ein Trauerspiel! Ob sich Franziskus dessen bewusst ist? Die Jesuiten Zoller und Mertes haben recht: Die Aufarbeitung des Missbrauchs kann nur mit Hilfe von Gremien ausserhalb der Kirche gelingen (und innerkirchlich mit einem wirklichen synodalen Weg und Neuanfang).

  • stadler karl sagt:

    “…Da war man noch Kleriker-Mann unter Gleichgesinnten, nicht so ein Weichei…” Also als Jugendlicher habe ich das nicht so extrem wahrgenommen. Da gab es sehr wohl Kleriker, die ich nicht leiden konnte, aber es gab auch welche, die ganz leidlich erschienen und von denen man sich in der je eigenen Art akzeptiert fühlte. Wo gibt es denn nicht Situationen, dass Menschen (Männer und Frauen), denen eine gewisse hierarchische Machtposition zukommt, sich nicht machohaft aufführen? In der Kirche? Im Militär? An staatlichen Institutionen wie Exekutiv-Behörden oder Gerichten? An Schulen und Unis? In der Wirtschaft? In politischen Parteien? In der Familie? In gesellschaftlichen Diskursen? Am hitzigen Stammtisch? Und überall gibt es auch Menschen, die überhaupt nicht auf eine solche Art auftreten. Warum sollte das in der Kirche anders sein und sie sich ausgerechnet jetzt an einem toten Punkt befinden oder diesen gar überschritten haben? Befand sie sich denn nicht schon immer in dieser Situation, trotz vielleicht mehr gesellschaftlichem und poltischem Einfluss in früheren Zeiten? Die Kirchengeschichte jedenfalls, auch die frühe, eignet sich über weite Strecken nicht als anzustrebendes Vorbild. Sind nicht in jeder gesellschaftlich institutionalisierten Lebensform und Kontingenzbewältigung mit normativen Leitplanken einerseits wertvollstes, kulturstiftendes Potential enthalten, gleichzeitig aber immer auch notwendig Tendenzen damit verbunden hin zur Bildung von Machtstrukturen, die Möglichkeiten eröffnen von irgendwelchen Missbrauchsformen – keineswegs nur sexuellen – in zwischenmenschlichen Beziehungen?
    Es ist offensichtlich, dass dies kein kirchenspezifisches Phänomen ist. Es spricht kaum etwas dafür, dass die Kirche sich je ernsthafte Hoffnung machen darf, sich durch Reformen aus diesem Spannungsfeld wirklich befreien zu können. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass die Kirche sich nicht auch gegenüber Veränderungsprozessen offen zeigen soll.

  • Stephan Schmid-Keiser sagt:

    Was am «toten Punkt» nicht vergessen gehen darf

    Dieser Tage ist in der weltweiten Kirche mehr als nur ein «toter Punkt» (Kardinal Reinhard Marx) erreicht. Die Berichterstattung darüber lässt vermissen, was denn der erste und letzte Sinn jeder Kirchen-Organisation ist: Einander ein Leben ermöglichen, das im Zeichen der Reich Gottes Botschaft des Jesus aus Nazareth steht, um Wegzeichen dafür in die Gesellschaft ausstrahlen zu lassen. Zugegeben, da muss ich an dieser Stelle auch theologisch argumentieren, da mir die Diskussionen um einzelne Kirchenfürsten nicht geheuer ist.

    Vorerst ist nämlich festzustellen, dass ein beklagenswerter Exodus aus der Kirche nicht erst heute begonnen hat. Über viele Jahre haben sich Leitungsverantwortliche auf allen Ebenen der Kirche laufend delegitimiert, obwohl sie sich nach aussen meist äusserst eloquent zeigten. Der nun an seinen Talboden gekommene Relevanzverlust kirchlicher Institutionen hat seine Gründe. Wie mein Doktorvater Alois Müller (+ 1991) die Situation mit seinem letzten Buch DER DRITTE WEG ZU GLAUBEN. Christsein zwischen Rückzug und Auszug (1990) analysierte, haben dies viele unter uns kirchlichen Insider*innen kaum wahrgenommen.

    Es sind darum nicht primär Würdenträger gefragt. Die Würde des Volkes Gottes besteht darin, dass es sich von den Leitungsverantwortlichen nicht umgangen oder gar missbraucht erfährt. Der Missbrauch dieser alle verbindenden Würde beginnt dort, wo die zum speziellen Dienst Beauftragten den Menschen im Wege stehen und deren «Vereinigung mit Christus, dem Haupt» (Laiendekret des Vatikanum II) missachten.

    José Dammert (ab 1962 Bischof von Cajamarca/Peru) formulierte in den späten 1960ern folgende Schau, welche diese spirituelle Herausforderung deutlich skizziert: «Der Bischof allein bildet nicht die Diözese und kann sie auch nicht voll erneuern, wenn er nicht mit einem Presbyterium in seinem Umfeld rechnen kann, das ihm beisteht und ihn begleitet, sowie mit Ordensleuten und Laien, die mit ihm eng zusammenarbeiten. Er hat den Vorsitz in der Ortskirche, aber sie ist konstituiert von allen Getauften, die in ihr weilen. Es war ein Trugschluss zu denken, der Bischof sei allein die Diözese und könne in seiner hervorgehobenen Stellung alles machen, während er doch ein Christ ist, begrenzt wie jeder Mensch.» (zit. nach L. Mujica Bermudez: Poncho y sombrero, alfoja y baston. Lima 2005, 219 bei Elmar Klinger: Bischof José Dammert Bellido von Cajamarca. Eine europäische Würdigung. In: Orientierung 73(2009) 20-24, 23).

    Als spirituelle Leitidee lässt sich darum auch im mitteleuropäischen Kontext ein paradoxer Satz formulieren, welcher alle herausfordert: Die kirchlichen Dienstträger und Dienstträgerinnen (!) sollen sich weit über die gottesdienstlichen Versammlungen hinaus nicht ins Zentrum rücken – vielmehr sollen sie den Gläubigen aus dem Weg gehen, damit diese zu Christus finden. Die dazu nötige Rollendemut ist auf dem spirituellen Weg einzuüben. Ein entsprechender Lebens- und Ritual-Stil (nicht nur bei der Feier von Sakramenten) ist notwendig und erhöht letztlich die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses, das im Evangelium begründet bleibt.

    Seitens der systematischen Theologie müsste zudem erkannt werden, dass es wenig Sinn macht, die eine Auffassung (Kirche als Volk Gottes) gegen die andere (Kirche als sakramental überhöhte communio) gegeneinander auszuspielen. Sakramentalität hängt wesentlich an der vom Pneuma – d. h. der durch die Kraft aus Gottes Geist getragenen Bezeugungs-Gemeinschaft. Die Pfarrei als Gemeinschaft von Gemeinschaften bezeugte in dieser Haltung, was Jesus Christus an ihr tut – zum Heil und zur Heilung der Welt. Das ist das Mindestpostulat für die christliche Existenz heute und morgen – toter Punkt hin oder her!

  • Es ist schwer. die Gläubigen hinters Licht zu führen, wenn es ihnen einmal aufgegangen ist. Wenn Herr Kardinal Marx am toten Punkt angekommen ist, ist es nur logisch, die Flucht nach vorn zu wagen, um vom eigentlichen Grund des Niedergangs abzulenken. Bei der Einführung des Pflichtzölibats im Jahr 1139 ist die katholische Kirche dem Widersacher auf den Leim gegangen. Denn: Seit dieser Zeit muss gelogen werden. Wer zölibatär leben will, braucht kein Gesetz! Namhafte Theologen bestätigen: Die Ehe ist heilig und gottgewollt. “Wachset und mehret euch, hat Gott im ersten Buch der Schrift gesagt, und.” Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.” Das trifft auch auf Priester zu. Im Orden haben die Priester eine Gemeinschaft und sind nicht allein. Mit der Einführung des Pflichtzölibats für alle Weltpriester wollte die Kirche aber alle Priester zu Mönchen machen und verbot ihnen einfach die Ehe. Das wird von Paulus im 1.Timotheusbrief scharf verurteilt. “Der Geist sagt ausdrücklich: In späteren Zeiten werden manche vom Glauben abfallen; Sie werden sich betrügerischen Geistern und den Lehren von Dämonen zuwenden, getäuscht von heuchlerischen Lügnern, deren Gewissen gebrandmarkt ist. Sie verbieten die Heirat” (1Tim4,1-3). Also ist das Eheverbot des 12. Jahrhunderts eine Eingebung von Dämonen und nicht vom Heiligen Geist. Deswegen kann man sagen: Die Kirche ist dem Widersacher auf den Leim gegangen! So bestätigt sich erneut: Gott gab seiner Schöpfung nur einen einzigen Pfeiler: DIE LIEBE!

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