Der «helle Wahnsinn» der Schweizer Armee.
Seit Jahrzehnten wurde nie mehr so viel von Krieg geredet wurde wie heutzutage. Ein deutscher Minister – Mitglied der Sozialdemokraten, die einst eine Friedenspartei war!! – fordert, sein Land müsse wieder kriegstauglich sein. Nicht viel anders der Kommandant der Schweizer Luftwaffe: «Wir müssen uns auf den Krieg einstellen. Das haben wir in den letzten Jahren verlernt.»
Er merke deutlich, wie schlecht die Schweiz im Vergleich zu andern Ländern ausgerüstet sei. Vor paar Jahren hatte es noch ganz anders getönt. Ein Patriot versprach, die Schweizer Armee zur besten der Welt zu machen. Offenbar hat er es verschlafen …
Zurück zum unserem obersten Flieger: «Wir haben zurzeit nur einen Bruchteil von dem, was wir im Kriegsfall benötigen würden.» Halt: Da hat unsere Armee seit Jahrzehnten satte Budgets.
So satt, dass ausländische Militärexperten staunten. Der berühmte Nationalrat Helmut Hubacher berichtete mir 2006 in einem persönlichen Brief von einer Begegnung der nationalrätlichen Militärkommission mit einer Delegation des Deutschen Bundestages: «Der CDU-Abgeordnete Breuer, damals Sprecher seiner Fraktion für Verteidigungsfragen, betonte, der Aufwand der Schweiz für ihre Armee sei ›heller Wahnsinn’.»
Vergessene gewaltfreie Verteidigung
Was mich sehr traurig stimmt: Ob all dem Kriegsgebrüll vergessen die allermeisten, dass es seit Jahrzehnten auch ein Konzept der «sozialen», oder» gewaltfreien Verteidigung» gibt. Eine Ausnahme machte vor einigen Wochen ein Kurzartikel der Schweizer «Republik». Lesen wir ihn vorurteilslos:
Als im März 2022 die ukrainische Stadt Slawutytsch von russischen Soldaten besetzt wurde, marschierten die Bewohner vor das Rathaus, sangen die Nationalhymne und stellten sich den Soldaten entgegen. Überrascht feuerten diese nur in die Luft. Es kam zu Verhandlungen, schliesslich zogen die Russen ab.
Diese Geschichte erzählt der Berliner Wissenschaftstheoretiker Olaf Müller in einem Interview als Beispiel einer gelungenen Sozialen Verteidigung. Das Konzept stammt aus den 1960er-Jahren. Ziel ist, einen Angriff nicht mit militärischen Mitteln zu beantworten, sondern mit einer Mischung aus Freundlichkeit und Kooperationsverweigerung.
Friedlicher Widerstand gegen bewaffnete Gruppen hat Bürgerrechtsbewegungen ikonische Bilder beschert, wie auch der Nelkenrevolution in Portugal oder dem Prager Frühling. Müller räumt ein, die Russen seien in Slawutytsch wegen übergeordneter Gründe abgezogen. Und doch: Bei der Sozialen Verteidigung geht es darum, Angreifern nicht den geringsten Anlass zu geben, das Böse in einem zu sehen, das es angeblich zu vernichten gilt. Angesichts der weltweiten Zunahme der Konflikte ist die Einübung Sozialer Verteidigung ein paar ernsthafte Gedanken wert.
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stadler karl sagt:
Ja, sind denn die Russen inzwischen aus der Ukraine wirklich abmarschiert? Haben sie inzwischen ihren imperialen Anspruch auf grosseTeile der Ukraine aufgegeben? Zu der Zeit im Jahre 2022, von der Sie sprechen, wurden, nachdem die Russen die Schlacht um Kijev abbrechern mussten (Der Ort Slawutytsch liegt an der russischen Einfallsroute nach Kijev) und aus dieser Gegend aus militärischen Gründen abziehen mussten, weil sie dort faktisch eine Niederlage gegen die unerwartet starke miltiräische Gegenwehr der Ukraine erlitten, ca. einen Monat später in Butscha ein Massengräber mit über 450 Leichen gefunden. Praktisch alles unbewaffnete Zivilisten. Mehr als vierhundert davon wurden ermordet, und sehr viele davon trugen Spuren von Folterungen. Frauen und Kinder, ältere Leute, die nie bewaffnet waren und sich so den Eindringlingen entgegenstellten.
Und wenn Sie von satten Budgets für die Armee reden: Dass die Linke in der Schweiz die Armee nach dem Ende des kalten Krieges während langer Zeit am liebsten zu Tode gespart, wenn nicht gar völlig abgeschafft hätte, und jene, die es anders sahen, nur als “Kriegstreiber” und “Friedensverhinderer” titulierten, ist allgemein bekannt. Im Jahre 2006, als Sie mit Helmut Hubacher korrespondierten, gab die Schweiz ganze 0,75% ihres BIP für die Armee aus.
Und wenn ein deutscher Bundestagsabgeordneter im Jahre 2006 proklamierte, die Ausgaben der CH für die Armee seien heller Wahnsinn, hätte er sich besser darauf besonnen, die Bundeswehr nicht verlottern zu lassen, die ja in den Folgejahren bis heute teilweise schlicht nicht mehr einsatzfähig war und ist. Trump war weiss Gott nicht der erste Päsident, der von den europäischen Natorpartnern forderte, endlich ihren Verpflichtungen nachzukommen und ihr jeweiliges Rüstungsbudget auf 2% des nationalen BIP anzuheben und selber mehr für ihre eigene Sicherheit zu tun. Aber die europäischen Friedensnapostel hielten sich immer für ein wenig besonnener und gerechter als die Amerikaner in ihrer antiamerikanischen Gesinnung und wurden nicht müde, diese in steter Regelmässigkeit zu massregeln und zu verurteilen und ihnen ihre Fehlleistungen unter die Nase zu reiben. Das hinderte sie jedoch nicht daran, die Amerikaner jeweils die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen und sich unter dem militärischen Schutzschirm der Amerikaner zu sonnen. Dies im Grunde seit 1945.
Daniel Ric sagt:
Welche Kastanien haben denn die Amerikaner seit 1945 für die Europäer aus dem Feuer geholt? Welche europäischen Interessen waren denn bedroht in Korea, Vietnam, Irak, Libyen oder Afghanistan? Die Amerikaner haben Hunderttausende Menschen getötet, aber ich sehe keine europäischen Interessen, die in diesen Ländern bedroht waren. Es ist fürchterlich, dass Menschen nichts aus der Geschichte lernen, sondern weiterhin Krieg propagieren. Dankbar bin ich Herrn Ludin für seinen Einsatz für den Frieden.
stadler karl sagt:
Heute gäbe es kaum einen Staat Südkorea, hätten die Amerikaner damals dem sozialistischen Expansionsdrang der Chinesen unter Mao nicht Paroli geboten. Mao tse dong, während dessen Regierungszeit mindestens um die dreissig Millionen Menschen in China ins Gras beissen mussten und zwar nicht etwa infolge kriegerischer Ereignisse. Fragen Sie die Südkoreaner, ob sie unter der stalinistischen Fuchtel von Kim Jong-un leben möchten. Ich kenne zwei Südkoreaner und die denken wie sehr viele ihrer Landsleute.
Den Vietnam-Krieg haben die USA verloren. Aber es gab in dieser ehemaligen französichen Kolonie nicht einfach nur den imperialistischen Aggressor USA, wie uns die Narrative der 68er damals glauben machen wollten. Viele von diesen schwärmten damals samt ihrer Medien auch für Pol Pot und die Roten Khmer und redeten deren Schlächterorgien schön. Hinter dem Vietkong und Nordvietnam waren die treibenden Kräfte die damalige Sowjetunion und das China von Mao. Eigenartig nur, dass das heutige kommunistische Vietnam als potentieller geopolitischer Verbündeter der USA gilt, jedenfalls keineswegs weniger als zum Riesen China. Selbstverständlich liegt es auch im starken Interesse von Europa, wenn Ostasien nicht allein ein geschlossener Einflussbereich von solchen Diktaturen darstellt.
Im Irak waren sehr wohl ganz direkt europäische Interessen bedroht. Saddam Hussein, der einerseits Israel massiv direkt bedrohte, anderseits einen riesigen Krieg gegen den Iran lostrat, der innert relativ kurzer Zeit mehr als eine Million Tote forderte, wollte nicht nur den Amerikanern, viel mehr auch den Europäern den Ölhahn, je nach Belieben, zudrehen, und zwar nicht nur irakisches Öl, sonden auch Öl aus andern arabischen Staaten. Den Irak zwar beherrschte er mit eiserner brutaler Gewalt, sodass die potentiellen Konflikte innerhalb des Iraks nicht offen ausbrechen konnten. Seine innenpolitischen Gegner, z.B. die Kurden, liess das Regime von Saddam mit Giftgas bekämpfen, sodass sehr viele Zivlisten in Mossul wie “tote Fliegen” herumlagen. Dafür betrieb er eine Aussenpolitik, die sich destabilisierend auf den gesamten Nahen Osten sich auswirkte.
Und es waren die Amerikaner, welche zusammen mit den Kurden den IS, eine echte Plage auch für Europa, massiv zurückbanden. Es war dies nicht der Schlächter Baschar al Assad oder die Türken unter Erdogan, welcher dem IS in seinem Land gar halbwegs ein Wirkungsfeld gewährte. Und es waren auch nicht die Russen, die zu dieser Zeit ebenfalls in Syrien militärisch aktiv waren.
Es waren die Amerikaner, welche in Afghanistan die riesigen Trainingslager der Al-Kaida, welche von den damaligen Taliban geduldet wurden, zum Veschwinden brachten und vernichteten. Die Alkaida, die damals genau von diesen Lagern aus nicht nur die USA, sondern halb Europa mit Terroranschlägen überzogen. Die Europäer wären kaum in der Lage gewesen, etwas Wirksames dagegen zu unternehmen.
Es war zwar formel die NATO, faktisch aber fast allein die Amerikaner, die in den neunziger Jahren dem Morden im Balkan ein Ende setzten und damit auch eine destabilisierende Gefahr für Europa beendeten. Die Europäer wären. militärisch dazu nicht in der Lage gewesen.
Es war die USA, die seit 1945 den Expansionsgelüsten der Sowjetunion eine militärisch glaubwürdige Drohkulisse entgegen setzte. Die Europäer allein wären dazu kaum in der Lage gewesen. Und es ging vor allem um die Sicherheit Europas, wie es auch heute um die euopäische Sicherheit geht. Sehr viele Militärmanöver, welche die Sowjets zusammen mit den Warschauer-Paktstaaten im grenznahen Umfeld zum Westen durchführten, waren keineswegs Verteidigungsmanöver. An die damaligen Berichte von Militärexperten vermag ich mich noch gut zu erinnern.
Ohne die massive Unterstützung seitens der USA mit Waffen wäre die Ukraine von den Russen längst vereinnahmt oder zu einem völlig anhängigen Staat degradiert. Die Euroäer hätten eine ausreichende Unterstützung schlicht nicht leisten können. Den Amerikanern könnte es bezüglich ihrer eigenen Sicherheit im Grunde egal sein. Als die Russen den Angriffskrieg starteten oder kurz davor, diskutierte der deutsche Bundestag darüber, ob den Ukrainern fünftausend Helme geliefert werden sollen. Man stelle sich dies einmal vor!
Präsident Selenski hat es begriffen und weiss, was die USA für die Sicherheit Europas und auch der Ukraine für eine Bedeutung haben. Obwohl ihn der Unflat Trump vor aller Welt blossstellte, versucht er, es mit den USA dennoch nicht gänzlich zu verderben. Aber Trump hat so unrecht nicht, wenn er sagt, die USA würden weiterhin Waffen liefern, aber die Europäer müssten sie bezahlen. Denn es ginge hauptächlich um ihre eigene Sicherheit, für welche zuerst die Europäer veranwortlich sind.
Und Ihre beiläufige Bemerkung, dass Menschen, die für eine glaubwürdige militärische Sicherheit plädieren, den Krieg propagieren würden, erscheint als völlig deplaziert. Als ob solche Menschen sich auch nur einen Deut weniger für Frieden einsetzen würden als Pazifisten! Um für eine militiärische Sicherheit einzustehen, muss man weder ein machohafter Rambo noch sonst ein “Militärgrind” sein.
Daniel Ric sagt:
Sie bemühen hier ziemlich viele Klischees, die der Realität nicht standhalten. Zuerst einmal ist zu hinterfragen, weshalb es nach dem zweiten Weltkrieg überhaupt eine Drohkulisse brauchte. Die Sowjetunion hat mit riesigem Abstand den grössten Beitrag dazu geleistet, Nazi-Deutschland zu besiegen und hat dabei Länder besetzt, die später von den sowjetischen Truppen freiwillig verlassen wurden. Hier sind Jugoslawien und Österreich zu nennen. Ein weiterer Fakt, der im Westen immer verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass viele Länder damals sozialistisch werden wollten und das Narrativ, das alle dazu gezwungen wurden, eine Lüge ist. Auch im Westen gab es eine grosse kommunistische Bewegung (beispielsweise in Italien). Dass die Kommunisten weltweit geopolitisch agierten, stimmt natürlich. Aber das gleiche trifft auch auf den Westblock zu. Meine Aussage ist, dass es den USA immer nur um Rohstoffe und geopolitische Dominanz ging und die vielen Menschenrechtsverbrechen, die dabei begangen wurden, den Massen mit Schlagworten wie Demokratie und Freiheit verkauft wurden. Man ging immer gleich vor: Man schafft bewusst ein Feindbild, das es dann zu bekämpfen gilt – oder das Feindbild wird plötzlich zum Freund erklärt. Beispiel Irak: Dieser wurde ja von den USA unterstützt gegen die Iraner, bis er dann zum Feindbild erklärt wurde. Mit den Taliban geschah dasselbe. Und übrigens: Fragen Sie mal Libyer und Iraker, wie es ihnen vor dem Umsturz Gadaffis oder Husseins ging. Die Antwort wird ziemlich klar sein. Überall haben die USA und die Nato nur zerstörte und destabilisierte Länder hinterlassen.
Betreffend aktueller Krieg: Auch viele Ukrainer wissen, dass es bei diesem Krieg vor allem um Geopolitik und nicht um das Wohl der Ukrainer geht. Mit Waffen schafft man keinen Frieden. Wenn wir im Westen nicht realisieren, dass die Zeit, wo wir die Herren der Welt waren, endgültig vorbei sind, wird es keinen Frieden geben. Nur wenn die Interessen aller grossen Nationen gewahrt sind, kann es eine friedliche Ordnung auf dieser Welt geben. Als Katholik glaube ich an die Gleichheit aller Menschen und nicht an den westlichen Übermenschen, der mit Waffen die Welt beherrscht. Wir sollten alle aus der Geschichte lernen, dass diese Einstellung falsch ist.
stadler karl sagt:
Ja, Sie bemühen die alten, längst bekannten Narrative der Linken, und was erstaunt, teilweise auch der Rechten, der “Putinversteher”. Welche Länder und warum wohl wollten denn im Eilzugstempo nach dem Fall der Sowjetunion in die NATO, wurden aber ausgerechnet von den USA etwas gebremst? Im Zuge des sozialistischen Missionierungsdrangs vieler linker Starintellektueller, z.B. von Sartre, der damals in Paris mit den Maoisten auf den Strassen mitlief, obwohl über weite Strecken bereits bekannt war, was im maoistischen China eigentlich abging, kümmerten die realen Umstände diese herzlich wenig, obwohl sie das Wort Gerechtigkeit beständig im Munde führten. Oder die halbwegs verständnisvolle Schönrederei der Schlächterorgien des Pol Pot-Regimes in nicht wenigen linken Medien und gleichzeitig die Verteufelung der Amerikaner? Ausser in der Libération in Paris habe ich nie ein späteres Eingeständnis einer Fehlbeurteilung gelesen.
Ich spreche selbstverständlich die USA in keiner Weise heilig in Bezug auf die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen und ihrer Machtpolitik und ich würde auch nie bestreiten, dass die Russen wahrscheinlich den weitaus höchsten Blutzoll im zweiten Weltkrieg bezahlen mussten. Aber die Russen allein hätten die Nazis nie zu besiegen vermocht, hätte es nicht die riesigen Waffenlieferungen seitens der USA gegeben und hätten die Alliierten, allen voran die USA, nicht die Westoffensive eröffnet, die für die Niederlage der Nazis militärisch gensuso mitentscheidend war. Ja, und es war in der ersten Phase des Krieges niemand anders als die Sowjetunion, die den Nazis mit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts die Möglichkeit eröffnete, Polen zu überfallen und ungestört die Länder im Westen zu überfahren. Und es waren die USA, die im Gefolge des zweiten Weltkrieges Westeuropa, vor allem Westdeutschland, wieder wirtschaftlich auf die Beine half und Westeuropa gegen den Expansionsdrang der Sowjetunion militärisch schützte.
Und Ihre letzte Bemerkung, dass diejenigen, die im Westen nicht jede Ideologie vorbehaltlos mittragen wollen, aus der Geschichte zu lernen hätten, dass wir im Westen keine “Übermenschen” seien, erscheint nicht angebracht. Ein typisches Produkt der postkolonialen Ideologie! Wenn jemandem solche Bemerkungen gewiss nicht anstehen, dann ausgerechnet den Vertretern der Kirche, die lange Zeit glaubte, für die kolonialen Expansionsbestrebungen Europas den ideologischen Überbau mitliefern und ganze Völker missionieren zu müssen, weil deren Kulturen und Religionen offenbar minderwertig erschienen. Und was die “Gleichheit der Menschen” betrifft, müssen weder die Rechten, die Linken, die Kulturindustrie oder die Kirche uns von der Strasse Vorträge halten.
Daniel Ric sagt:
Eine Antwort zu Herrn Stadlers Kommentar vom 17. September:
Zuerst einige Fakten zum zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit.
– Frankreich und England gaben Polen eine Garantieerklärung, die nicht eingehalten wurde. Wo der Unterschied zwischen einem Nichtangriffspakt und einer Garantieerklärung ist, die man nicht vorhatte einzuhalten, weiss ich nicht.
– Die Westfront kam im Juni 1944, als bereits klar war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde.
– Jeder einigermassen vernünftige Ökonom, zu denen ich mich zähle, weiss, dass der Marshallplan ein kleiner Tropfen auf den heissen Stein war, der sicherlich nicht den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg brachte, sondern höchstens psychologische Effekte hatte.
– Es gab keinen Expansionsdrang der Sowjetunion, da diese Österreich verliessen, Jugoslawien verliessen und auch Deutschland die Wiedervereinigung anboten (Stalin-Note ), die von den Westmächten jedoch abgelehnt wurde.
Ich teile Ihre Auffassung, dass viele Intellektuelle sich falsch verhielten, als sie die Verbrechen der kommunistischen Regierungen nicht verurteilten. Genau gleich verwerflich ist es aber, wenn im Jahre 2025 Menschen die Verbrechen des Westens versuchen reinzuwaschen und sich nicht der eigenen Geschichte stellen. Es war nicht die Kirche, die den Imperialismus predigte, sondern der antiklerikale Geist des 19. und 20. (und 21.) Jahrhunderts. Es war auch nicht die Katholische Kirche, welche die Eugenik predigte, sondern Menschen wie Auguste Forel und Winston Churchill. Die Vorstellung, dass einige Völker minderwertig seien, ist bis heute tief in der Kultur des Westens verankert. Die Unfähigkeit des Westens, Frieden zu stiften, stammt vom Glauben an die eigene Überlegenheit, die nur den Endsieg als Resultat eines Konflikts kennt. Gerade der Konflikt in der Ukraine zeigt dies wieder. Anstatt auf beide Parteien einzuwirken, den Weg des Friedens zu gehen, auch wenn dieser vielleicht ungerecht wird, redet man weiter nur vom Kämpfen bis zum Ende. Als Stoiker können Sie das Leid so vieler Menschen vielleicht hinnehmen, lieber Herr Stadler. Ich als Katholik hingegen nicht.
ludin sagt:
Ja, die Russen sind (noch nicht abmarschiert). Sie haben aber auch bloss einen kleinen Teil der Ukraine erobert (wohl weniger als einen Drittel? Ich lasse mich belehren.) Für die Eroberten schrecklich. Bestimmt. Aber für uns hoffnungsvoll. Denn wenn sie in 3,5 Jahren ihr Nachbarland erst zu einem Teil erobert haben, wie sollten sie dann den Rest Europas -von der NATO beschützt – erobern können???????? So gesehen ist unser helvetischer Rüstungwahn tatsächlich ein Wahn – vor allem wenn er auf Kosten er auf Kosten von Wichtigem geht (vorgesehen war ja z.b. eine Schwächung von Jugend und Sport. Zum Glück rückgängig gemacht.
Hansjörg sagt:
Herr Ludin geht davon aus, dass die NATO auch uns beschützt. Wir Schweizer müssen nichts tun, und profitieren dann von den anderen Ländern, die eine starke Armee haben. Also, wir müssen nichts investieren, wir müssen auch kein anderes Land unterstützen, weil wir neutral sind, aber im Angriffsfall erwarten wir natürlich, dass die anderen Länder uns helfen.
So ist es nicht und so geht es nicht. Wir reichen Schweizer müssen unseren Beitrag leisten, entweder wir finanzieren andere Armeen mit, oder wir verfügen über eine eigene, bestens ausgerüstete Armee, die mit der NATO kooperiert.
Wir müssten auch die Ukraine viel stärker unterstützen, denn diese Menschen kämpfen auch für unsere Weltanschauung.
Frederike Petersen sagt:
“Ja, die Russen sind (noch nicht abmarschiert). Sie haben aber auch bloss einen kleinen Teil der Ukraine erobert (wohl weniger als einen Drittel? Ich lasse mich belehren.)”
Ersparen Sie mir bitte solche Aussagen/Zumutungen in Zukunft, Herr Ludin! Erst recht der Ukraine!
ludin sagt:
Stimmt es etwa nicht? Übrigens dürften die UkrainerInnen stolz sein, derartigen Widerstand zu leisten ….
ludin sagt:
Und wie lässt es sich rechtfertigen, dass die USA die demokratisch gewählte, sehr sozial handelte Regierung von Allende in Chile gestürzt hat? Und dann Hunderte, ja Tausende Oppositioneller lebendig aus Helikoptern ins Meer geworfen haben? War das auch ein humanitärer Akt?
Übrigens ist erwiesen, dass die USA in Afghanistan die Taliban herangezüchtet haben, um die Russen zu besiegen! Auch dies ein Ruhmesblatt für die USA?
stadler karl sagt:
Die Antwort-Funktion unter dem letzten Beitrag von Herrn Ric ist ja offenbar ausgeschaltet. Die postkoloniale antiwestliche Ideologie, die in weiten Kreisen derzeit en vogue ist und die Herr Ric vorliegend teilweise vertritt, würde ich niemals teilen, auch in der tiefen Überzeugung, dass der westliche Mensch gegenüber der übrigen Welt selbstverständlich in keiner Weise überlegen ist. Es ist zu billig, Herr Ric, einem solche Denkungsarten unterjubeln zu wollen. Und ich teile auch nicht den einseitig verzerrten Antiamerikanismus, bei halbwegs gleichzeitiger Heiligsprechung der Kirche. Ihre Lesart der Geschichte des zweiten Weltkrieges ist offenbar zuverlässiger als jene vieler Militärexperten. Und die Wirkung des Marshallplans wird von reihenweise namhaften Ökonomen völlig anders bewertet als von Ihnen.
Ja, wer, wenn nicht ebenso die Kirche, hat in ihrem missionarischen Bestreben implizit Religionen und teilweise durch diese geprägten Kulturen vieler indigener Völker als entwicklungsbedürftig angesehen? Das dauerte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, als noch Missionskässeli herumgereicht wurden und wenn man einen Batzen hineinwarf, nickte schön brav ein kleines Negerlein! Eine Herabwürdigung sondergleichen!
Und reden Sie einmal mit Einwohnern der östlichen Staaten Europas, wenn Sie glauben, die Sowjetunion hätte in ihrem Missionsstreben um eine gerechtere Welt keine Expansionsgelüste gezeigt. Man muss den Westen in keiner Weise heilig sprechen, um zu sehen, was da abging. Ich weilte in den Osterferien 1969 in Prag, ein halbes Jahr nach dem Prager Frühling und dem Einmarsch der Warschauer-Pakt Staaten, als Soldaten auf dem Wenzelsplatz mit Maschinenpistolen patrouillierten und man als Ausländer nur mit Glück mit Einheimischen ins Gespräch kam, aus Angst, sie könnten mit einem Gesinnungsschnüffler in Kontakt treten. Im Sommer 1968 weilte ich für kurze Zeit in Belgrad, im blockfreien Jugoslawien Titos, das sich damals gegen eine eventuelle militärische Invasion seitens von Moskau absicherte. Ich kam dort mit Jugendlichen in Kontakt, die jedenfalls ganz andere Vorstellungen von politischer Freiheit hegten als die Jugendlichen im September 1968 in Paris, das ich ebenfalls auf der leichen Autostoppreise besuchte. Diese schwärmten teilweise mit den Maoisten und liessen sich von intellektuellen Übervätern wie Sartre oder Cohn Bendit und anderen mehr leiten.
Ja, und vesuchen Sie einmal mit Typen wie Putin einen friedlichen Ausgang im Ukrainekrieg zu erwirken? Idiotischeres Geschwätz, das teilweise diesbezüglich aus der rechten politischen Ecke zu vernehmen ist, kann man sich kaum vorstellen.
Daniel Ric sagt:
Sehr geehrter Herr Stadler, mir geht es nicht um ein Schwarz-Weiss-Denken. Dass die Kirche Fehler gemacht hat, steht ausser Frage. Mir geht es darum aufzuzeigen, dass der Rassismus und Nationalismus, der seit dem Ende des 18. Jahrhunderts das Denken vieler Menschen in Europa und den USA beherrscht, ein Produkt der Moderne ist, die sich von den Prinzipien der katholischen Soziallehre verabschiedet hat. Was die Ostblockstaaten anbelangt, da darf ich Ihnen sagen, dass beide meiner Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen (mein Vater ein Ungar, meine Mutter eine Kroatin). In Jugoslawien konnte man frei ein- und ausreisen, was zu einem differenzierten Blick auf beide Seiten des Eisernen Vorhangs führte. Die Hysterie vor den Russen, die Sie hier propagieren, habe ich nie erfahren. Ich unterstelle hier auch einmal frech, dass Sie diese ebenfalls vor allem aus Geschichtsbüchern, Zeitungen und dem Fernsehen aufgenommen haben, und nicht aus persönlichen Erfahrungen.
Ich verurteile den Krieg, den Russland in der Ukraine führt. Kein normaler Mensch kann für Krieg sein. Ich glaube einfach nicht, dass es wahrhaftig ist, wenn wir im Westen auf Russland zeigen, nachdem so viele Menschen aufgrund unserer Kriege sterben mussten. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir bei uns anfangen.