Der «helle Wahnsinn» der Schweizer Armee.

Seit Jahrzehnten wurde nie mehr so viel von Krieg geredet wurde wie heutzutage. Ein deutscher Minister – Mitglied der Sozialdemokraten, die einst eine Friedenspartei war!! – fordert, sein Land müsse wieder kriegstauglich sein. Nicht viel anders der Kommandant der Schweizer Luftwaffe: «Wir müssen uns auf den Krieg einstellen. Das haben wir in den letzten Jahren verlernt.»
Er merke deutlich, wie schlecht die Schweiz im Vergleich zu andern Ländern ausgerüstet sei. Vor paar Jahren hatte es noch ganz anders getönt. Ein Patriot versprach, die Schweizer Armee zur besten der Welt zu machen. Offenbar hat er es verschlafen …
Zurück zum unserem obersten Flieger: «Wir haben zurzeit nur einen Bruchteil von dem, was wir im Kriegsfall benötigen würden.» Halt: Da hat unsere Armee seit Jahrzehnten satte Budgets.
So satt, dass ausländische Militärexperten staunten. Der berühmte Nationalrat Helmut Hubacher berichtete mir 2006 in einem persönlichen Brief von einer Begegnung der nationalrätlichen Militärkommission mit einer Delegation des Deutschen Bundestages: «Der CDU-Abgeordnete Breuer, damals Sprecher seiner Fraktion für Verteidigungsfragen, betonte, der Aufwand der Schweiz für ihre Armee sei ›heller Wahnsinn’.»
Vergessene gewaltfreie Verteidigung
Was mich sehr traurig stimmt: Ob all dem Kriegsgebrüll vergessen die allermeisten, dass es seit Jahrzehnten auch ein Konzept der «sozialen», oder» gewaltfreien Verteidigung» gibt. Eine Ausnahme machte vor einigen Wochen ein Kurzartikel der Schweizer «Republik». Lesen wir ihn vorurteilslos:
Als im März 2022 die ukrainische Stadt Slawutytsch von russischen Soldaten besetzt wurde, marschierten die Bewohner vor das Rathaus, sangen die National­hymne und stellten sich den Soldaten entgegen. Überrascht feuerten diese nur in die Luft. Es kam zu Verhandlungen, schliesslich zogen die Russen ab.
Diese Geschichte erzählt der Berliner Wissenschafts­theoretiker Olaf Müller in einem Interview als Beispiel einer gelungenen Sozialen Verteidigung. Das Konzept stammt aus den 1960er-Jahren. Ziel ist, einen Angriff nicht mit militärischen Mitteln zu beantworten, sondern mit einer Mischung aus Freundlichkeit und Kooperations­verweigerung.
Friedlicher Widerstand gegen bewaffnete Gruppen hat Bürgerrechts­bewegungen ikonische Bilder beschert, wie auch der Nelken­revolution in Portugal oder dem Prager Frühling. Müller räumt ein, die Russen seien in Slawutytsch wegen übergeordneter Gründe abgezogen. Und doch: Bei der Sozialen Verteidigung geht es darum, Angreifern nicht den geringsten Anlass zu geben, das Böse in einem zu sehen, das es angeblich zu vernichten gilt. Angesichts der weltweiten Zunahme der Konflikte ist die Einübung Sozialer Verteidigung ein paar ernsthafte Gedanken wert.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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