Heinz Angehrn

Das Kleidungsstück der Anpassung/Unterwerfung

(Die Idee zu diesem Artikel entstand angesichts der Aufregung in Washington über die Kleidung des Staatsgastes aus der Ukraine.)

Es gibt verschiedenste patriarchale Riten und Traditionen, die mehr oder weniger klar das Idealbild des perfekten Mannes abbilden und einfordern. Dieser perfekte Mann soll zunächst hetero sein, sprich Nachkommen-erzeugend. Dann soll er ein guter Krieger sein und seine Sippe beschützen, dazu braucht es viele Muskeln, aber nicht allzu viel Gehirn. Dann soll er dominant auftreten und so seine Sippe auch gesellschaftlich-ökonomisch vorwärts bringen, dafür braucht es Kaltblütigkeit und Gerissenheit und ja nicht zu viel moralisches Denken.

(Ich weiss, regen Sie Sich nicht auf, lieber Leser, das ist etwas pauschal. Doch schauen Sie die «Vorbilder» an: Caesar, Napoleon, Rockefeller, Blocher, Putin, Trump etc.)

Wenn sie sich dann zusammenfinden und untereinander versippen, diese «echten Männer», dann kommen weitere «Sekundär-Merkmale» hinzu, so etwa zunächst spezielle Männer-Clubs (in GB genau so genannt, bei uns heissen sie Regimentsstab, Rotary u.ä.), aber auch bestimmte Automarken, Zigarren, Golf und weitere Accessoires und damit verbunden eine machohafte Sprache, sobald ihre Gattinnen ausser Reichweite sind.

(Regen Sie Sich bitte nicht auf, ich bezeuge, dass dies der Wahrheit nahe kommt. Ich war selber in einem Regimentsstab – o Schreck – und spiele selber Golf. Letzteres ist nur in Gegenwart von weiblichen Spielerinnen oder des Ehemannes zu ertragen…)

Das äusserlichste und auch äusserste dieser «Sekundär-Merkmale» ist nun die Krawatte. Ein rechter Mann trägt, sobald er sich in gewissen gesellschaftlichen Sphären bewegt, dieses Würge-Objekt, und weh ihm, er hält sich nicht an die Regeln. Ständeräte etwa müssen dies bis zum heutigen Tag, selbst Paul Rechsteiner unterwarf sich und spielte mit. Sein fast einziger politischer Fehler.
Der Präsident der Exekutive des Konfessionsteils tadelte mich einst, als ich ohne Krawatte im Parlamentssaal erschien. Ich trug ein schönes Hemd und ihm zuliebe ein Gilet, was sollte denn das, dachte ich. Wir begegneten uns dann viel später auf dem Golfplatz, ich in Knickerbockers, das war die Rache.

Also: Ich habe nie in meinem Leben eine Krawatte gekauft. Drei wurden mir geschenkt, zwei schwarze von der Armee und eine knallige von jemand «Gutmeinendem». Eine der schwarzen habe ich behalten. Es könnte ja zur ultimativen Beerdigung kommen.

| © pixabay
19. August 2025 | 10:30
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
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4 Gedanken zu „Das Kleidungsstück der Anpassung/Unterwerfung

  • stadler karl sagt:

    Ich gehöre auch zu jener Sorte, die sich ob solchen etwas pauschalen Einordnungen furchtbar aufregen können, auch wenn sie manchmal gewiss zutreffen mögen. Persönlich gehörte ich nie einem Regimentsstab an, war lediglich Korporal. Aber ich kenne jemanden relativ gut, der in seiner Dienstkarriere am Schluss auch einem solchen Stab angehörte, im Rang eines Obersten. Er ist ein äusserst interessanter Gesprächspartner und sehr bescheidener und feinfühliger Mensch. Was Caesar betriff: Gewiss handelte es sich bei dieser Persönlichkeit um einen ausgesprochen auf Macht fixierten Menschen, der allerdings weniger durch einen muskulösen Körperbau auffiel als vielmehr durch militärstrategische, analytische Fähigkeiten, was zweifelsohne auch gewisse neuronale Hirnfunktionen erforderte, über welche gewiss nicht alle verfügten, selbst wenn diese eher in einem ausgesprochen destruktiven Bereich zur Geltung kamen. Und überdies hing Caesar in der Antike der Ruf an, dass er sich keineswegs nur mit dem andern Geschlechht intim einliess, sondern auch seine homosexuellen Beziehungen hatte. Das tat seinem Ruf in der vorchristlichen Zeit allerdings keinen Abbruch.
    Und wahrscheinlich ist es inzwischen längst allen aufgefallen, dass es in der Manager-Szene, die in den Teppichetagen ihre Büros angesiedelt hat, es sich nicht mehr ausschliesslich gehört, öffentliche Termine in Kravatte wahrzunehmen, sondern beispielsweise in offenem Hemdkragen. Und flugs fand sie ihre Nachahmer, die in tieferen Etagen arbeiten.
    Aber was soll das letztlich denn alles? Als junger Anwalt und Eisenleger, der sich eine stattliche Fach-Bibliothek zulegen musste, trug ich damals in den siebziger Jahren im Seelisbergtunnel auch ein Übergewand, das total mit Rost verschmutzt war und die aufgerauten Hände brachte man am Abend gar nicht richtig sauber, da konnte man bürsten solange man wollte. Als in der Folge die Fälle hereinsprudelten, hatte ich vor den Schranken der Gerichte auch jeweils eine Schale an, mit Kravatte. Ich habe ja nicht in diesem Übergewand erscheinen können, nur schon deswegen, weil ich auf der vornehmen Gerichts-Bestuhlung starke Rostspuren hinterlasen hätte. Und am folgenden Tag konnte ich ja kaum mit einer Kravatte im Berg-Stollen erscheinen. Die Eisenleger-Kollegen hätten mich wahrscheinlich entsprechend benotet.

    • Am 1. September 66, beim Eintritt ins Noviziat, trug ich zum letzten Mal eine Kravatte. Kravattenlos stiess ich bisweilen (selten) auf Ablehnung. Ich sagte mir: “Wenn ihr mich nicht ohne Kravatte haben wollt, habt ihr mich gehabt….”

      • Karl Stadler sagt:

        Diese Haltung finde ich sehr gut! Letztlich ist das Kravatten- Tragen ja nichts weiter als ein Teil einer Konvention, einer Konvention, die in ganz versciedenen Kontexten zur Geltung kommen kann. Manchmal vielleicht z. B. ein Ausdruck einer gewissen Feierlichkeit anlässlich eines bestimmten Anlasses, ¹manchmal vielleicht eher ein Teil des “Übergewandes” in einem bestimmten Beruf, z.B. eines Schalterbeamten in einer Bank oder einer Richterin hinter den Schranken. Aber nie ist das Krvatten- Tragen etwas Konstituierendes des menschlichen Daseins, in welcher Situation auch immer.

  • Hansjörg sagt:

    Ist ja ein unglaublich wichtiges Thema, Krawatte, JA oder NEIN.

    Wie wäre es, wenn wieder mal die eigentlichen Probleme der kath. Kirche Anlass eines Artikels wären?

    – Die nicht gleichwertige und gleichberechtigte Behandlung der Frauen innerhalb der kath. Kirche. Und das obschon Frauen an der Basis jeder Kirchgemeinde die Hauptarbeit übernehmen.

    – Die mittelalterliche Sexuallehre im Katechismus. Da wird Verhütung auch heute noch verboten und als schwere Sünde bezeichnet. Verantwortungsvolle Mütter und Väter müssen so ihren jugendlichen Töchtern und Söhnen empfehlen zu sündigen.

    – Wie lange werden Geschiedene, die eine neue Liebe gefunden haben im Katechismus noch als schwere Sünder und permanente Ehebrecher verurteilt?

    – Wie lange mischt sich die kath. Kirche noch in das Sexualleben ihrer Mitglieder ein?

    Wenn dann diese offenen Punkte geklärt sind, bleibt immer noch Zeit um über die Farbe der Krawatte zu diskutieren.

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