Walter Ludin

Als die Kirchen sich erfolglos «einmischten»

Ich finde es sehr erfreulich, dass die Kirchen – wie die Gegner sagen – sich sehr engagiert in die Diskussion um die Konzernverantwortungs-Initiative/KOVI «einmischen».  Die vielfältigen Pro-Stimmen aus dem kirchlichen Lager stimmen mich sehr optimistisch. Ich rechne damit, dass gerade deshalb die Initiative angenommen wird.

Aber: Ein alter Artikel, der mir zufällig in die Hände fiel, zeigt mir, dass wir Befürworter uns nicht zu früh freuen dürfen. Mein Freund Willy Spieler hat vor Jahren in den «Neuen Wegen» daran erinnert, dass die Kirchen sich in manche Abstimmungen erfolglos «eingemischt» haben. Hier nur seine Beispiele aus dem Bereich Ausländer- und Asylpolitik.

  • 1970: Die erste fremdenfeindliche Initiative, jene von Schwarzenbach, wurde von den Kirchen bekämpft und dann auch vom Volk abgelehnt. Doch: Obwohl die Leitung der katholischen Kirche recht vehement gegen die Initiative gekämpft hatte, wurde sie ausgerechnet in der Innerschweiz angenommen (übrigens vor allem in Gegenden mit tiefem Ausländeranteil!!).
  • 1981: Die fremdenfreundliche «Mitenand-Initiative», die von kirchlichen Kreisen wie der Katholischen Arbeitnehmerbewegung/KAB ausging, erhielt die Unterstützung der Bischofskonferenz und des Kirchenbundes. Sie verletze die Würde des Menschen. Trotzdem: ein wuchtiges Nein von 84 Prozent.
  • Edgar Oehler, der Chefredaktor der katholischen Ostschweiz spottete, die Bischöfe hüteten eine «bockige» Herde, die sich den Hirten widersetze. Mein Kapuzinermitbruder Nestor Werlen widersprach ihm als Redaktor des ebenfalls katholischen «Vaterland». Es gehe nicht darum, dass die Kirchen sich am – wie wir heute sagen würden – Mainstream ausrichten und nur das sagen, was mehrheitsfähig sei. Er verwies auf Jesus, dem viele Leute nach seiner «Brotrede» weggelaufen waren. Jesus sei  deshalb «nicht über die Bücher gegangen.»
  • 2009: Die Minarett-Initiative, ebenfalls von den Kirchen bekämpft, wurde angenommen. Je «christlicher» ein Kanton war, umso mehr wurde sie unterstützt: Der Kanton Basel-Stadt, der am meisten Konfessionslose hat, lehnte sie ab. Doch in Appenzell-Innerrhoden wurde sie mit 71,4 Prozent Jastimmen angenommen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Auch wenn fast Tag für Tag kirchliche Stimmen für die KOVI zu hören sind, dürfen wir uns keine Illusionen machen und im Kampf für sie nicht nachlassen.

Bild: kath.ch, zVg
11. Oktober 2020 | 13:38
von Walter Ludin
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0 thoughts on “Als die Kirchen sich erfolglos «einmischten»

  • stadler karl says:

    Gerade der Vergleich der Schwarzenbach-Initiative und der Mitenand-Initiative, die ja damals bereits in den 70-er Jahren als Reaktion zur ersteren gestartet wurde, zeigt doch deutlich, dass das Volk weder für eine extreme Abschottung noch für unbedachte Öffnungen zu haben war, sich vielmehr für eine ausgewogene Kontrolle der Zuwanderung aussprechen wollte. Mir persönlich scheint diese Haltung auch heute im Jahre 2020, wenn vielleicht auch nicht christlich, aber immerhin vernünftig und keineswegs überholt zu sein.
    Der KV-Initiative werde ich auch zustimmen. Aber ob sie sich beim Volk durchzusetzen vermag, ist tatsächlich offen. Dies umso mehr, als gewisse Kreise wie beispielsweise die Operation libero die Gegner der Initiative rundweg als “Halunken” bezeichnet. Und aus derselben Ecke ist dann wiederum im gleichen Atemzug ein Gejammer zu vernehmen über den verrohenden Politstil, der bei gegnerischen “reaktionären” Politikern und in den sozialen Medien gepflegt wird.

  • karl stadler says:

    Ich komme da schlicht nicht mehr mit. Wahrscheinlich ist man ab einem gewissen Jahrgang ein elender, verlorener Hinterwäldler, der am besten den Schwanz einzieht und schweigt, wenn es um Politik geht. Während die Operation libero die Gegner der Konzerninitiative allesamt als Halunken abtut, weiss die SVP mit ihrem neuesten Werbeplakat nichts besseres, als die Befürworter ins Lager der Linkradikalen einzuordnen, die gleich dem Schwarzen Block nur dreinschlagen können. Und NR Thomas Aeschi postiert noch mit seinem Antlitz auf diesem Plakat, als hätte er in Harvard nicht die Gelegenheit gefunden, etwas mehr intellektuelle Ressourcen zu schöpfen. Für die Teilnahme an jedem Stammtisch, der nur einigermassen etwas auf sich hält, würde er mit solchem Schwachsinn nicht im Ansatz die propädeutischen Anforderungen erfüllen!
    Es gibt keine Konservativen mehr in diesem Land! Statt sich endlich ein wenig darauf zu besinnen, was Konservatismus vielleicht bedeuten könnte, überzieht man lieber das Land mit billigem folkloristischem Traditionsgeschwafel.

  • Michael Bamberger says:

    Walter Ludin: “Ich rechne damit, dass gerade deshalb die Initiative angenommen wird.”

    Rechnen Sie dann ebenfalls damit, dass die Kirchen auf die Steuern jener Firmen verzichten werden, welche gemäss den Initianten der Konzernverantwortungsinitiative durch die Maschen fallen? Ich denke da z.B. an Rohstoffkonzerne, die Pilatus Flugzeugwerke, den Ruag-Konzern und viele andere mehr…

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