Heinz Angehrn

Alles korrekt, oder was?

In meinen letzten beiden Blog-Einträgen habe ich mich zu etwa 50% wieder mit der elenden Covid-Politik unserer Regierung und ihren gravierenden Einschränkungen von Menschenrechten und Menschenwürde beschäftigen müssen. Ebenso war ich gezwungen, beide Male den Grossmeister der Erkenntnistheorie und der Ethik, Immanuel Kant, zu bemühen. Doch nun – auch weil ich seit heute glücklich doppelt Geimpfter und in Kombination mit meinem Attest zur Befreiung von der Maskenpflicht in die Freiheit der glücklichen Kinder Gottes entlassen bin – möchte ich mich der noch weit wichtigeren Grundfrage zuwenden:

Wieweit ist es eigentlich ethisch korrekt, im Rahmen einer weltanschaulich postulierten Korrektheit allen möglichen Minderheiten bzw. einst oder jetzt in ihren Rechten beeinträchtigten sozialen Gruppen gegenüber die (intellektuelle und ästhetische) Freiheit des Individuums, Sprache, Literatur, Kunst, ja sogar Denken überhaupt betreffend einzuschränken, also auch zu verbieten bzw. zu reglementieren, wie gesprochen, wie gelesen, wie geschrieben, wie gedichtet etc. etc. werden darf

Meine Antwort: Das ist ethisch nicht nur unkorrekt sondern eine gesellschaftlich-moralische, ja schlimmer noch staatlich-moralische, Einschränkung der Grundrechte des Individuums. Und allen, die sich verschämt oder schweigend in die Ecke der so geistig Unterdrückten drängen lassen, gilt eben das Diktum von der Selbstverschuldung auch im 21.Jahrhundert.

Ergo:
Die Verwendung sogenannt verpönter Termini (aus der pseudoaufgeklärten Sicht unserer Zeit) in alter Literatur und Philosophie, alten Comics und Kinderbüchern, in den heiligen Schriften etc. zu zensurieren, ist ein Verstoss gegen das Menschenrecht, selber denken zu können und zu dürfen. Man/frau überlasse es doch dem Konsumenten bzw. Verwendenden, sich sein eigenes Bild zu machen, sein eigenes Urteil zu bilden.
Wer nach solcher Zensur ruft bzw. sie nicht hindert, bahnt der Gedankenpolizei, öffnet dem Orwell’schen Überwachungsstaat Tor und Tür.
(Ausgenommen von all dem natürlich neu und ganz bewusst – etwa in Songs von Neonazi-Gruppen – benutzte Verwendungen von Termini, die jetzt allgemeingesellschaftlich als diskriminierend empfunden werden.)

Da man nicht lang und heftig in fremden Gärten graben soll, nun noch zwei Anwendungen, in denen der Schreiberling sich Wissen zutraut:

a) Ich lese gerade Golo Manns «Deutsche Geschichte des 19. und 20.Jahrhunderts», veröffentlicht 1958. (Konkret befinde ich mich gerade in der Zeit Wilhelms II. nach Bismarcks Entlassung.) G.Mann baut äusserst kunstvoll in sein Monumentalwerk Einzelbiographien von prägnanter Kürze und Würze ein (etwa von: Kant, Hegel, Nietzsche, Marx, Görres, Lassalle etc.), um einem plumpen reinen Erzählen der historischen Ereignisse vorzubeugen. Aber aber (aus «korrekter» Sicht): Es sind nur Männer-Porträts, die er einbaut. Frage: Sollten wir das «böse» Buch nicht verbieten, da es der Forderung der Geschlechtergerechtigkeit widerspricht. Dürfen wir es Studierenden noch zu lesen geben?

b) Die Geschichte der Schwulenbewegung (wenn wir schon bei der Familie Mann und ihren speziellen Männern sind) zeigt eindrücklich, dass es gerade auch Angehörigen einer einst diskriminierten (im dritten Reich gar einer Art «Geschlechter-Genozid» ausgesetzten) Gruppe gelungen ist, kreativ, frech und nachhaltig Sprechen, Lesen und Denken zu ändern und gerade nicht etwa die Eliminierung eines Terminus aus der Sprache zu fordern, sondern ihn selbstbewusst zu neuem Glanz zu bringen.

Bildquellen

  • man-5706960_960_720: pixabay.com
30. Mai 2021 | 06:00
von Heinz Angehrn
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0 Gedanken zu „Alles korrekt, oder was?

  • Schwager Roland sagt:

    Lieber Heinz Angehrn,
    Ich schätze Ihre Blogs sehr, doch diejenigen zu den Coronamassnahmen enttäuschen mich und ich kann sie nicht teilen. Da geht es nicht um die (akademische) Beurteilung der Rechte des Einzelnen, sondern schlicht darum, Unheil von der Gesellschaft abzuwenden. Das kann die Rechte meiner Person durchaus tangieren. Doch meine Freiheit endigt genau dort, wo die meines Nächsten anfängt. Oder wie uns der Prof an der Verkehrsschule St. Gallen einst den Begriff Freiheit erklärte: „Tun und lassen was ich will ohne dem anderen zu schaden.“ Das, meine ich, ist doch auch die christliche Solidarität. Das Beharren auf meinem Recht bringt uns nicht weiter.
    Und: Die Regierung mag einiges suboptimal erledigt haben. Doch Entscheide in einer Ausnahmesituation zu treffen – und das erst noch unter Zeitdruck und ohne auf Erfahrung zugreifen zu können – das ist nicht einfach und ich bin froh, musste ich das nicht tun.

  • stadler karl sagt:

    Dass die Bewältigung der Pandemie für die Behörden und ebenso für die Wissenschaft in Bezug auf ihre Massnahmen-Entscheide und ihre Empfehlungen und Prognosen oftmals eine heikle und auch nicht immer glückliche Gratwanderung war und ist, ist hinlänglich bekannt. Dennoch versteigen Sie sich zur Behauptung, die Regierung würde bloss eine “elende Covid-Politik betreiben und uns gravierend in unseren Menschenrechten und unserer Menschenwürde willkürlich einschränken”. Und pathetisch verkünden Sie, Sie seien in den entsprechenden Blog-Beiträgen “gezwungen gewesen, Immanuel Kant zu bemühen”, um uns die besagten Grundrechtsverletzungen seitens der Behörden näherzubringen. Es ist ja ohnehin interessant, zu beobachten, aus welchen Ecken im Verlauf des letzten Frühherbstes politischer Druck auf die Behörden aufgebaut wurde, um eine möglichst schnelle und radikale Öffnung durchzusetzen, dies entgegen nachweislichem Bremsen seitens der Wissenschaft. Explosionsartig fanden wir uns in der Folge wieder im Schlamassel, ganz ähnlich wie es teiweise in andern Ländern zu beobachten war. Rund vier Fünftel der bis anhin gesamten Corona-Todesfälle in der CH ereigneten sich in der Folge innert weniger Monate. Auf den Intensiv-Stationen schrammte man praktisch an einer Überlastung vorbei. Und es gibt Altersheime, in denen starben in der zweiten Welle innert relativ kurzer Zeit 15 bis 20% der Bewohnerinnen und Bewohner an Corona. Auch wenn das Alter zum Teil tendenziell in die Randständigkeit abgedrängt wird, so erscheint es dennoch als völlig überzogen, die Corona-Poitik des BR als “elend” zu bezeichnen.

    Dass Sie im Zusammenhang mit der Corona-Politik auch einfache Leute, welche sich bemühten und immer noch bemühen, die jeweils dekretierten Massnahmen nach bestem Gewissen mitzutragen, mit dem Prädikat “aus Selbstverschulden unmündig” versehen, zeugt von einer ziemlich herablassenden Kanzelmentalität. Es reicht eben bei weitem nicht, Kant plakativ nach eigenem Gusto zu zitieren. Bereits der kurze Essay “Was ist Aufklärung”, aus dem Sie das besagte Zitat von Kant entnehmen, würde hinreichen, die völlige Ungeeignetheit der Kritik Kants an blindem Obrigkeitsglauben im Zusammenhang mit der behördlichen Pandemiebewältigung darzulegen. Kant würde, lebte er heute, ob Ihren diesbezüglichen Blog-Beiträgen schlicht den Kopf schütteln. Um mit zentralen ethischen Begriffen Kants wie “Würde” oder “Selbstzweck” seriös zu operieren, ist eine jahrelange, mehr oder weniger intensive Beschäftigung mit dessen theoretischer und vor allem praktischer Philosophie vonnöten.

  • Heinz Angehrn sagt:

    Und so endet die lange Reise eines höchst relevanten Gedankens in die Nacht … und der Schreiberling verstummt mindestens ein halbes Jahr zum Thema. Der intellektuelle Wahnwitz, der geistige Irrsinn, den da die gedanklichen Nachkömmlinge der 68er Generation (die schon damals im plumpen Feueranzünden und Steinewerfen gegen Kultureinrichtungen endeten) anrichten, ist “still alive”, nicht totzukriegen. Ja womit denn auch, da uns nichts bleibt als die spitze Feder und die scharfe Zunge! Wir Liberalen verfügen weder über die Kalaschnikows der Milizen noch über die Canones der Inquisition noch über die moralinsauren Sprüche der Doktrinären. Jede kommende Generation sieht sich darum neu herausgefordert, sich zu wehren für die freie Rede, das freie Schreiben, das freie Denken. Es besteht Hoffnung, solange Menschen sich bemühen, ihre Mündigkeit als höchste Würde zu beweisen.
    Und damit – wie gesagt – ist Schluss.

    • stadler karl sagt:

      Herr Angehrn, Sie schliessen Ihren intellektuellen Angriff auf die Menschen, welche die Massnahmen mittragen, auf recht simplifizierte Weise ab! Wenn man Ihnen in Ihren Behauptungen nicht folgen will, dass die Behörden ausschliesslich eine “elende Corona-Politik betreiben”, und wenn man dies auch öffentlich kundtut, so reduzieren Sie die Widersprechenden bereits auf “geistiges Epigonentum der 68er-Bewegung”, die keinen Bezug zu einer liberalen Grundhaltung haben. Ganz offensichtlich ist Widerspruch verpönt! Nein, Herr Angehrn, so billig kommen Sie nicht weg!!! Langsam beschleicht mich der Verdacht, dass Sie sich gar nicht bewusst sind, welch ungeheuren Anwurf Sie gegenüber Menschen tätigen, welche bemüht sind, die Massnahmen mitzutragen, indem sie diese der “selbtverschuldeten Unmündigkeit” bezichtigen. Sie wissen wahrscheinlich bestens, mit welcher Intension Kant den Begriff der geistigen Unmündigkeit ausstattete. So sollte Ihnen auch bewusst sein, dass Ihre letzten Beiträge recht verletzend wirken können. Und wenn Sie sich von den aus freien Stücken kooperierenden Leuten abheben wollen, indem Sie eine echt liberale Denkungsart für sich reklamieren, dann studieren Sie doch einmal John Stuart Mill und reflektieren darüber, was er wohl zur Legitimation des Staates während einer Pandemie zu sagen hätte.

  • Bernold Patrick sagt:

    Danke wiederum, Herr Angehrn, für eine erneut sehr differenziert-anregende Stellungnahme. Bleiben Sie ein produktiver “Querdenker” – in der “elenden Covid-Poltik” genauso wie bei anderen aktuellen Gesellschaftsthemen. Sie machen vielen (auch v.a jüngeren) Menschen Mut mit Ihren kritischen Gedanken, da bin ich mir ganz sicher. Leider haben hier einfach sehr wenige Herren (zum grossen Teil ja immer die gleichen) viel Zeit, Ihre kritischen Anmerkungen zum so viele Menschen viel stärker als Covid belastenden Gegenwartsgeschehen pauschal zurückzuweisen. Das beweist nur, wie recht Sie mit Ihren Einwänden haben! Nochmals ein grosses Dankeschön dafür.

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