Meinrad Furrer

Aber lasst Raum zwischen euch …

… Gedanken zum Valentinstag II

Wenn sich Paare kennen lernen, haben sie meist den grössten Wunsch, möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen. Vielleicht verbinden wir gerade mit dem Valentinstag dieses Bild der verschmelzenden Liebe. Nun, in der Zeit der Pandemie, reden alle über Social Distancing und übers Abstandhalten. Aber Paare, die gemeinsam in einer Wohnung leben, erleben das genaue Gegenteil: Sie müssen viel mehr Zeit miteinander verbringen als sonst – vielleicht so viel wie nie zuvor. Die Balance zwischen Nähe und Distanz wird dabei schwierig. Was kann helfen, wenn sie an ihre Grenzen kommen und ihre Beziehung bedroht ist?

In unserer Segensfeier für Liebende am Valentinstag lassen wir uns von Versen eines Gedichts von Khalil Gibran leiten.

«… lasst Raum zwischen euch.
Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.
Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:
Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein.»

Was könnte das sein, das diesen Raum schafft, in dem die Winde des Himmels tanzen und das Meer zwischen den Ufern der Seelen hin- und herwogt?

Mir hilft dabei einzugestehen, dass ich und der Partner beide einen Raum für sich brauchen. Es ist schön, wenn es für beide selbstverständlich ist, dass man sich das gegenseitig gönnt. Das muss nicht gleich, wie Anselm Grün es empfiehlt, eine ganze Schweigestunde sein. Es geht ja auch darum, dass dieser Anspruch bei all den gemeinsamen Aufgaben, die man insbesondere mit Kindern hat, realistisch bleibt. So kurz dieser Raum auch sein mag, so selbstverständlich sollte er sein. Kurz rausgehen, sich in ein Zimmer zurückziehen, mit Freunden telefonieren, alles, was einen aus der Enge des Alltags herausführt.

Genauso wichtig ist für mich der regelmässige Austausch. Es gibt Statistiken, die sagen, dass Paare pro Tag nicht mehr als 6 Minuten über persönliche Dinge austauschen. Wer sich diesen Austausch nicht gewohnt ist, darf also jetzt üben. Und dabei mit Basics beginnen. Dass man sich gegenseitig sagt, warum es schön ist mit dem anderen zusammen zu sein.

Dann kann man aber auch üben, sich gegenseitig zuzuhören. Jede und jeder bekommt, vielleicht am Anfang einfach 5 Minuten Zeit, um zu sagen, wie es ihm/ihr geht, was er/sie sich wünscht. Und der andere/die andere hört einfach zu, ohne zu bewerten. Einen Raum zu bekommen, sich zu zeigen und gesehen zu werden, ohne dass man bewertet wird, ist enorm wichtig.
Dann entwickelt sich auch eine neue Ehrlichkeit, weil man so mehr den Mut bekommt ehrlich zu sein und die eigenen Bedürfnisse und Grenzen auch auszusprechen. Dann können, im Bild von Gibran, die Winde des Himmels erst tanzen. Sie müssen nicht schon im Kopf zensiert und in bestimmte Bahnen gelenkt werden.

Für Paare, die dies nicht gewohnt sind, ist es wohl gut, sich fixe Zeiten einzuplanen, wo sie sich in dieser Art und Weise gegenübersitzen, sich gegenseitig öffnen und zuhören.
Lasst Raum zwischen euch!

Gibran fährt fort:

«Gebt eure Herzen, aber nicht in des Anderen Obhut.
Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.»

Es ist wichtig, sich mit seinen Bedürfnissen zu öffnen, sich anzuvertrauen. Genauso wichtig ist es auch, nicht die Erwartung zu haben, dass der Partner dazu da ist, meine Bedürfnisse zu stillen. Viele davon wird er befriedigen, weil er mich liebt. Unsere Partner sind aber nicht dazu da, unsere Bedürfnisse zu stillen. Diese Erwartung überschattet viele Beziehungen und macht sie eng. Letztlich braucht es für eine gelingende Beziehung etwas Grösseres. Das Vertrauen in den Partner ist zwar essentiell, aber es braucht noch ein viel grösseres Vertrauen. Khalil Gibran nennt es die Hand des Lebens. Jesus sprach oft über die Hand Gottes, die durch und unter uns wirkt. Wenn wir als Partner erwarten, dass wir uns gegenseitig ganz erfüllen, dann überfordern wir uns und die Beziehung. Es geht vielmehr darum, gegenseitig diesen Raum offen zu halten, in dem das Leben sich entfalten kann.

Dabei kann es helfen, sich seiner Erwartungen und Bedürfnisse bewusster zu werden, zum Beispiel indem man sie in einem Tagebuch aufschreibt oder mit einer vertrauten Person bespricht. Aus meiner Erfahrung hilft dabei auch, sich stille Zeiten zu gönnen, zu beten, zu meditieren. Eigentlich geht es darum, sich selber besser kennen zu lernen, sich immer mehr selber gern zu haben um dann dem Leben zu vertrauen, dass es mich immer mehr hält und trägt. An der Seite eines Partners, der das auch versucht, kann es wirklich tragfähig werden – und weit, sodass wir uns nicht nur um uns selbst kümmern müssen, sondern frei werden, uns für anderes Leben zu engagieren.

Bildquellen

  • Herzraum: | © 2015 pixabay CC0 Public
Valentinstag | pixabay.com CC0
14. Februar 2021 | 10:13
von Meinrad Furrer
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