Zur Fasnacht
So ein Witz – oder: befreiender Humor
Ich hatte einst einen Leibarzt. Bewusst nenne ich ihn nicht «Hausarzt». Denn der Leibarzt kümmert sich um meinen Körper und nicht um meine Behausung. Als «Hausarzt» könnte man etwa den Dachdecker bezeichnen, der ein kaputtes Dach saniert – wobei dieser Ausdruck ursprünglich «heilen/gesundmachen» bedeutet!
Also: Dieser Arzt war völlig humorlos. Er kam ins Wartezimmer: «Herr L., kommen Sie mit mir. Setzen Sie sich. Wie geht es Ihnen?» Und die ganze Zeit war keine Spur von einem Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.
Ganz anders war mein Onkologe, Dr. Christian R. An sich gibt es bei einem Mediziner, der sich mit Krebserkrankungen befasst, nicht viel zu lachen. Doch bei allem Ernst der Lage fehlte in seiner Sprechstunde der Humor keineswegs. Zum Beispiel: Als ich nach meiner Heilung vom Krebs zu einer Nachuntersuchung bei ihm war, legte er meine recht dicke Patientenakte auf den Tisch: «Das ist dein Sündenregister!»
Wenn ich die beiden Ärzte miteinander vergleiche, spüre ich einen eklatanten Unterschied. Beim ersten wurde es mir nie so richtig wohl, obwohl er sicher ein guter Mediziner war. Der zweite schuf durch seinen Humor eine entspannte, heilsame Atmosphäre.
Jüdischer Witz
Wer erfahren will, welche heilende, positive und befreiende Funktion der Humor hat, lasse sich jüdische Witze erzählen; selbstverständlich nicht bösartige von Antisemiten. Sondern Geschichten, in denen sich Juden mehr oder weniger selbstkritisch mit ihrem nicht immer einfachen Leben befassen. Auf die meisten von ihnen trifft das berühmte Wort des Wiener Psychiaters Sigmund Freud zu: «Der Witz ist die letzte Waffe der Wehrlosen.»
Nährboden für den jüdischen Witz waren die osteuropäischen Schtetl (auch Stetl genannt). In diesen war der Bevölkerungsanteil an Juden sehr hoch. Weit verbreitet war die Armut. Witze waren eine Möglichkeit, mit dem Elend zu leben, ohne unterzugehen.
Im Schtetl wurde zumeist Jiddisch gesprochen. So kommt es, dass jüdische Witze oft auf Jiddisch überliefert werden oder bloss Elemente aus dieser uralten Sprache haben, damit auch ein Goj – ein Nichtjude – sie versteht.
Ein Beispiel, das allerdings heutzutage nicht ganz der feministischen «Correctness» entspricht: Kohn beklagt sich bei Grün: «Meine Frau, die red’t und red’t und red’t, ich werd noch ganz meschugge.» «Was red’t sie denn?» «Nu’, das sagt sie nicht.»
Noch ein Beispiel aus der umfangreichen Sammlung «Der jüdische Witz», von der St. Galler Jüdin Salcia Landmann, in mehreren Versionen herausgegeben (so 2007 mit 384 und 2011 mit 880 Seiten!).
Es ist Krieg. In der Kaserne brüllt ein höherer Offizier: «Morgen gilt es ernst. Wir kämpfen Mann gegen Mann». Soldat Rubinstein steht auf: «Herr Oberst, nennen Sie mir bitte meinen Mann. Vielleicht wir uns können über Nacht noch einigen.»
Ich finde diesen Witz sehr tiefsinnig und rebellisch.
Witze in der DDR
Ein Land, auf dem Witze gut gedeihen konnten, war die DDR. Es gibt Tausende von solchen Witzen, wovon der westdeutsche Bundesnachrichtendienst die grösste Sammlung angelegt hatte. Sie bildeten ein Ventil, mit dem man den Frust hinter der Mauer ablassen konnte. Und sie waren Blitzableiter für den Volkszorn. Und vor allem: Sie zeigten, dass der Staat nicht alles im Griff hatte. Doch: Wer beim Witze erzählen erwischt wurde, lief Gefahr, eine Strafe absitzen zu müssen. Darauf nimmt ein Kabarettist Bezug: «Ich erzähle keine Witze mehr. Denn jeder Witz muss eine Pointe haben. Und die Pointe muss sitzen.»
Oder auch diese Geschichte: Bundeskanzler Willy Brandt und der DDR-Staatsratvorsitzende Walter Ulbricht treffen einander. Walter fragt Willy: «Was haben Sie für ein Hobby?» Darauf Willy: «Ich sammle die Witze, die die Leute über mich machen. Und haben Sie auch ein Hobby?» Walter: «Ja, fast das Gleiche wie Ihres. Ich sammle die Leute, die Witze über mich machen.»
Nach diesem Ausflug an zwei Hotspots des Humors eine persönliche Anekdote: Ein Bekannter von mir sprach mich nach Erscheinen meiner Publikationen immer auf die Druckfehler an. Bis ich ihm sagte: «Ich mache diese Fehler bewusst, damit du etwas zu reklamieren hast. Damit bereite ich dir offensichtlich eine Freude.»
Walter Ludin
Erschienen im Franziskuskalender 2023
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.



