Zum Tag
(Nachtrag zu meiner Trilogie mit dem Titel «Nachkonstantinisch» vom Mai dieses Jahres. Man lese vielleicht nochmals das Zitat von E.Dussel im Beitrag vom 25.)
Ich kenne die wichtigsten Protagonisten dieses Tages sehr gut, sowohl den bisherigen Bischof Markus als Hauptkonsekrator wie den neuen Bischof Beat und auch den Präsidenten der Exekutive der Kantonalkirche (in St.Gallen Administrationsrat), Armin Bossart. Und ich kenne sie seit Zeiten, in denen der Niedergang des so lange bestehenden Systems der staatstragenden und vom Staat getragenen Kirche noch nicht so offensichtlich war. Eine katholische Pfadfinderabteilung spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle, was zumindest meine emotionale Verfasstheit erklärt. Denn bei allen Schattenseiten, die heute aufgelistet werden, es gab auch Heimat, Stabilität und Sicherheit, dieses System. Oder wie Stephen King in «The body» (»Stand by me») schreibt: «Wir wussten genau, wer wir waren und was wir wollten. Es war herrlich».
Und nun ist fast jedes Mitglied der Schweizerischen Bischofskonferenz in den letzten fünfzehn Jahren öffentlich kritisiert und aus unterschiedlichen Gründen beschuldigt worden. Und in dieses Gremium tritt Beat ein.
Und nun fordert der neue Papst Leo, dass die Bischöfe eben gegen den Strom schwimmen sollten. Die Bischöfe Ivo und Markus waren aber voll in den St.Galler «Strom» integriert. Diese Umkehr soll Beat leisten.
Und nun ist der Personalmangel so eklatant, dass kaum denkbar ist, dass es in zwanzig Jahren noch dreizehn Priester geben wird, die das Domkapitel St.Gallen bilden. Ist Beat der letzte seiner Art?
Mir bleibt nicht anderes übrig, als gewichtigere Stimmen als die meine zu zitieren:
Paul Michael Zulehner: «Übergang gestalten, nicht Untergang verwalten.»
Benedikt Lindemann (St.Romuald): «Wir sind immer noch nicht tief genug gefallen.»
und auch Karl Rahner, abgewandelt: «Die Kirche der Zukunft wird mystisch sein oder sie wird keine mehr sein.»
Viel Glück denn!
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.




stadler karl sagt:
Da wird der Heidegger-Schüler Karl Rahner vielleicht gar nicht so unrecht haben: “Die Kirche der Zukunft wird mystisch sein, oder sie wird gar keine mehr sein.”
Es will einem manchnmal scheinen, dass dieser Sichtweise ein Brosamen an Wahrheit zukommt. Die Kirche nimmt doch im Grunde alles umgreifend auf die Situation des Menschseins Bezug. Und diese Situation des Menschseins oder “Daseins” kann zwar kaum im eigentlichen Sinne hinlänglich erklärt werden. Aber vielleicht können wir uns ihr ansatzweise verstehend ein wenig annähern und versuchen, sie als zeitliches Existenzial im Sinne der von Heidegger beschriebenen Sorge-Strukturen zu erfassen, die sich als “Sichvorweg-schon sein in einer Welt-als Sein bei innerweltlichem Seienden” zeigen und die sich als kontingente “Geworfenheit” des menschlichen Daseins zusammenfassen lassen.Gerade aufgrund dieser Gegebenheit lassen sich manche ethischen Prinzipien und innere Handlungsanleitungen ableiten und sich uns reflektiv vertraut machen. Jedenfalls nicht weniger als in Anleitung seitens vieler voreiligen politischen Ideologien und Abirrungen, in welcher Weise sich ausgerechnet auch der brillante Heidegger in schlimmer Weise schuldig machte.
Das Geheimnisvolle, nur schwer Verstehbare und schon gar nicht Erklärbare, welches das menschliche Dasein nicht selten begleitet, scheint einem Prozessgeschehen im mystischen Sinne zu ähneln, einem Geschehen, dem sich die Kirche implizit ja auch in irgendeiner Weise widmet. Aber konkrete politische Konklusionen aus einer ethisch relevanten Seins-Befindlihkeit der Menschen sollte sie dem Urtgeilsvermögen der Gläubigen überlassen. Die Kirche sollte sich nicht unter die partikularen politischen Kräfte mischen, wie dies im Gegenteil teilweise gerade auch heute imnmer wieder gefordert wird.
Hansjörg sagt:
Vor allem in den Ländern des globalen Nordens ist die Gefahr sehr gross, dass die Kirche in Zukunft gar keine mehr sein wird. Insbesondere die kath. Kirche ist nicht unschuldig an diesem Trend, ist sie doch unfähig Reformen anzugehen und sich von uralten Mythen zu verabschieden.
Die kath. Kirche behandelt mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder nicht gleichberechtigt und nicht gleichwürdig. Zudem ist es diese Hälfte, die an der Basis, nämlich in den Kirchgemeinden, die grösste Arbeit leistet.
Die kath. Kirche schreckt die Menschen mit einer mittelalterlichen Sexuallehre ab, verbietet Sex vor der Ehe, verbietet Verhütung und erklärt so insbesondere junge und aktive Menschen zu schweren Sündern und Sünderinnen.
Die kath. Kirche erklärt Geschiedene, die eine neue Liebe gefunden haben, als permanente Ehebrecher und schwere Sünder.
Wer will schon gerne täglich als Sünderin oder Sünder angeklagt werden, nur weil Er oder Sie, ein gutes und normales Leben führt? Da ist der Austritt doch eine sehr gute Lösung um die Beschuldigungen los zu werden.
Stephan Schmid-Keiser sagt:
Wer wird nun mystisch sein? «Die» Kirche oder die einzelne Person in ihr? Der vielfach abgewandelte Rahner-Satz hat in seiner ursprünglichen Fassung eine unmissverständliche Sprengkraft, die jeder Person eine Würde zuspricht und es jeder Institution verbietet, insbesondere darüber zu befinden, was nun die richtige Lebensform einer Christin oder eines Christen sei. Ich bitte darum, Rahner nicht abwandelnd zu zitieren. Rahner schrieb ursprünglich 1965 «Der Fromme von morgen wird ein „Mystiker“ sein, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.» Dieser Satz war eingebettet in die fundamental wichtige Erfahrung des Geistes durch eine Person auf Glaubenssuche. Dass dies nicht elitär gemeint war, ist weiteren Passagen bei Rahner zu entnehmen. Aufgearbeitet habe ich diese Sicht im Anzeiger für die Seelsorge 131 (2022/12) 32-36.
So gesehen können die existenziellen und die institutionellen Fragen rund um das Phänomen ‘Kirche’ oder ‘Religionsgemeinschaft’ nicht ohne Rücksichtnahme auf die Würde und Freiheit der Person verhandelt werden. Dies macht in meinen Augen – trotz aller Rückfragen – das theologische und ethische Gespräch zu einem nicht abschliessbaren Weg. Rahner hat in aller Demut zu seiner eigenen Beschränktheit und geistlichen Ohnmacht gestanden. Und weil nach Leopold Szondi Wahlfreiheit bis in schicksalshafte Entscheidungszwänge gilt, hätte Rahner Szondi wohl geantwortet, dass für ihn eine Allversöhnungshoffnung erhalten bleibt. Rahner kannte die Erfahrung, dass Menschen am Ende ihrer Tage auf ihre – mit einiger Bestimmtheit erschütternde – Weise dem unverfügbaren Göttlichen begegnen werden.
Zudem ergibt sich aus der abgewandelten Zitation des Satzes schnell mal eine Verdrehung des Begriffs ‘Mystik’. Christlicher Mystik ist Erfahrung eigen, worauf Rahner hinwies. Es ist dies nichts anderes als die «cognitio experimentalis de Deo», die Erkenntnis Gottes durch Erfahrung, wie sie Thomas von Aquin und Bonaventura bezeichnet haben. So gesehen atmet die von Menschen erfahrene Transzendenz eine grössere Weite als es Menschen je zu denken vermögen. Und sie sind de facto angewiesen auf eine «Mystik, die den Durst nach realer Befreiung nicht im Meer des Unbewussten absaufen lässt», wie dies drastisch genug Dorothee Sölle ausgedrückt hat. Für sie stand das Eins-Werden mit der Liebe im Zentrum, wie sie 1992 in Es muss doch mehr als alles geben, S. 62 festhielt.
Im frühen Christentum bezeichneten Mönchsväter und Seelenkenner unter ihnen den verborgenen Sinn des biblischen Wortes als ‘mystikos’. Letztlich war damit Jesus aus Nazareth gemeint. Mystisch war demnach der im Sakrament (!) verborgene Sinn – nachträglich allgemein der verborgen erfahrene Gott. Viele Beiträge aus der Forschung, für welche Karl Rahner, Josef Sudbrack , Alois M. Haas, Heinz Robert Schlette, Gotthard Fuchs und weitere stehen, geben deutliche Hinweise darauf, dass ‚Mystik‘ immer in Verbindung mit existentiellen religiösen Erfahrungen steht. Die religiöse Erfahrung in Worte kleiden, wird stets nur hilfloser Versuch bleiben – wie Karl Barth richtig feststellte.
Diese Zeilen sind eine Fortführung von Gedanken, die ich im Juli 2014 niederschrieb. Die Langfassung für den oben erwähnten Anzeiger für die Seelsorge ist erhältlich via schmidkeiser@bluewin.ch