Karin Reinmüller

Zum Glück schaffen wir es nicht allein

(Meine Predigt von heute in St. Benignus, Pfäffikon ZH)

Es kann sein, dass es Ihnen so ähnlich geht wie mir manchmal in den letzten Tagen: Die Weihnachtsgeschichte klingt dieses Jahr ziemlich hohl. Es werden zahlreiche Versuche unternommen, die Weihnachtsbotschaft wirksam zu halten, weihnachtliche Stimmung unter veränderten Umständen möglich zu machen. Was zu einem gewissen Grad ziemlich sinnvoll ist, solange es hilft. Wenn Ihr Bekanntenkreis so ähnlich aussieht wie meiner, dann schauen Sie gerade zu, wie immer mehr Menschen abstürzen. Und womöglich sind Sie sich selber nicht mehr ganz so sicher, wie Sie die nächsten Wochen gut überstehen sollen. Ab und zu mal ist es ganz gut, die eigene Überforderung zuzulassen, wir leben schliesslich mitten in einer Naturkatastrophe. Und dann, Gott zuzulassen. Das möchte ich hier versuchen.
Es gibt in der Theologie unterschiedliche Überlegungen und Begründungs-Versuche, warum Gott Mensch geworden ist. In einem etwas anderen Ansatz lädt Ignatius von Loyola dazu ein, sich bildlich vorzustellen, wie Gott im Himmel auf seinem Sessel oder Thron sitzt, und zwar in drei Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und diese drei göttlichen Personen schauen auf die Welt und sehen in ihrem göttlichen Universalblick alle Menschen. Wie sie einander lieben und gegeneinander Krieg führen, wie die einen glücklich sind und andere leiden und sterben. Und sie sehen auch, die Menschen schaffen es nicht allein. Sie schaffen das Leben nicht, es ist zu viel für sie. Und wie die göttlichen Personen das so sehen, bekommt Gott Mitleid mit den Menschen, die sich so bemühen und trotzdem nicht klarkommen mit dem Leben. Und er beschliesst, selbst Mensch zu werden. Dass wir es nicht alleine schaffen, ist genau der Grund, weshalb Gott Mensch geworden ist. Wenn wir es alleine schaffen würden, gäbe es kein Weihnachten. Für mich ist das ein hilfreicher Gedanke, in dieser mitunter überfordernden Krisenzeit.
«Fürchtet Euch nicht» sagt der Engel als Erstes zu den Hirten. Angeblich steht in der Bibel 365 mal dieser Satz «Fürchtet Euch nicht». Denn – Euer Retter ist da. Das Leben der Hirtinnen und Hirten wird nach Weihnachten ähnlich ablaufen. Sie werden immer noch gesellschaftlich Randständige sein, die oft genug nicht in warmen Betten schlafen können, sondern draussen bei den Schafen in einer notdürftigen Unterkunft nächtigen. Unser Leben wird ähnlich ablaufen, die Einschränkungen werden dieselben sein, die vielfältigen Schwierigkeiten dadurch, die Krankheit und vielleicht auch der Tod in unserem Bekanntenkreis. Was sich aber ändert: Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten. Denn genauso wie die Hirtinnen und Hirten können wir zu diesem Kind Jesus kommen, das all das annimmt und schafft und gut macht, was wir nicht alleine schaffen. Dieses Kind ist klein und hilflos wie jedes Menschenkind, aber wie wir anfangs gehört haben – es wird uns Vater und Mutter. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, denn Gott ist jetzt mit uns.
Wenn Sie Zeit haben in diesen Tagen, gehen Sie vielleicht in Gedanken mal mit den Hirtinnen zur Krippe, muten Sie sich dem Kind zu, so wie Sie sind, mit all Ihrer Überforderung, und schauen Sie dann, was es Ihnen sagen möchte.

Bild: Ben White auf unsplash.com
25. Dezember 2020 | 17:01
von Karin Reinmüller
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