Dernière
Es muss im Jahr 2005, vor vollen 20 Jahren also, gewesen sein, dass ich hier zu schreiben begann. Nun da kath.ch dieses Format einstellt, und die Ära zu Ende geht, will ich zurück blicken.
Der erste (von 2308 Texten bis dato) Blog-Eintrag, den ich finde, einer vom 21.Dezember 2005, beschäftigte sich mit Eugen Drewermann und seinem öffentlich bekannt gemachten Austritt aus der katholischen Kirche. Damals war Benedikt XVI. frisch im Amt, wohl mit ein Auslöser für Drewermanns Entscheid. So überblicke ich diese 20 Jahre:
zunächst innerkirchlich: die Päpste Benedikt und Franziskus, Bischof Markus in meinem Heimatbistum, die gesamte Ära Huonder/Grichting in Chur und deren zunehmender Druck auf kath.ch, die Veröffentlichung des Berichts zum Thema Missbrauch mit der Welle von Kirchenaustritten als Folge, der Begriff Synodalität …
dann gesellschaftlich: der Aufstieg der Rechtsparteien in Europa als Folge der Flüchtlingsmisere, LGBTQ, die gescheiterte Hoffnung Obama und die Katastrophe Trump, daraus folgend das Ende der Sicherheitsarchitektur für Europa, deshalb das Scheitern des Pazifismus, und über allem die weiterhin ungelöste ökologische Katastrophe, die zur Dystopie führen kann …
Wir sind nichts als kleinste Rädlein im Lauf der Geschichte, im biblischen Sinn (Ps 8) nur Staubkörner. Das entbindet aber nicht von der Pflicht, uns in der kleinen Zeitspanne, die uns gegeben ist, zu engagieren und unsere Stimme zu erheben, wo wichtige Werte wie Autonomie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit bedroht sind. Und schon gar in einer so undemokratisch-zentralistischen Institution wie der unseren.
Das habe ich hier versucht. Sollte ich jemand zu Unrecht kritisiert oder karikiert haben, entschuldige ich mich. Ansonsten aber halte ich als Angehöriger einer während Jahrhunderten unterdrückten gesellschaftlichen Minderheit, derjenige der gleichgeschlechtlich empfindenden Männer (einer Minderheit, die biblisch gesprochen zu den Anawim gehört), an all meinen Vorwürfen fest. Zumal jene an die Institution Kirche, die immer wusste und davon profitierte, dass gut ein Viertel ihrer Priester zu dieser Minderheit gehörte, und die so Verantwortung für die schweren Persönlichkeitsschädigungen bei Opfern und Tätern trug und trägt.
Ich verdanke die philosophischen, theologischen und spirituellen Autoren, von denen ich viel gelernt und profitiert habe: Francesco aus Assisi, Sir Thomas More, Pierre Teilhard de Chardin, Matthew Fox, Wunibald Müller, Golo Mann, Karl Popper, Ludwig Wittgenstein und natürlich Immanuel Kant.
Besonders grüsse ich heute meinen Kollegen in dieser Tätigkeit, Walter Ludin, und meinen getreuesten Kommentator, Karl Stadler. Ich danke den Verantwortlichen bei kath.ch, die mir dieses Hobby ermöglicht haben.
Time to say goodbye.
(und darum ein Foto aus meiner Lieblingswelt, der des Theaters: Platée aus der Barockoper Jean-Philippe Rameaus, aber nicht die hässliche Sumpffrosch-Frau, die sich in Jupiter verliebt, sondern der schüchtern-unattraktive Theatersouffleur in Jetske Mijnssens Zürcher Inszenierung, der sich in den ersten Solotänzer verguckt und zum Finale von allen ausgelacht wird)
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.




Sabine Zgraggen sagt:
Danke! –
“Ich verdanke die philosophischen, theologischen und spirituellen Autoren, von denen ich viel gelernt und profitiert habe: Francesco aus Assisi, Sir Thomas More, Pierre Teilhard de Chardin, Matthew Fox, Wunibald Müller, Golo Mann, Karl Popper, Ludwig Wittgenstein und natürlich Immanuel Kant.” – Uups, keine Frau und Denkerin dabei. Zufall? Zum Schluss daher f von der Hl. Klara von Assisi: “Gepriesen seist du, mein Gott, dass du mich erschaffen hast“.
Heinz Angehrn sagt:
Geehrte Frau Zgraggen
Was hätte es Ihnen gebracht, wenn ich erwähnt hätte, dass ich von zwei Autorinnen jedes Buch mit Genuss und mehrfach gelesen habe: Lady Agatha Christie und Louise Penny. Nur sind es eben Kriminalautorinnen, das bringt uns im Kontext meines Beitrags keinen Gewinn, nicht wahr?
Ich habe es immer gehasst, wenn Männer Pseudo-Frauen beteiligen und ehren nur um der Quote willen. Das ist schleimig und unehrlich.
Denken wir nur daran, dass Therèse von Lisieux so zu Ehren kam. Katharina und Teresia, ja, aber das war peinlich…
Sabine Zgraggen sagt:
Alles klar ! Es war mir nur aufgefallen und ich fragte mich, ob hier nichts Geistliches weiter “trägt” – es war überraschend. Wittgenstein ist natürlich ein Schwergewicht, den kaum jemand versteht – darum. Alles Gute!
Simmen Hans-Ruedi sagt:
Lieber Heinz
Danke herzlichst für deine zahlreichen ehrlichen, tiefgründigen und schonungslosen Artikel und Einschätzungen zu Kirche und Welt. Für mich eine echte Bereicherung mit vielen wertvollen Denkanstössen. Bis auf wenige Ausnahmen konnte ich die meisten deiner pointierten Gedanken und Analysen teilen. Hoffentlich wird deine Lücke wieder mit einer solch versierten und mutigen Person wie du es bist, gefüllt. Pax et bonum
Hans-Ruedi Simmen
Heinz Angehrn sagt:
Ich höre nicht freiwillig auf, die Rubrik Blogs wird auf das neue Jahr abgeschafft. kath.ch begründet wie folgt (Zitat): “Wir haben uns entschieden, dieses Format nicht mehr weiter zu pflegen. Mit seiner sehr subjektiven Sicht passt nicht mehr zu unseren journalistischen Grundsätzen.”
Simmen Hans-Ruedi sagt:
Da scheint kath.ch kalte Füsse zu bekommen und versteckt sich hinter journalistischen Grundsätzen. So was von offensichtlich und oberpeinlich.
Heinz Angehrn sagt:
Ich möchte meine “Dernière” nicht auf Weihnachten verschwinden lassen, sondern sie wörtlich nehmen, darum beziehe ich hier Stellung:
a) Wenn kath.ch mit dem Einstellen der Rubrik Blogs eine erhebliche Einsparung vornehmen kann, dann ist dies eine akzeptable Erklärung.
b) Wenn kath.ch unzufrieden ist mit der Anzahl Blogger/innen, die sich einigermassen regelmässig einbringen, ist dies eine mögliche Erklärung.
c) Wenn die Verwendung des Begriffs “sehr subjektive Sicht” aber bedeuten würde, dass man einfach mehr stromlinienförmig-angepasst auftreten und ergo unangenehme Reaktionen der konservativen Kirchenseite vermeiden will, dann hätte Hans-Ruedi recht.
(Ich weiss aus kompetentestem Mund, dass Martin Grichting einst zu den Bischöfen sagte, sie sollten mich endlich mundtot machen. Doch er ist ja schon lange nicht mehr im Amt…)
d) Und schliesslich, das wäre die schlimmste Variante, hätte man so ein Sprachrohr von LGBTQ beseitigen können. Aber warum dann auch Walter Ludin? Also: unwahrscheinlich, läge aber im Trend und wäre eine Freude für alle Incels, von denen es im religiösen Kontext auch genügend gibt.
stadler karl sagt:
Ich besuchte Ihren Blog ja auch immer wieder, wie ebenfalls denjenigen von Walter Ludin. Ich habe jeweils auch viel Nutzen daraus gezogen, Zugang zu interessanten Perspektiven gewonnen, auch wenn man sich längst nicht immer einer Meinung war. Aber die Begründung von kath.ch kann ich persönlich schlicht nicht nachvollziehen.
Ist denn unser Zugang zur Welt überhaupt anders möglich als auf subjektive Weise? Es soll jemand einen theologischen Beitrag präsentieren, der letztlich nicht relativ stark von subjektiven Einfärbungen getragen wird? Jedenfalls in der Jurisprudenz, den Geistes- und Sozialwissenschaften, wozu auch die Theologie letztlich zu zählen wäre, verhält es sich gewiss so!
Und dass LGBTQ-Perspektiven in einem kirchlichen Blog ebenfalls Eingang finden und zum Tragen kommen, ist, angesichts der Geschichte der kirchlichen Moraltheologie und deren Folgen, längst überfällig, zumal, und da sind Sie wahrscheinlich als Theologe überhaupt nicht einverstanden, nach meinem persönlichen Religionsverständnis Moral und Religion eigentlich nicht viel miteinander zu tun haben. Die Quellen der Moral nähren sich nicht in erster Linie aus Religion, trotz aller Gebote und Verbote, die sich kanonisierten Schriften, von welcher Religion auch immer, finden.
ludin sagt:
Lieber Heinz, ich habe soeben einige Echos auf das Blog-Ende als Kommentar zu meinem neuen Blog gepostet. Mehrmals wird vorgeschlagen, dass ich/wir andernorts weitermache(n). Wärest du dabei?
Heinz Angehrn sagt:
Lieber Walter
Und wie würde das funktionieren? Sicher habe ich Zeit und Lust. Aber technisch – wohl ähnlich wie Du – habe ich keine Ahnung.
Schöne Festtage Euch
Heinz
Daniel Ric sagt:
Sehr geehrter Herr Angehrn, ich möchte Ihnen auch danken für Ihre Texte. In vielen Fragen (Sexualmoral, Weihevoraussetzungen, etc.) war und bin ich nicht Ihrer Meinung, aber das spielt für mich keine Rolle. Die kirchliche Diskussion lebt von unterschiedlichen Meinungen. Speziell dankbar bin ich dafür, dass Sie sich auch regelmässig kritisch zum dualen System geäussert haben und die Verflechtung zwischen Kirche und Staat kritisierten. Vielleicht wurde Ihnen dies zum Verhängnis, dass Sie zu offensiv den Tod der Volkskirche verkündet haben. Leider hängen noch zu viele Verantwortungsträger in der Kirche an diesem Kirchenbild.
Das Ende der Blog-Einträge passt ins Schema der Entwicklung im kirchlichen Journalismus in den letzten Jahren. Landeskirchen und Bistümer sind bestrebt, die Deutungshoheit in ihren Händen zu halten und sind daher nicht daran interessiert, unabhängige Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Vor Jahren bekam dies der ehemaligen Chefredaktor der Horizonte (Aargauer Pfarreiblatt), Andreas C. Müller, zu spüren. Er musste gehen, da er sich erlaubt hat, unabhängigen Journalismus zu betreiben. Das Nachfolgeblatt, Lichtblick, ist nur noch ein Sprachrohr des Bistums und der Landeskirchen. In der Schweizer Kirche darf man alles kritisieren: Den Papst, die Muttergottes, Jesus selbst – nur nicht die Bischöfe und die Landeskirchen.
Was hindert Sie daran, dieses Format weiterzuführen? Nichts. Man sollte dies machen.
Aeberli Elisabeth sagt:
Lieber Heinz,
gut zu wissen dass die Blogs eingestellt werden. Ich habe nicht mehr häufig geschrieben – mich aber doch hin und wieder gemeldet. Jedenfalls war es – da ich gratis schrieb – für kathch nicht mit grossen Kosten verbunden. Und: bis jetzt habe ich nicht gehört dass die Blogs eingestellt werden.
Und: es gäbe doch noch einige Frauen: Marga Bührig, Dorothee Sölle, Elisabeth Schüssler Fiorenza, Theresa von Avila…
Alles Gute, Elisabeth Aeberli
Heinz Angehrn sagt:
Liebe Elisabeth
Zum Einen: Danke für Deinen Gruss.
Zum Zweiten: Interessant, wie selektiv kath.ch da vorging. Anscheinend haben sie nicht einmal alle informiert. Professionell sieht anders aus.
Und eben zum Dritten (schon an Frau Zgraggen geschrieben): Natürlich gibt es gute Theologinnen (ich habe ja mit den Strahms das Studium begonnen). Aber echt (theologisch-spirituell) beeindruckt hat mich keine in dem Ausmass, dass ich sie ehrlich hätte erwähnen können. Wenn eine intellektuelle Autorin, dann am ehesten Hanna Arendt.
Herzlich
Heimz
Elisabeth Aeberli sagt:
Danke, Heinz, ich habe nun die Kommentare gelesen – und ich frage mich, wo nun die Profilierung von kathch bleibt. Bis jetzt habe ich davon nichts gespührt, mit den Blogger/innen war der Kontakt schon lange versandet. Ob dafür mehr Raum geboten wird für Pressemeldungen aus der rechtsreligiösen Ecke (cna, kath-neth)? die in letzter Zeit häufig aufgetaucht sind?
Die Echos sind jedenfalls beeindruckend, und eben: vielleicht wird es auch den selteneren Schreiberlingen mitgeteilt.
ludin sagt:
lieber Heinz, leider habe ich deine Mail-Adresse nicht mehr, um dich direkt kontaktieren zu können. Bitte teile sie mir mit. (Ich habe vor zwei Wochen die Redaktion der Kirchenzeitung/SKZ darum gebeten, aber vergeblich. Schwache Leistung …