«Zeit der Wahrheit»
Von einer solchen sprach der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, nachdem wieder ein Gutachten zum Umgang der Verantwortlichen in der Katholischen Kirche mit Fällen von sexuellem Missbrauch der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Und Bischof Bätzing sagte, er schäme sich, «dass wir eine solche Vergangenheit gehabt haben.»
Ich möchte «diese Vergangenheit» an einem Beispiel verdeutlichen, das ich selber als junger Priester miterlebt habe. Die Namen der Betroffenen tun nichts mehr zur Sache, da sie verstorben sind, darum ersetze ich sie durch Buchstaben.
Priester und Pfarrer O. war eine eigentümliche Persönlichkeit, die gerne belächelt wurde. Er war ungeheuer dick und trug darum den Übernamen «Fass». Er war äusserst engagiert in liturgischen Fragen, dies auch im progressiven Sinn. So sah ich ihn als Student erstmals an einem Oberministrantenkurs, wo er quasi als Hintergrundverantwortlicher, weil Mitglied der Liturgiekommission, den damaligen Bischof H. zum Besuchstermin mit Eucharistiefeier begrüsste. Jovial, fröhlich, übereifrig – diese drei Adjektive würde ich setzen, wie ich ihn damals erlebt habe. Beim abendlichen Zusammensitzen bei Wurst und Wein erwies sich der gewaltige Körperumfang als vorteilhaft, er war noch bis tief in die Nacht geistig voll anwesend. Einige Jahre später – ich war nun selber Seelsorger – erlebte ich ihn im Rahmen des Dekanats ganz ähnlich. In seiner Pfarrei wurde ein Gottesdienst zu einem Jubiläum gefeiert, und er briet Würste und griff dann beim Essen zur Gitarre, um Schelmenlieder aus der kirchlichen Jugendarbeit anzustimmen. Das Bild verdichtete sich: Ein sehr einsamer Mensch kam hinter dieser Fassade zum Vorschein.
Und dann nur wenige Jahre später war er weg, im Schnelltempo in ein anderes Bistum versetzt. Und im kleineren Kreis offenbarte uns ein tief betroffener und bekümmerter Bischof H. den Grund. Warum er dies tat, warum er dies unter Anderen auch so einen jungen Priester wie mich hören liess, das frage ich mich erst heute. War es auch, um sich selbst von diesem ungeheuren Wissen (O. hatte im Beichtgespräch kleine Mädchen gebeten, sich zu entblössen, und sie dann fotografiert) etwas zu entlasten? Oder war es schon damals im Sinne des Votums von Bischof Bätzing der Versuch, uns für Ungeheuerliches, das mitten unter uns geschah, zu sensibilisieren?
Die Spur von O. verlor sich dann im anderen Bistum. Auch dort wechselte er nach meinem Wissen nochmals die Stelle und wurde vom Leben insofern hart bestraft, als dass eine Naturkatastrophe sein Pfarrhaus zerstörte, während er selber im Spital lag. Die damaligen Verantwortungsträger in beiden betroffenen Diözesen sind ebenso verstorben wie er. Soweit der Vorgang, soweit meine Erinnerung noch gut ist. Wenn ich mir nach nun 40 Jahren Berufserfahrung mit meiner Kirche eine Art (Be)Urteilung erlauben darf: Einsame Kleriker mit unterdrückten sexuellen Bedürfnissen waren und sind tickende Zeitbomben, das wurde zulange verdrängt. Und die schlimmsten Täter sind nicht sie, sondern die, die sie nun zu Individualtätern machen wollen, ohne die institutionelle Mitschuld zu akzeptieren. Eugen Drewermanns neues Vorwort zu «Kleriker» sei hier zur Lektüre empfohlen.
Nochmals zur heutigen Beurteilung aus 30 bis 80 Jahren Distanz: Der Begriff «eine solche Vergangenheit» muss akzeptiert werden, das war wohl bis tief in die 90er Jahre wirklich der Normalfall. Und wenn die NZZ dazu am Samstag (S.22) titelte «Die Zerknirschungsrhetorik tönt immer hohler», dann hilft das nicht weiter. Was denn sonst?
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Hansjörg sagt:
Der einzelne Sexualstraftäter ist immer selbst verantwortlich für seine Straftat und muss diese zwingend vor einem weltlichen Gericht beurteilen lassen.
Das System der kath. Kirche generiert und fördert aber richtiggehend immer wieder neue Straftäter. Junge Männer werden in einer Blase zu Priestern und leben innerhalb dieser Sexualität verabscheuenden Blase bis sie in Führungspositionen aufrücken. Wen wunderts, dass dann die Führungsleute alles versuchen um Missbrauchsstraftaten zu vertuschen?
Ich erinnere an die Zahlen aus Frankreich: Während 70 Jahren rund 330 000 Missbrauchsfälle, verursacht von rund 3000 Tätern.
Nur so als einfaches Beispiel:
Wenn 50% der sogenannten „Geweihten“ Frauen wären, hätte die kath. Kirche 40% weniger Missbrauchsfälle, weil Frauen da wohl eher weniger aktiv wären. Das ist aber sicher nicht der Hauptgrund, dass Frauen in der kath. Kirche endlich als gleichberechtigte und gleichwertige Menschen anerkannt werden sollten.
Michael Bamberger sagt:
Wahrheit?
Wahrheit ist kein Bestandteil des katholischen Vokabulars, siehe dazu u.a das jüngste Lügengebilde Ratzingers inkl. angesagter Fortsetzung.
stadler karl sagt:
“Eine solche Vergangenheit”: Das Thema des Missbrauchs und die daraus reusultierenden Vorwürfe gegenüber den zuständigen Entscheidungsträgern innerhalb der Kirche, dass gegenüber den Tätern keine oder viel zu large Konsequenzen gezogen wurden (vertuschen), wird auf eine Weise abgehandelt, als sei dies allein ein Thema, das die Kirche betrifft. Und das Leidige an der Sache ist, dass wenn man diesbezüglich Hinweise auf andere Gesellschaftsbereiche macht, postwendend einem der Vorwurf gemacht wird, man würde Verbrechen “schön reden”, “verharmlosen” oder gar “entschuldigen”. Wie es sich in den Jahren zwischen 1960 und 1990 kirchenrechtlich verhielt, wie weit kirchlich Vorgesetzte (Bischöfe) klerikale Missbrauchstäter nach Rom melden mussten, weiss ich nicht und was damals von Rom aus allenfalls für kirchenrechtliche Sanktionen verhängt worden wären. Hingegen eine Meldepflicht gegenüber zivilen Strafbehörden bestand in der CH nicht. Bischöfe und klerikale Amtsinhaber galten in ihrer kanonischen Funktion nicht als staatliche Amtsträger. Im zivilen Strafrecht verhielt es sich jedenfalls nicht viel anders. Ein verurteilter Missbrauchsstäter gegenüber Jugendlichen musste bis vor kurzem nicht mit eingreifenden Massnahmen rechnen bezüglich Rayon- oder Kontaktverbote, nicht einmal zwingend bezüglich Berufsverbote. Da gab es reihenweise Rückfalltäter, nicht zuletzt, weil das Massnahmestrafrecht viel zu wenig einschneidend war. Es sind keine zehn Jahre her, als diesbezüglich das Massnahmestrafrecht ausgeweitet und verfeinert wurde, um gerade im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen diese ein wenig mehr vor potentiellen Tätern schützen zu können (Bilduns-/Erziehungsbereich, Vereinsbereich , Sport etc.) Nein, das entschuldigt die Vorkommnisse innerhalb des kirchlichen Bereichs in keiner Weise. Keine Frage! Aber man soll endlich aufhören, den Eindruck zu vermitteln, das sei vorwiegend nur ein Problem der Kirche oder von dessen Umfeld. Genau das könnte auf eine Verharmlosung hinauslaufen. Man muss nur beispiesweise die deutschen Kriminalstatistiken studieren und zur Kenntnis nehmen, was und welchem Ausmass in diesem Bereich nach wie vor abgeht. In der CH wird es sich kaum viel anders verhalten. Und vor allem auch wo viele dieser Missbrauchsvorkommnisse sich ereignen. Sehr viele im Bereich engster familiärer Verhältnisse, was sich gewiss nicht weniger traumatisierend auswirkt, als wenn ein klerikaler Wüstling übergriffig wird oder im kirchlichen Umfeld sich ein Missbrauch ereignet. Und gemäss den deutschen Straf-Statistiken ist da nur von Kindern unter vierzehn Jahren die Rede (§176 StGB). Aber dieses Thema fristet in den Medien ein Mauerblümchen-Dasein, wird punktuell manchmal gewiss abgehandlet, aber ist, über alles gesehen, im Grunde ein relativ unbedeutendes Nebenthema.
Wenn die Kirche sich bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit auf die Behandlng der strafrechtlich relevanten Übergriffe beschränkt, dann leistet sie nicht einmal halbe Arbeit! Es wäre endlich an der Zeit, darüber zu reflektieren, welche psychischen Übergriffe sich gegenüber Menschen, insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen in ihrer Entwicklung, sie sich über all die Zeit ihrer Vergangenheit, als sie noch über Einfluss verfügte, zuschulden kommen liess und teilweise immer noch zuschulden kommen lässt. Immer noch glauben Teile der Kirche, sie seien legitimiert, sich in die Sexualmoral der Menschen einzumischen.
Hermann Schneider sagt:
Lieber Herr Stadler, ich gebe Ihnen recht: Missbrauch ist gleich schlimm, egal wo er stattfindet, ob in der Kirche, im Privaten oder im Verein. Gesamtgesellschaftlich ist die Thematik bisher auch nur angerissen worden und findet fast nur im Kontext von Kirche statt. Aber dieser Diskurs hier findet nicht im Feuilleton der NZZ statt oder sonstwo, sondern in einem Blog von kath.ch. In diesem Kontext ist das ein riesiger Unterschied! Niemand bestreitet die Sinnhaftigkeit von Familien, Partnerschaften, Vereinen und Sport, wenn leider auch in ihnen Missbrauch stattfindet. Aber eine Kirche, die sich dem Leben und Wirken des Nazaräers verpflichtet weiss, verspielt ihr eigentliches Kapital wenn es in ihr geschieht und es dort verleugnet und vertuscht wird. Sie wird bedeutungslos. Wenn der ehem “Hüter der Wahrheit” die Unwahrheit sagt (wie auch viele andere Verantwortliche in der Kirche), legt er damit “die Axt an die Kirche”. Das mag für Sie, der ja nach eigenen Worten “mit Kirche nichts zu tun hat” nicht so wichtig sein, für mich als jemand der Jahrzehnte Hauptamtlich in ihr gearbeitet hat schon. Passend dazu kam Gestern eine Dokumentation über viele Menschen die in und mit der kath. Kirche arbeiten und sich zu einer sexuellen Präferenz bekannten die es in der Kirche nach Kirchenrecht nicht geben darf. Was wäre die Kirche ohne sie! Sie hat mich sehr betroffen und nachdenklich gemacht. Für einmal kein Verschweigen, Vertuschen, Verdrängen und keine Scheinheiligkeit. Ein guter Anfang für einen Neuanfang. Wahrheit ist ein zentraler Punkt in unserer Kirche (nicht nur im Kontext von Missbrauch), ja er wird in der kommenden Zeit für sie existentiell.
stadler karl sagt:
Geschätzter Herr Schneider, ich wollte meine Anmerkungen keineswegs auf den Blog von Herrn Angehrn fokussiert wissen. Diesem Thema wird auch ausserhalb der Kirche immer wieder grosse Beachtung geschenkt, zurecht übrigens, während jedoch das übrige Missbrauchsgeschehen nur am Rande oder kaum berührt wird. Aber auf kath.ch – natürlich, es ist eine kirchliche Website, wo dem Thema “Missbrauch” naturgemäss ein grosses Gewicht zukommt und auch zukommen soll – nimmt dieses Thema einen so breiten Raum ein, dass man auch hier fast meinen könnte, es bestehe das zentrale kirchliche Leben fast nur aus diesem Thema. Und es wird teilweise auf eine Art abgehandelt, mit einer Selbstsicherheit und einem “unfehlbaren” Urteilsvermögen gegenüber teilweise offensichtlich ideologisch missliebigen Funktionsträgern, dass man als Aussenstehender wirklich dazu neigt, sehr misstrauisch zu werden. Ob Ratzinger wirklich lügt? Ich weiss es nicht. Abe soviel steht fest: Wenn ich meine Agenda aus dem Jahre 1980 durchschaue, da stehen Termine, Namen und Hinweise auf Verhandlungen drinn, von denen ich vorerst keine Ahnung habe, um was es ging. Gewiss hat es früher den unseligen Klerikalismus gegeben, den ich in meiner Jugendzeit sehr tiefgreifend auch erlebt habe. Aber es hatte auch sehr gute, wenn auch lehramtstreue, Seelsorger darunter. Das muss der Gerechtigkeit halber auch erwähnt werden. Dennoch beschleicht einen manchmal das Gefühl, dass dieser selbstgerechte, erhabene und von der eigenen Wahrheit überzeugte “Klerikalismus” nicht im Ansatz am Verschwinden ist, dieser vielmehr teilweise nur andere Formen annimmt. Dass sich Menschen, die ihr ganzes Leben einem kirchlichen Engagement widmeten, wie Sie sagen, sehr aufgewühlt und betroffen fühlen, das glaube ich Ihnen aufs Wort. Und es wäre Frevel, sich darüber abschätzend hinwegzusetzen oder lustig zu machen. Aber es gibt wahrscheinlich auch innerhalb der Kirche ganz verschiedene biographische und menschliche Schicksale. Es gibt auch solche Menschen, die ihr Leben lang der “offiziellen Lehre” vertrauten, zu folgen versuchten, vielleicht in der weiteren Gesellschaft oftmals Spott ertragen mussten und mit mehr oder weniger Erfolg bemüht waren, ihr Leben gemäss diesen Maximen zu gestalten. Und jetzt, wenn sie nicht mehr im Stande sind, manchen gängigen innerkirchlichen Strömungen sich anzuzgleichen, werden sie teilweise auch innerkirchlich an den Rand gedrängt. Blickt man in die Geschichte der Kirche zurück, so zeigte diese Institution immer mehr oder weniger die Neigung, ihr momentan nicht konforme Menschen in die geistige Randständigkeit zu drängen. Genau darum weisen Sie zurecht darauf hin, dass “Wahrheit” eigentlich ein zentraler Punkt wäre, nämlich ein Ideal, über das letztlich niemand verfügen kann. Und ich nehme den theologischen Interpreten und den Hermeneutikern nicht ab, dass sich in Bezug auf die Gestaltung der Lebensformen “Wahrheit” so schnell verändern kann, dass normative Wahrheit, wenn dieser Ausdruck übehaupt erlaubt ist, quasi eine Funktion der sozio-kulturellen Entwicklung der Verhältnisse darstellt. Für ein deratiges Wahrheitsverständnis braucht man gewiss keine Kirche, und schon gar kein Christentum.
Aber die Spannung, die Saat dieser ewigen potentiellen Zwietracht, liegt nach meiner persönlichen Lesart eben bereits in der Schrift, in manchen angeblichen Äusserungen des Nazareners. Wenn man Stellen liest und reflektiert wie Math. 18,4; 19,30; 20,16,20; Mark. 9,35; 10,44; Luk. 6,21,24,25, 47-49; 13,30; Joh. 9,39; dann irritiert soches. Es ist ein Gerechtigkeitsprinzip der völligen Umkehrung des Bestehenden, es ist über weite Strecken, trotz anderweitger Bekundung, ein Prinzip der Vergeltung, ja ein Prinzip des Umsturzes und es ist vor allem ein Prinzip der subtilen Intoleranz. Damit soll keineswegs behauptet werden, dass die Macht des Faktischen einfach gut sei.
Ich wünsche Ihnen eine gue Zeit!
Heinz Angehrn sagt:
Ich mische mich nochmals in die Diskussion über meinen Beitrag ein. Ich hatte ja geschrieben: “soweit meine Erinnerung noch gut ist”. Der Vorgang, den ich schilderte, dürfte sich um 1982/83 ereignet haben, also etwa in der Zeit, in der in München eine Ordinariats-Sitzung stattfand, an der in Anwesenheit des Kardinals eine ähnliche Personalie verhandelt wurde. Der heute 94 Jahre alte damalige Verantwortliche erinnerte sich zunächst nicht mehr an dieses Traktandum. Nun ich bin 66 Jahre alt und erinnere mich auch nicht mehr an die Details, was damals der Bischof gesagt hatte. Wenn kath.net und Weltwoche jetzt von einer Art Hexenjagd gegen Benedikt XVI. sprechen, mögen sie im Blick auf das Alter und die Dauer zunächst irgendwie recht haben.
Aber, und dieses Aber ist der Punkt: Von jener Sitzung in München gibt es ein Protokoll. Auch 94jährige können sich nun von Drittpersonen informieren und beraten lassen, wenn sie ihrer Sinne noch mächtig sind. Ergo: Da hat jemand versucht zu vertuschen, wohl nicht der alte Mann (den sogar Eugen Drewermann ja partiell in Schutz nimmt), aber die, die auf seine Heiligsprechung spekulieren?
Michael Bamberger sagt:
Ein sehr erhellendes Interview mit Georg Bier, Professor für Kirchenrecht an der Universität Freiburg:
https://www.katholisch.de/artikel/32886-kirchenrechtler-zu-muenchner-gutachten-machart-ueberzeugt-mich-sehr
Michael Bamberger sagt:
Weitere Stimmen zur Causa der “Ehrlichkeit”:
https://www.katholisch.de/artikel/32897-theologe-hoff-kirche-hat-sich-in-labyrinth-von-luegen-verstrickt
https://www.katholisch.de/artikel/32890-fehlverhalten-von-benedikt-xvi-die-folgen-baden-die-engagierten-aus