Walter Ludin

Wie reagiere ich auf das Leiden Jesu?

Der Karfreitag ist eine gute Gelegenheit, sich die Frage zu stellen: Wie reagiere ich auf das Leiden Jesu? Es gibt viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich werde nur kurz fünf davon skizzieren.

  1. Wir können Jesu Leiden verharmlosen. Davon gibt es nicht wenige Arten:
  2. Ich denke da an das berühmte Kirchenlied, in dem es heisst:

Süsses Holz, o süsse Nägel,
welche süße Last an euch.

Ich möchte es schonungslos ausdrücken: Welch ein Kitsch, welch eine Verlogenheit! Nein, das Kreuz war eine brutale Hinrichtungsart, die Nägel äusserst schmerzhaft. Und Jesus war nicht ein harmloses Wesen, geprägt vom dolce vita, vom süssen Leben. Nun, er war als Zimmermann sicher ein kraftvoller Mensch.

  • Wir können mit Übertreibungen Jesu Leiden beschreiben: Es heisst dann, kein Mensch habe jemals so viel gelitten. Wir vergessen dabei, wie viele andere Menschen unvorstellbar grausamen Qualen ausgesetzt waren. Nur ein Beispiel: der Franziskaner Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager freiwillig in den Hungerbunker ging und dort über zwei Wochen unvorstellbar leiden musste.
  • Eine dritte Art ist bei uns, wenigstens in extremer Ausfaltung, nicht gängig; nämlich die Versuche, Jesu Leiden nachzuahmen. Wir kennen dies aus Filmen über Karfreitagsbräuche, zum Beispiel auf den Philippinen. Leute lassen sich ans Kreuz annageln, um dort wie Jesus zu leiden. Seien wir doch realistisch: Damit wird keinem einzigen Menschen geholfen.

Ich denke, wir sind uns einig: Keine dieser drei Varianten ist für uns erstrebenswert. Anders die vierte Möglichkeit, mit Jesu Leiden umzugehen.

(4.) Dieses Leiden in Beziehung zu aktuell leidenden Menschen zu setzen.

Ein Anstoss dazu ist seit dem Palmsonntag im Kloster Wesemlin zu sehen: Vor dem Altar liegt eine Sammlung von etwa 20 Kruzifixen. Sie wollen daran erinnern, wie viele Menschen heute in Nah und Fern Qualen leiden.

Dem Schweizer Regisseur Milo Rau gelingt dies sehr gut in seinem ganz neuen Film mit dem Titel «Das neue Evangelium». Er setzt die Passionsgeschichte Jesu in Bezug zum Schicksal der Flüchtlinge.

Diese müssen in süditalienischen Flüchtlingslagern dahinvegetieren und unter allerschlimmsten Bedingungen als äussert schlecht bezahlte, ausgebeutete Gelegenheitsarbeiter Früchte und Gemüse ernten; zum Beispiel Tomaten, Orangen und Mandarinen, die wir sehr billig in unsern Läden kaufen können. So kann Pontius Pilatus im Film sagen: «Die Schuldigen sind wir alle.»

Der Filmautor fügt in einem Interview an: «Und wir haben eben auch die Erlösung in der Hand.»

Damit kommen wir zum Schluss und damit zur 5. Möglichkeit, auf die Passion Jesu zu reagieren.

(5.) Ein deutsches Hilfswerk schuf dazu das Motto: Nehmt den Menschen vom Kreuz. Im Zusammenhang mit dem Film entstand eine Kampagne für fair produzierte Tomaten. Wer diese kauft, trägt dazu bei, dass weniger Flüchtlinge unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssen.

Der Kauf fair produzierter Tomaten ist selbstverständlich nur eines unter vielen andern Beispielen. Wenn wir unsere Augen und unsere Herzen öffnen für Menschen, die heute am Kreuz von Elend und Gewalt hangen, fallen uns von selbst viele andere Möglichkeiten zum Handeln ein. Ganz am Schluss: Es ist leicht, süsse Passionslieder zu singen und dabei fromme Gefühle zu entwickeln. Weniger leicht, aber doch nicht allzu schwierig ist es, einen Beitrag zu leisten für eine gerechtere Welt; nach dem Motto: Nehmt den Menschen vom Kreuz.

Es gibt nicht nur dieses eine Kreuz © Walter Ludin, Kreuzhubel Dagmersellen
2. April 2021 | 18:45
von Walter Ludin
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