Walter Ludin

«Wie ich versuche, katholisch zu bleiben»

Kaum ein Buch, das in den letzten Jahren über kirchliche Themen herauskam, kommt so flott und frisch daher wie das neueste der deutschen Journalistin Christiane Florin. «Es ist Anklage, Selbstanklage und Bekenntnis einer Sehnsucht» (Klappentext). Die Autorin geht schonungslos ins Gericht mit «ihrer» (Kirche). Und eben: «Trotzdem» kehr sie ihr nicht den Rücken. Ihre Begründung ist höchst spannend zu lesen. (Vgl. die untenstehenden Zitate!)

Christiane Florin: Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben. Kösel. 2020. 176 S., ca. CHF 30.90

Die Autorin beginnt ihr Buch mit der Anspielung auf eine populäreTV-Sendung und schreibt: «Ich bin ein Schaf, holt mich hier raus.» Dann beschreibt sie die Herde und ihre Hirten:

«In oder hinter der Herde sind Männer in besonders goldig bestickten Kleidern. Sie tragen eine spitze Mütze. Diese Männer werden Hirten genannt. Manchmal haben sie einen Schäferhund dabei.

Es gibt mehr weibliche Schafe als männliche. Aber die Hirten kennen die weiblichen nicht so gut. Mutterschafe haben sie am liebsten.» (S. 7)

«Auch Hirten waren einmal Schafe. Gott selbst hat ihnen gesagt, dass sie aus der Herde herausragen. Das nennt man Berufung. Nur männliche Schafe können diesen Ruf hören. Bei weiblichen muss es Einbildung sein.» (S.7)

Es war einmal eine gute Zeit für Kirchenreformen. Denken wir an die Synode 72. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wer davon erzählt, wird wie ein Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg angesehen. Christiane Florin bemerkt über die Würzburger Synode, dem Pendant unser Synode 72:

«Mit Wehmut denken sie an die Würzburger Synode. Anfang der 70er-Jahre machten sich deutsche Bischöfe ein bisschen locker.

›Würzburger was?’ fragen die wenigen Schafe unter 30, wenn Opa aus der Zeit erzählt, als der Katholizismus in Deutschland jung und wild war. Aus der Revolte wurde eine Reformkonferenz. Deren Ergebnisse verschwanden hinter den sieben Hügeln Roms.» (S. 14)

Man soll doch über den Glauben reden, nicht über zweitrangige Dinge wie Strukturen, monieren gewisse Hirten. Doch:

«Strukturfragen sind keine Kleinigkeit. Sie lassen sich vom Glauben nicht trennen.» (S. 17)

Viele (vielleicht zu viele) Seiten sind im Buch dem sexuellen Missbrauch gewidmet. Darin fordert die Autorin, «Risikofaktoren von Ursachen zu unterscheiden».

«Der Zölibat ist nicht die Ursache sexueller Gewalt, aber er ist ein Risikofaktor. Entsprechendes gilt für die Themen Homosexualität und Männerbund. Homosexualität ist keine Ursache, aber unreife Homosexualität ist ein Risikofaktor. Mannsein ist keine Ursache, aber männliche Monokultur ist ein Risikofaktor» (S.73)

Joseph Ratzinger hat sich bekanntlich nach seinem Aufstieg zu Benedikt XVI. als «einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn genannt. Doch:

«Angela Merkel hat sich nicht am Tag ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin als einfache Erntehelferin im Weinberg des Grundgesetzes präsentiert.» (S. 85)

Bis zur Enzyklika «Humanae Vitae» wurden die päpstlichen Machtworte noch von vielen ernstgenommen.

«Zunächst baten Gläubige noch im Beichtstuhl um Absolution für Pille und Kondom. Mittlerweile ist «Humanae Vitae» der katholischen Kompostierung anheimgefallen.» (S. 93)

Kirchendemo 2009 in Luzern © Walter Ludin
17. Mai 2020 | 09:45
von Walter Ludin
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