Hugo Fasel; im Vordergrund Daniela Baldi und Eva Baumann-Neuhaus. © Walter Ludin
Walter Ludin

Wie gehen wir mit Flüchtlingen um?

Wer von Ihnen würde nicht flüchten? Predigt zum Flüchtlings-Sonntag

Fast jeden Tag erfahren wir in den Zeitungen, im Radio oder im Fernsehen von der «Flüchtlingskrise». Frage: Was verstehen Sie unter diesem Wort? Wohl die meisten denken daran, wie schwierig es ist, bei uns in der Schweiz oder auch in Deutschland Flüchtlinge aufzunehmen. Gerade Deutschland wurde ja vor zwei Jahren fast an den Rand des Chaos gestürzt, als die Bundeskanzlerin Angela Merkel bereit war, eine Millionen Asylsuchende aufzunehmen. Viele haben es ihr bis heute noch nicht verziehen.

Also: «Flüchtlingskrise» ist eine Krise, unter der wir als Bürgerinnen und Bürger zu leiden haben. Ist das aber alles? Ich denke und behaupte: Unter «Flüchtlingskrise» leiden vor allem die Flüchtlinge/die Asylsuchenden, die in ihrer Heimat keinen sicheren Ort mehr haben: die jeden Augenblick befürchten müssen, von Bomben getötet oder von bewaffneten Banden umgebracht zu werden. Ja, vor allem diese Menschen und nicht wir in unserem Wohlstandsland sind Opfer einer Krise.

Gestern vor einer Woche nahm ich in Zürich an einer Flüchtlingstagung teil (organisiert u.a. vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut/SPI). Hauptreferent war der Caritas-Direktor Hugo Fasel, der Tag für Tag mit den Problemen von Asylsuchenden konfrontiert ist. Erlauben Sie mir, Ihnen hier einige Inhalte seines kompetenten, aufrüttelnden Vortrags mitzuteilen.

Fasel begann mit einer Feststellung, die uns alle überraschte. Er meinte, das Wichtigste seines Referates sei das, was er auf ein Blatt Papier zeichnete. Es war schlicht und einfach ein Strich. In der Mitte gab es einen Querstich.

Die Erklärung: Die erste Hälfte des Strichs wollte zuerst die Situation der Flüchtlinge zuhause vorstellen, dann die Umstände der Flucht. Der Querstrich in der Mitte meinte die Asylsuchenden an der Schweizer Grenze und das, was bei uns mit ihnen geschieht. Die Hauptaussage der einfachen Zeichnung: Wir interessieren uns erst dann für die Flüchtlinge, wenn sie an unserer Grenze stehen. Was sie vorher erlebt haben, lässt die meisten kalt. Und darum fällt es uns auch so schwer, Verständnis für sie aufzubringen.

Der Caritas-Direktor skizzierte am Beispiel von Syrien den ersten Teil der Flüchtlings-Geschichten:

Vielen syrischen Städte und auch Orte in andern Ländern werden tagtäglich bombardiert, Tag und Nacht. Man ist keinen Augenblick sicher, ob man von einer Bombe zerfetzt wird. Fasel fragte uns: Würden wir ein solches Leben aushalten? Und: Wer von uns würde nicht flüchten?

Ich gebe Ihnen jetzt diese Frage weiter: Wer von ihnen würde zuhause bleiben, wenn er jeden Augenblick riskieren müsste, unter den Trümmern des Hauses zu liegen und elendiglich umzukommen.

Bombardierungen sind aber nur ein Teil des Horrors. Es gibt auch:

systematische Vergewaltigungen von Frauen, auch von Mädchen. Wie früher die Minen, so werden heute solche Gewalttaten eingesetzt, um Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben.

Und es blüht der Organhandel: Verwundeten oder getöteten Gegnern werden Organe entnommen und verkauft: ein Milliardengeschäft!

Nur noch ein einziger Aspekt des Horrors: Familien in Syrien bekommen oft Telefonanrufe: «Wir haben euren Vater/euren Bruder getötet. Wenn er so und so viele Tausend Dollars bezahlt, werdet ihr ihn wiedersehen. Sonst verscharren wir den Leichnam irgendwo.»

Entschuldigen Sie bitte die Schilderungen. Sie stammen nicht aus einem Horrorfilm. Sie sind der Alltag vieler Millionen Menschen: von Menschen, von denen viele – längst nicht alle! – zu uns kommen, um zu überleben.

Ja, längst nicht alle Asylsuchenden kommen zu uns, habe ich gesagt. Trotzdem sprechen wir oft von einer Flüchtlingswelle. Zu Unrecht!

Ich erlaube mir hier einen Vergleich:

  • Letzten Monat, im Oktober gab es bei uns rund 1500 neue Asylgesuche.
  • In bloss drei Wochen flüchteten 600 000 Menschen aus Burma nach Bangladesch, das ja bekanntlich ein mausarmes Land ist.

Zum Schluss die Frage: Wie reagieren wir auf Flüchtlinge?

– Eine Möglichkeit ist, ihnen vorzuwerfen, sie würden unsern Wohlstand bedrohen und seien Schmarotzer.

– Oder: Wir erinnern uns an den ersten Teil des Strichs, den Hugo Fasel gezeichnet hat, lassen uns vom Schicksal dieser Menschen beeindrucken und begegnen ihnen menschlich.

Letzte Frage: Welche dieser beiden Varianten entspricht dem Evangelium, in dem Jesus sagen wird: «Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Selig seid ihr. Kommt ins Reich meines Vaters.»

Stans: St. Klara 9.30; Pflegeheim Nägeligasse 10.40

Hugo Fasel; im Vordergrund Daniela Baldi und Eva Baumann-Neuhaus. © Walter Ludin
11. November 2017 | 11:50
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!

2 Gedanken zu „Wie gehen wir mit Flüchtlingen um?

  • Vincenz Blum sagt:

    Es ist erfreulich, dass es immer mehr Mitmenschen gibt, die die Fluechtlingskrise ins richtige Licht ruecken und dass humane Argumente verbreitet werden. Schoen waere es, wenn es zahlreiche Walter Ludin’s geben wuerde !!

  • Markus Troendle sagt:

    Schön, wenn zwischen politischen und wirtschaftlichen Flüchtlingen unterschieden wird in Zukunft. Gemäss Bundesamt für Migration steht bei 88 % der Asylbewerber NICHT fest, woher sie kommen und aus welchem Grund. Einzig ihre Aussage zählt. Ich traue den vielen armen Menschen, welche im Land des Elends sind. Weniger jedoch denjenigen, die sich um die halbe Welt bewegen und dazu das nötige Kleingeld haben, um im reichen Westen an die Tür zu klopfen. Gerne Engagement vor Ort aber bitte: wer flüchtet, soll dies nicht durch ein halb Dutzend sichere Länder tun und bei uns auch noch offene Tore finden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.