Engadin
Daniel Kosch

Warum bist Du immer noch dabei?

Letzte Woche traf ich eine gute Bekannte, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte und wir sprachen von unseren beruflichen Aufgaben samt den damit verbundenen Herausforderungen. Wahrheitsgemäss berichtete ich, dass ich vieles als belastend erlebe – insbesondere die Tatsache, dass es sehr viel Kraft und Geduld braucht, echte, zukunftsweisende Veränderungen einzuleiten und Entscheidungen herbeizuführen. Die Vielfalt der Themen und Dossiers ist auch nach vielen Jahren noch spannend, aber manchmal über der Grenze dessen, was ich verkraften und seriös bearbeiten könne. Dennoch mache ich meine Arbeit gern.

Der Wert des Engagements – und sein Preis

Den Rückfragen und Aussagen meiner Gesprächspartnerin entnahm ich, dass sie beides sieht und anerkennt: Den Wert des Engagements – und den Preis, den es hat. Aber das Gespräch konfrontierte mich auch mit der Frage: Warum setzt Du Dich so ein? Was motiviert Dich, dranzubleiben an den Fragen nach zukunftsfähigen Schwerpunktsetzungen, Strategien, Strukturen, rechtlichen Rahmenbedingen, Organisations- und Finanzierungsformen für die katholische Kirche in der Schweiz?

Eine erste Antwort lautet: Weil mich die Botschaft und Gestalt Jesu, die Bibel und ihre Art von Gott zu sprechen nicht loslassen. Und weil die Kirche für mich trotz allem der Ort ist, wo die kostbare und zugleich beunruhigende Erinnerung daran gehütet wird. Ich glaube, dass die Kirche für mich der Arbeitsort und die Gemeinschaft ist, wo ich mich am besten dafür einsetzen kann, dass Gottes Reich «zu einer besseren Ordnung der menschlichen Gesellschaft beitragen kann» (Vatikanum II, Gaudium et Spes 39).

Sich einstellen auf lange Tragezeiten

Für die zweite Antwort, die mir durch den Kopf ging, schämte ich mich zunächst ein wenig: Ich bleibe bei meiner kirchlichen Arbeit, weil ich nichts anderes gelernt habe, weil sie meine Existenz sichert, weil sie mir einen Gestaltungsraum eröffnet und ich mir ein berufliches Netzwerk aufgebaut habe, zu dem sehr viele spannende und sympathische Menschen und Institutionen gehören (und auch ein paar mühsame). Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass auch diese Antwort «würdig und recht» ist. Sie entspricht der Realität. Und es ist gleichzeitig ein Geschenk und eine Leistung, nach mehr als dreissig Jahren noch immer interessiert, lernbereit und motiviert seinem Beruf nachzugehen. Schon oft habe ich gerade von fortschrittlichen Theologinnen und Theologen, die an der Kirche leiden, den Satz gehört: «Die Guten sind alle längst gegangen». Wer so denkt, wertet jene ab, die bleiben – inklusive sich selbst. Einen anderen Akzent setzt der holländische Theologe Huub Oosterhuis, der schreibt: «Beten ist, sich einzustellen auf lange Zeiträume, auf das lange Weitertragen der Vision von diesem «Königreich» und auf das Aushalten eines vorläufigen Misserfolgs nach dem anderen.»

In konkreten Zielen Visionen und Realität verknüpfen

Die dritte Antwort auf die Frage, was mich in meinem Engagement motiviert, knüpft an die ersten beiden an: Ich habe nach wie vor einen Traum von Kirche und konkrete Ziele, für die es sich zu arbeiten und zu kämpfen lohnt. Ich bin damit nicht allein, sondern mit vielen verbunden. Ich weiss mich ermutigt, nicht zuletzt durch Papst Franziskus. Und ich hoffe, dass ich einen Beitrag leisten kann, weil ich hartnäckig bin, mich in der «Kunst des Möglichen» übe und immer wieder neu versuche, Geld und Geist, Theologie und Management, den Einsatz für die Sache Jesu und die Arbeit in den kirchlichen Strukturen miteinander zu verknüpfen. Schon lange bestärkt mich darin das Vaterunser, vor allem die Bitte, dass Gottes Wille auf der Erde geschehe und nicht nur im Himmel, sowie die Parallelität der Bitten um das Kommen von Gottes Reich und um das tägliche Brot.

Raum für Stille, Nachdenken und Ausgleich schaffen

Die vierte Antwort auf die Frage, woher ich über so lange Zeit die Ausdauer und die Motivation nehme, lautet: Ich sorge bewusst für Aus-Zeiten, für den Rückzug, aber auch für Sport und Bewegung, Verbundenheit mit der Natur und Abstand vom Tagesgeschäft. Ohne die Zeit, mich in ein Thema zu vertiefen, ohne lange Wanderungen, aber auch ohne Zeit- und Bewegungsinseln im Arbeitsalltag würde ich ausbrennen. Es drohte Erschöpfung, Irrewerden am Hamsterrad und Verlust an Inspirationen und an inhaltlicher Substanz.

Rede und Antwort stehen – hoffnungsvoll, aber bescheiden

Warum schreibe ich das alles? – Einesteils sicher, um mir selbst etwas mehr Klarheit zu verschaffen. Zugleich aber auch, weil ich es wichtig finde, solche Fragen weder zynisch wegzuschieben («sei froh, dass das Leben keinen Sinn hat») noch mit Floskeln («so ist das Leben nun einmal») zu erledigen. Denn damit werten wir nicht nur uns selbst ab, sondern auch das schöne, aber schwierige Geschenk unseres Lebens und die Kostbarkeit unseres Glaubens. Der Verfasser des ersten Petrusbriefes sagt es so: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden …» (1Petr 3,15).

 

Nachtrag: Heute wurden die Initiantinnen der Aktion «Kirche mit* den Frauen» mit dem Herbert-Haag-Preis für Freiheit in der Kirche ausgezeichnet. In ihrem Projekt und ihrer Motivation sehe ich viele Gemeinsamkeiten zur eigenen Motivation. Herzliche Gratulation!

 

 

Engadin | © Daniel Kosch 2016
19. März 2017 | 17:10
von Daniel Kosch
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