Daniel Kosch

Vor und mit Gott leben ohne Gott: Missionarische Kirche in der Postmoderne

In den letzten Tagen und Wochen habe ich mich mit zwei Büchern befasst, die mich beide herausfordern und beschäftigen – obwohl sie kaum unterschiedlicher sein könnten.

Politische Theologie «nach» der Postmoderne

Der Dominikaner und Theologieprofessor Ulrich Engel befasst sich in seinem Buch mit der Frage, wie man im Kontext heutigen philosophischen Denkens von Gott sprechen und Theologie treiben kann. Seine Gedankengänge sind anspruchsvoll, für mich nicht immer verständlich. Klar ist aber: Ein «direkter Anschluss» an die traditionelle Art, von Gott, seiner Grösse, seiner Liebe, seiner Allmacht, seiner Nähe etc. zu sprechen, ist philosophisch unmöglich geworden. Bevor zum Beispiel vom «Gebet» gesprochen werden kann, ist von der «Unsagbarkeit» des Gebetes zu sprechen. Und angesichts des Leides und Schreckens der Welt kann Theologie nicht in erster Linie trostreiche Antwort sein, sondern ist in erster Linie Theologie des «Gottvermissens», Gebet nicht vollmundiges Lob, sondern das Seufzen, Stöhnen und der Schrei der leidenden Kreatur. Und im Horizont kulturell immer vielfältiger werdender Gesellschaften sei dem «einen und ganzen, universalen und endgültigen Sinn der ganzen menschlichen Existenz» kaum noch beizukommen. Gleichzeitig hält Ulrich Engel fest, dass Theologie auf den Spuren des Evangeliums nie unpolitisch sein kann, dass sie sich einmischen muss, solidarisch mit den Ohnmächtigen, immer eingedenk des fremden Leids.

Mission für  ein Comback der Kirche

Die Autoren des Manifests mit 10 Thesen für eine missionarische Kirche sprechen eine ganz andere Sprache. Sie wünschen, «dass unsere Länder zu Jesus finden». «Gott, der alle Menschen leidenschaftlich liebt, hat gehandelt und wird auch jetzt handeln, wenn wir ihn persönlich und rückhaltlos anrufen. Es werden Wunder geschehen. Gott wird den Menschen über den Weg laufen und sei es in Träumen und inneren Eingebungen.» Sie fordern dazu auf, sich weder in der Sakristei noch in Büros und Sitzungsräumen zu verschanzen. «Glaubensmarketing ist es, wozu Jesus seine Kirche auf die Wege der Menschheitsgeschichte ausgesandt hat.» Und sie sprechen von einem Gott, «der mir persönlich begegnen will, der sich in mich verliebt hat». Jenen, die zur radikalen und vorbehaltlosen Zuwendung zu diesem Gott bereit sind, trauen sie zu, auch andere begeistern zu können und die Kirche nicht nur zu einem qualitativen, sondern auch zu einem quantitativen Wachstum zurückzuführen.

Was nun?

Natürlich könnte ich es mir nach der Lektüre beider Bücher einfach machen, zum Beispiel indem ich mir sage, dass die Kirche so gross und weit ist, dass es beides geben darf, ja vielleicht geben muss: Den begeisterten, positiv gestimmten missionarischen Aufbruch, der biblische Texte so aufnimmt, als wären sie direkt an uns gerichtet, aber auch das kritische, in die Tiefe gehende philospophische Ringen jener, die angesichts der Leiden und der Katastrophen dieser Welt nicht mehr ungeschützt vom «lieben Gott» reden mögen und trotzdem Wege und Worte suchen, die die Hoffnung wachhalten und zum Einsatz für eine gerechte Welt ermutigen.

Oder ich könnte aus beiden Büchern das auswählen, was mich anspricht: In den missionarischen Thesen die oft wiederholte Warnung und Kritik an einer Kirche, die stark um sich selbst kreist und der es nicht gelingt, wirklich hinauszugehen zu den Menschen, sich auf ihre materielle Not wie auch ihre seelischen Verletzungen, auf ihren Hunger nach Brot und nach Sinn einzulassen. Und im Buch über die Theologie nach der Postmoderne der radikale Ernst, mit dem festgestellt wird, dass die Mitte, in der über Jahrtausende hinweg Gott stand,  mit der Aufklärung leer geworden ist, dass es gilt, die Abwesenheit Gottes im Bewusstsein der Moderne ernst zu nehmen, und dass die Theologie, die Verkündigung und auch die Sprache des Gebetes sich dem stellen müssen.

Es braucht beides: Nachfolge und kritische Auseinandersetzung

Letztlich aber scheint mir nur ein Weg gangbar, der weder eine Wahl zwischen beiden Positionen, noch eine Auswahl von einzelnen sympathischen Elementen trifft, sondern sich beidem stellt: Einerseits die Tatsache, dass vom Evangelium wie von der Sprache und den Zeichen des Glaubens eine Kraft ausgeht, dass es kein Christsein ohne Nachfolge Jesu, ohne Vaterunser und ohne das Weitererzählen seiner Gleichnisse und seiner Lebensgeschichte gibt. Und anderseits die Tatsache, dass ein Christsein, das sich den Abgründen der Realität, der unvermeidlichen kritischen Auseinandersetzung und der GlaubensSchwachheit (Michel de Certeau) unserer Zeit nicht stellt, mindestens für jene, die sich dieser Probleme bewusst sind, letztlich unredlich und auch nicht tragfähig ist.

Zwar frage ich mich, ob dieser Weg wirklich so kompliziert und schwer verständlich sein muss, wie manche Teile des Buches von Ulrich Engel. Aber ersparen und zu einfach machen kann und darf man es sich nicht, wenn man ernsthaft mit den Menschen über die bohrenden Fragen unserer Zeit ins Gespräch kommen will.

Diesbezüglich machen es sich die Autoren des missionarischen Manifestes leider allzu einfach – was nicht ohne sehr problematische Folgen bleibt. So fehlt ihrem Manifest die Sensibilität dafür, dass das biblische Gottesbild in einem Ausmass patriarchal geprägt ist, dass es aus heutiger Sicht der Ergänzung und auch der Korrektur bedarf. Und im missionarischen Eifer übersehen sie die heikle Problematik, die mit Projekten der Mission unter muslimischen Flüchtlingen verbunden ist, die sie auf ihrer Webseite zur Nachahmung empfehlen. Zudem beschränkt sich ihr Glaubens- und Missionsverständnis wie auch das diakonische Engagement, von dem das Missions-Manifest spricht, weitgehend auf die individuelle Perspektive. Die gesellschaftspolitische und wirtschaftskritische Dimension fehlt vollständig, was angesichts der wiederholten Berufung auf Papst Franziskus unverständlich und auch theologisch mehr als nur fragwürdig ist, weil es wesentliche Aspekte einer christlichen Existenz und auch der päpstlichen Lehre unterschlägt.

Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer

Dafür, dass es eine tiefe und radikale Frömmigkeit gibt, die weder auf das kritische Denken verzichtet, noch die Pflicht zum politischen Widerstand ausblendet, bleibt für mich die Gestalt von Dietrich Bonhoeffer eine zentrale Bezugsperson. Wer seine Aufzeichnungen aus der Haft liest, findet darin alles: Die tiefe, biblisch fundierte Gewissheit, «von guten Mächten wunderbar geborgen» zu sein, den Widerstand gegen das menschenverachtende Regime, und die radikale Auseinandersetzung mit einer Welt, in der wir ohne Gott leben müssen. Eine der hilfreichsten Formulierungen für all dies lautet:

«Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche,
die mit dem Leben ohne Gott fertig werden.
Der Gott, der mit uns ist,
ist der Gott der uns verlässt (Markus 15,34).
Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.»

Literaturangaben:
Ulrich Engel, Politische Theologie ‘nach’ der Postmoderne, Mainz 2016
Johannes Hartl u.a., Mission Manifest. Die Thesen für das Comeback der Kirche, Freiburg 2017
dazu auch die Webseite: https://www.missionmanifest.online/

Foto | © Daniel Kosch
12. Januar 2018 | 17:42
von Daniel Kosch
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