Karin Reinmüller

Von Sakristei- und Zellentüren

Zur Zeit bin ich zu Gast in einer Gemeinschaft mit vielfältigen Verbindungen zu Menschen in Gefängnissen, kein Wunder, dass ich in dieser Sakristeitür in ihrer Kapelle eine Tür wiedererkannt habe, die ich schon oft gesehen hatte (übrigens vom Künstler womöglich gar nicht beabsichtigt): Die Türen in der Ausschaffungshaft, wo ich Häftlinge besucht habe, sahen genauso aus, nur in anderer Farbe. Zu Corona-Zeiten war es da nicht mehr möglich, sich an einem Tisch zusammenzusetzen, sondern ich sass in einem kleinen Raum, vor mir eine Glasscheibe, mir gegenüber der Gefangene, den ich besuchte, hinter uns beiden je eine dieser Türen, verschlossen. Ab und zu mal guckte jemand durch das kleine Fenster, was wir da so machten.

In meiner Zeit im Psychiatriepraktikum machte mein Herz immer einen kleinen Sprung, wenn ich beim Kommen an der Stationstür ein grünes Schild sah. Das bedeutete, die Tür ist offen, für alle, nicht nur für privilegierte Schlüsselbesitzerinnen wie mich. Ein rotes Schild bedeutete, dass mindestens eine Patientin der Station vor sich selbst geschützt werden musste und die Tür deshalb verschlossen war. Und dass alle Nicht-Schlüsselbesitzerinnen, erwachsene Frauen wie ich, uns bitten mussten, ihnen aufzuschliessen – eine Demütigung, egal wie nett wir versuchten, zu sein.

Wenn ich jetzt in dieser Kirche sitze frage ich mich manchmal, auf welcher Seite der Zellentür ich bin. Drinnen oder draussen, Besucherin oder Gefangene, Patientin oder Seelsorgerin? Eindeutig ist die Antwort nicht.

«Ich bin die Tür», sagt Jesus von sich im Johannes-Evangelium (im 10. Kapitel). Und zwar eine Tür, durch die man ein- und ausgehen kann und «Weide» findet (jaja, das ist in dem Kapitel, wo wir alle Schafe sind…). Also das, was man zum Leben braucht. Eine verschlossene Tür, für die ich keinen Schlüssel habe, ist wohl kein Bild für Jesus. Geben tut es diese Türen aber trotzdem. Oft bin ich heute «zu Besuch» bei jemand, der oder die hinter einer solchen Tür sitzt, real oder innerweltlich. Manchmal bin ich selbst hinter einer verschlossenen Tür gefangen, nicht aus allem kann ich mich befreien, manchmal ist der Schlüssel schon lang verloren gegangen. Von Jesus kommen diese Türen nicht. Zum Glück ist er gelernter Zimmermann, da kann er wohl auch solche Türen wiederherstellen, zum Ein- und Ausgehen.

Bild: Karin Reinmüller
6. Januar 2021 | 17:27
von Karin Reinmüller
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Ein Gedanke zu „Von Sakristei- und Zellentüren

  • Hansjörg sagt:

    Die Türe erinnert mich stark an die Situation in der kath. Kirche. Die Männer haben den Schlüssel und können alle Funktionen und Berufe innerhalb der Kirche ausüben. Sie verstecken den Schlüssel und geben keinen Millimeter Türspalt frei.
    Die Frauen leisten an der Basis den grössten Teil der Arbeit, haben aber keinen Schlüssel zu Höherem. Frauen sind und bleiben somit ausgeschlossen und sind innerhalb der kath. Kirche auch nicht gleichberechtigte Menschen.

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