Gian Rudin

Virtuose des Grauenvollen

In diesem Jahr feiert der im ländlichen US-Bundesstaat Montana geborene Filmemacher David Lynch seinen 75. Geburtstag. Als Jugendlicher habe ich durch seine Filme das Schaudern erlernt. Seine Filme haben in mir aber auch die Sehnsucht nach dem Unbegreiflichen wachgerüttelt und mich zur metaphysischen Pilgerschaft veranlasst. Und dieser Weg ist noch nicht zu Ende. Lynch ist eine Koryphäe des Grotesken, einer Tänzer am Abgrund.  Beim Betrachten seiner Filme und Gemälde erfasst den Rezipienten eine seltsame Form der Beklommenheit. Er ist ein Meister des Haarsträubenden, seine Kunst ist eine Ringelreiten des Entsetzens. Angst macht sich breit. Aber was ist das eigentlich, Angst?

Angst als Erschütterung der Existenz

Ein beklemmendes Gefühl, wenn sich die Brust langsam zusammenschnürt und man am liebsten der Enge des eigenen Körpers entfliehen möchte. Die Erfahrung der Angst manifestiert sich im hautnahen Erleben der eigenen Leiblichkeit. Unentrinnbar eingesperrt in den eigen Körper. Ein andrängender Fluchtimpuls bei erlebter Ausweglosigkeit, ein schauderhaftes Dilemma! Die Aussenwelt drischt in einer penetranten Unablässigkeit auf den Verängstigten ein. Die Unheimliche Stille des Waldes droht einem zu erdrücken. Da gibt es die spezifische Form der Weltangst, welche einen Nihilisten in einer dunklen Stunde überwältigen kann: Alles ist sinnentleert, die Absurdität der eigenen Existenz manövriert denjenigen in unwandelbare Einsamkeit. Blaise Pascal spricht vom unheimlichen Schweigen der unergründlichen Weiten des Weltalls. Im psychiatrischen Zusammenhang kann man der Angst einen traumatisierenden Charakter zusprechen. Als Traumata gelten Erfahrungen, welche nicht in das Selbstverständnis des eigenen Lebens integriert werden können. Angst vor der Abgründigkeit des Nichts lähmt das gewohnte Dahinplätschern des Alltags. Angst als Schwindel aufgrund der Tragik der eignen Bedeutungslosigkeit. Damit sind wir bei Søren Kierkegaard und der existentialistischen Wende in der Philosophie angelangt.

Angst ist beim dänischen Denker aufs Engste mit der Zukunft verknüpft. Als das Noch-Ausstehende ist das Zukünftige mit Unkalkulierbarkeit gepaart. Die diffuse Angst vor dem Zukünftigen hängt mit dem Gefühl zusammen, sich selbst zu verlieren. Der Mensch ist in seinem Lebensvollzug ausgespannt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Im Suizid als äusserstem Kulminationsunkt der Angst wird diese Spannung zerrissen. Der Mensch ist bei Kierkegaard als Selbstverhältnis beschrieben. Er ist dazu verurteilt, sich selbst zu verstehen. Überdies begreift Kierkegaard das Humane als eine Synthese aus Endlichkeit und Ewigkeit. Jedoch eine merkwürdige Synthese sei der Mensch, zusammengesetzt aus ungleichartigen Dimensionen. Die Uneinheitlichkeit des Mischwesens Mensch ist für die Fragilität seiner Existenz verantwortlich. Die Gefahr des Missverhältnisses steht im Raum. Tiere oder Engel können sich nicht ängstigen. Die Angst ist ein Signal und offenbart dem Menschen, dass in seinem synthetischen Wesen etwas ins Ungleichgewicht geraten ist. Die Verwirklichung eines harmonierenden Zusammenklangs ist die Grundaufgabe des menschlichen Lebens. Ansonsten drohen die Einzelelemente des synthetischen Gefüges auseinanderzufallen oder sich gegenseitig zu zersetzen. Die Angst macht eine Überforderung in der Realisierung des eignen Freiheitsvollzugs sichtbar. Angst richtet ein laut dröhnendes Fragezeichen inmitten des Lebens auf. Der Mensch wird sich selbst zur Frage, deren Beantwortung immer neue Fragen nach sich zieht. Das man sich ab den Filmen Lynchs ängstigen kann, hängt wohl mit dieser Brüchigkeit des menschlichen Schicksals zusammen.

Fiktionalität ist das Grundmerkmal des Erzählens. Die Zurschaustellung fremdpsychischer Bewusstseinszustände ist ein mögliches Ausdrucksmittel in der Erschaffung fiktiver Welten. Das Eintauchen in fremde Erlebnisinhalte kann horizonterweiternd sein. In einem Bewusstsein realisiert sich eine aktuale Welt, es hätte jedoch immer auch ganz anders kommen können. Theoretisch. Und an dieser Weggabelung setzt gute Erzählkunst ein. Diese potenzielle Andersartigkeit wird in der Philosophie in der possible world theory behandelt. Im Schwindel der eigenen Freiheitshorizonte hätte ich mich auch anders entscheiden können. Solche Gedankenspiele beherbergen eine gewisse Unruhe des Geistes und eignen sich insbesondere für surrealistische Gedankenflüge. In dem 1924 erschienen Ersten Surrealistischen Manifest wird das Augenmerk auf die Kraft der freien Assoziation gelegt, die sich mit hemmungsloser Innbrunst von der Zwangsjacke der Vernunft emanzipiert hat. Die epochenmachende Schrift Traumdeutung (1899/ 19009) von Sigmund Freud und die darin propagierte Übermacht des Unterbewusstseins bahnt sich so einen Weg in die darstellenden Künste. Der Film wurde zum bevorzugten Medium surrealistischer Inszenierungen des Irrationalen, da sich hier eine Verschmelzung von Wirklichkeit und Möglichkeit am besten darstellen liess. In den Filmen von David Lynch läuft diese Erzählkunst zur Höchstform auf. Dabei spielen einzelne Bilder und Sequenzen eine bedeutendere Rolle als ein zusammenhängender Erzählfluss. So meint sich der Betrachter seiner Filme in einen Irrgarten versetzt. Eine zeitliche Einordnung der Geschehnisse ist zum Scheitern verurteilt, Internet-Communities liefern sich wilde und und endlose Interpretationsschlachten. Lynchesque ist zum Inbegriff des Unentwirrbar-Verstörenden avanciert. Zur Veranschaulichung mag das Möbiusband dienen. Im Gegensatz zur Endlosschleife zeichnet sich dieses durch eine undenkbare Verknotung aus und ist so Sinnbild einer alptraumhaften Unendlichkeit. So versteht denn Lynch sein eigens Schaffen nicht als Erzählkino, sondern als Spürbarmachung von Erfahrungen, wie er in einem Interview mit Spiegel-Online betont. Auf ähnlichen Pfaden wandelt auch Paul Klee, wenn er den Sinn von Kunst darin erblickt, etwas Unsichtbares sichtbar zu machen und nicht in blosser Nachahmung von bereits Vorhandenem. Lynch kreiert Atmosphären des Unbehagens. Mit seinen Bilderreigen löst er Gefühle aus, welche dem oben geschilderten Gefühl der körperlich erfahrenen Beklemmung nahe stehen.

Angst als atmosphärische Verdichtung des Unaussprechlichen

Die Überlappung der verschiedenen Dimensionen zeigt sich beispielhaft an der schleierhaften Figur des Mystery Man. Sein spukhaftes Erscheinungsbild durch das Fehlen von Augenbrauen wird durch die Eindringlichkeit seines Blickes noch verschärft. Seine düster-dreckige Lache verstärkt den verstörenden Eindruck zusätzlich. Der Mystery Man ist eine von vielen verstörenden Figuren bei Lynch. Man Denke an den destruktiv überbordenden Jähzorn eines Frank Booth in Blue Velvet. Sein Faible fürs Fratzenhafte offenbart sich auch in seinem bislang letzten Spielfilm Inland Empire. Das einprägsam Verstörende hierbei sind die hell überblendeten Gesichter am Schluss. In ihnen zeigt sich ein abscheuliches Grinsen, dass sich von der normalen Körperfunktion abgelöst hat. Das Lächeln hat keinen Bezugspunkt mehr, sondern offenbart eine Leerstelle. Eine Übertünchung der Sinnlosigkeit der Existenz. Das widersinnige Lachen ist Ausdruck einer tiefen Verstörung, einer langsam emporschwellenden Angst vor Antlitzlosigkeit des Nichts. Die Fratze als undefinierbar und unpersönliches Angesicht, so deutet Joseph Ratzinger die A-Personalität des Teufels.

Eine weitere Szene, wo die atemberaubende Sogkraft der Angst zum Ausdruck kommt, ist die Diner-Szene in Mulholland Drive. Hier wird von einer Traum berichtet, welcher sich irgendwo in der Schwebe zwischen Tag und Nacht in einem örtlich genau lokalisierbaren Schnellimbiss zugetragen hat. Der prägnanteste Satz der Szene lautet: I get even more frightened, when i see how afraid you are. Angst als atmosphärische Macht, die von einem auf den anderen Menschen überschwappen kann. Angst ist also wie ein leise dröhnendes Hintergrundgeräusch. Das einen ganzen Ort in Beschlag nehmen kann und sich mit der Gespenstigkeit eines Virus ausbreitet. Und am Schluss der Szene wiederum das Gesicht: i hope that i never see taht face ever outside of a dream…

Angst als Umweg zum Glauben

Bei Kierkegaard hat nun aber die Angst durchaus eine produktive und darin positive Funktion. Sie führt kann zum Glauben führen. Die Angst bildet die Persönlichkeit des Menschen. Sie hat läuternde Eigenschaften. Die Angst des Verlusts von Möglichkeiten, die Angst sich selbst zu verfehlen, sie lässt den Menschen die eigene Unzulänglichkeit erkennen. Und die Angst hilft dem Menschen dabei das Kleinliche aus ihm herauszuängsten, wie Kierkegaard sich ausdrückt. Wenn die bohrende Ungewissheit der Angst also ertragen wird, kann sie in Glauben münden und sich so wiederum mit der Wirklichkeit versöhnen. Daher hat mich wohl meine Faszination als Jugendlicher für das Phänomen des Bösen wohl auf die Spur der Religion geführt. Die Fähigkeit sich zu ängstigen impliziert auch die Hoffnung auf Erlösung. Oder um das vielzitierte Bonmot von Hölderlin aus der Hymne Patmos zu bemühen: Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott / Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch.

4. Februar 2021 | 23:01
von Gian Rudin
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