«und ihre Feinde»
Karl R.Popper macht im Blick auf den ersten der drei Philosophen, die er als geistige Hauptverantwortliche für das Entstehen eines theoretischen Überbaus für populistische Bewegungen jeder Art, die der offenen Gesellschaft und den Freiheitsrechten des Menschen misstrauen und die Diktatur der Demokratie vorziehen, sieht, nämlich Platon, eine überaus spannende und fast etwas en passant hingeworfene Bemerkung. Er kommentiert, dass auch Platon, ähnlich wie Heraklit, als sehr junger Mensch in einer Zeit politischer Instabilität und sozialer Unsicherheit gelebt habe. Kurz danach führt er dann seine Grundtheorie an Platon vor, dass dieser wie die ihm geistig Folgenden die von ihm erlebte Welt als gesellschaftlichen Niedergang und sittlichen Zerfall erlebt habe und sich darum nach einer Wiederkehr eines goldenen Zeitalters, eines neuen tausendjährigen Reiches, gesehnt habe. Und dieses Reich – so die Grundtheorie des Zweibänders – lässt sich auf demokratischem Weg nicht erreichen und schaffen, sondern nur durch den Willen und die absolute Macht eines oder mehrerer Starken.
Nun denn, ich versuche Popper anzuwenden:
a) Wie Adolf Hitler in der Festungshaft sein Buch schrieb, war er ähnlich überzeigt, dass die Weimarer Republik Dekadenz und Zerfall des nationalen Bewusstseins in seiner Grösse und Stärke darstellte, und dass zudem am Anfang dazu ein grosser politischer Verrat gestanden war. Der Weg zur Art und Weise, wie dann gleich zu Beginn des Jahres 1933 die gesellschaftlichen Grundwerte und die Demokratie beseitigt wurden, ist bei Popper exakt beschrieben.
b) Wie die weisse Arbeiternehmerschaft im Gebiet des «rust belt» die Auswirkungen der Globalisierung derart dramatisch erleben musste, kann sehr wohl die Idee aufgekommen sein, den gesamten Prozesss der gesellschaftlichen Umschichtung (mit all diesen Varianten: Gleichberechtigung der Geschlechter und sexuellen Orientierungen, der Religionsgemeinschaften, der ethnischen Gruppen etc.) und dies gleich noch im Erleben eines schwarzen Präsidenten als Niedergang und Dekadenz zu verstehen. Dann musst nur noch jemand kommen, um mit «America first» den alten Schlachtruf neu erklingen zu lassen.
c) Herr Roger Köppel: Darf ich Sie bitten, mir zu erklären, wo in unserer Schweizer Gesellschaft Anzeichen des Niedergangs und der Dekadenz vorhanden sind? Ich könnte dann besser verstehen, warum Sie so demagogisch-ausgrenzend argumentieren, dass ich sogar auf den Verdacht kommen muss, dass Sie den demonstrierenden Gymnasiasten gerne im Tianamen-Stil entgegentreten möchten.
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Karl Stadler sagt:
Ich bin in den Bergen und kann nur mit dem Handy antworten, was ein wenig beschwerlich und unpraktisch ist.
Sie haben ja über weite Strecken recht. Dennoch, es gibt schon zum Teil sehr verschiedene Lesarten von Platon, selbst von namhaften Platon-Spezialisten. Vor allem aber ist der junge, sokratische Platon nicht mit dem Platon zu vergleichen, der nach Syrakus pilgerte, von dort jedoch – es gibt manche Anzeichen dafür – sehr enttäuscht zurückkehrte, und wahrscheinlich nicht nur, weil er sich dort mit seiner Denkungsart nicht einmal im Ansatz durchsetzen oder Einfluss entfalten konnte.
Dass die Verlierer der Globalisierung im Rostgürtel an die amerikanische Regierung appellieren, vorerst einmal auch an die eigenen Leute zu denken, ist nicht nur naheliegend, sondern auch legitim. Und wenn man die Aussenhandelsbilanz zwischen China und den USA anschaut, kann das für eine gewisse Zeitspanne auch “America first” bedeuten. Im Grunde verfuhr China während der letzten 20 Jahren bei der Gestaltung seiner Wirtschaftsinteressen und -politik genau nach diesem Prinzip. Fragen Sie doch einmal Aussenhandelsspezialisten, die in diesem Gebiet tätig sind. Und schaut man auf die Innenpolitik eines Xi Jinping, der ein äusserst elegantes und bedächtiges Auftreten nach aussen demonstriert, und dessen Parteiapparat näher hin, dann müssen Sie dem Elefanten Trump gerade zehn “Heiligenscheine” überstülpen. Seit der Zeit, als anlässlich eines Staatsbesuches durch den damaligen chinesischen Staats-und Parteichef der Bundesrat, insbesondere die damalige Bundespräsidentin Ruth Dreyfuss, zusammengestaucht wurden wie Schulkinder, bloss weil gegenüber dem Bundeshaus auf einem Dach ein paar Tibeter für ihre Rechte demonstrierten, hat sich in der Volksrepublik politisch nichts, aber auch gar nichts geändert.
Zurück zu Platon: Das Schlimme war,
dass er glaubte, die Intellektuellen, vor allem die Philosophen, seien derjenige Berufsstand, der quasi sach- oder naturbedingt a priori zur geistigen Lenkung des Staatswesens oder der Gesellschaft berufen sei. Und er war weiss Gott nicht der einzige Denker dieser Art. Es gab auch im letzten Jahrhundert äusserst brillante Denker, die riesigen politischen Irrtümern anheim fielen, zum Teil in gänzlich verschiedene Richtungen. Der Jean Paul Sartre der “Kritik der dialektischen Vernunft”, der anno 1968 und anfangs der siebziger Jahren zusammem mit den Maoisten durch die Strassen von Paris zog, oder der Heidegger der Rektoratsrede anno 1933, sind beredte Beispiele dafür.
Dass Köppel ein scharfer Propagandist ist, darin sind wir uns gewiss einig. Allerdings: Auf der “aufgeklärten” Seite gibt es eben genauso selbstgerechte Scharfmacher, dass man meinen könnte, – übrigens ganz im platonischen Verständnis – sie allein wüssten um unser Heil Bescheid. Ich glaube nicht, dass Köppel, trotz seiner polarisierenden Art in der Politik, die demonstrierenden Gymnasiasten mit Gewalt verscheuchen möchte. Das entspricht kaum seinen Vorstellun gen und ich meine auch, keineswegs seinem Politikverständnis und seinem Denken. Aber dass Leute mit eher traditionellen oder mitb durchs hnittlich Lebensformen, eher stiefmütterlich mi ihren Problemen, zum Teil gar verächtlich von manchen Meinungsmachern behandelt werden, diese Meinung hat er vielleicht schon. Und vermutlich nicht gänzlich zu Unrecht.
Auch nicht, dass die CH und deren Gesellschaft einem dekadenten Drall und Sittenzerfall verfallen ist. Aber dass wir Gefahr laufen, zu viele souveräne Selbstbestimmung an zentralistische und technokratische Gebilde wie die EU zu verlieren, daran glaubt er wahrscheinlich und er ist da wahrscheinlich nicht der einzige, der politisch so denkt. Deswegen braucht jemand noch lange keine Affinitäten mit Tienamen oder mit Hitlers “Mein Kampf” aufzuweisen.
Ich besuchte vor wenigen Jahren einmal eine öffentliche Polit-Veranstaltung der SVP in Uri, und zwar, weil Christoph Blocher und Roger Köppel als Referenten angesagt waren. Ich wollte die beiden auch einmal live erleben. Nach dem offiziellen Teil steuerte ich gezielt auf Köppel zu und verwickelte ihn privat in ein Gespräch – nicht über Politik, das Thema damals war langweilig – nein, über David Hume und Immanuel Kant. Dieses Gespräch war viel interessanter als das offizielle Referat. Ich wusste nämlich, dass Köppel bei Hermann Lübbe über Hume gearbeitet hatte. Nein, seine Lesart von Hume, aber auch von Kant, schien sich in keiner Art zu unterscheiden von Interpreten, die eine freiheitliche Denkungsart für sich reklamieren.
Aber es gibt sicher keine Garantie, dass Philosophieren und angewandtes Politisieren innerhalb der gleichen Lebensform sich ideologisch immer als kongruent erweisen!
Stadler Karl sagt:
Herr Angehrn, ich habe eine Frage an Sie: Am 20. Mai leisteten Sie einen Blog- Beitrag unter dem Titel “Die Doktrin” und kamen dabei u.a. auf die Wochenzeitung “Die Tagespost” zu sprechen. Vorletzte Woche, am 29. Mai wurde mir ebenfalls ein Probe-Abo zugestellt, und gleichzietig dazu ein Schreiben, mit der genauen Adresse. Das erstaunt mich ein wenig. Ich war ein Leben lang nie Leser dieser Zeitung, hatte nie jemals irgendeinen Kontakt mit ihr und kannte dieses Presseorgan gar nicht. Wie kommt es, dass man da plötzlich angeschrieben wird und überdies noch mit der genauen Adresse? Und erst noch als Aussenstehender, der wahrscheinlich in dieser geistigen Landschaft eher quer liegen würde?
Heinz Angehrn sagt:
Lieber Herr Stadler
Das kommt mir nun doch etwas unheimlich vor. Darum die Geschichte in Kurzform ohne lange Sätze, aber mit der von Ihnen gewünschten Antwort. Zuerst zu der: Nein, ich kenne Ihre Privatadresse ja gar nicht, wir korrespondieren seit langem hier nur via den Blog, sonst nichts. Also hat jemand von der “Tagespost” sich die Mühe gemacht, Sie aufzuspüren, weil er/sie da bei uns mitliest (und sich anscheinend für Sie interessiert!).
Wie kam es zum Eintrag vom 20.05.? Die “Tagespost” widmete eine Ausgabe Ende April auch der Schweizer Kirche mit einem langen Interview mit Bischof Huonder weit vorne und einem Artikel über die katholische Medienlandschaft der Schweiz weit hinten, der auch mit einem längeren Abschnitt über die SKZ und deren Neuausrichtung. Dabei kam auch meine Person zur Sprache, dies mit dem launigen Kommentar, dass ich noch liberaler-kirchenkritischer als mein doch schon schlimmes Bistum St.Gallen sei und mit von der Kirche schwer zu akzeptierenden Haltungen “kokettiere” (so wirklich der Ausdruck, so was Blödes!). Ich kontaktierte meinen Redaktionskollegen (von der anderen Fraktion) Dr. Roland Graf, Domherr, und er empfahl mir, einen Leserbrief zu schreiben. Der wurde auch korrekt abgedruckt. Daraufhin beschloss ich, mir dieses spezielle “Kind” genauer anzusehen und löste die Option auf fünf Gratisnummern. So kam es zum Eintrag, den jemand genau gelesen haben muss, wie auch Ihre damalige Reaktion. So kamen Sie wohl auf die Liste, George Orwell lässt grüssen.
Was ich mich frage: Wer in der Deutschschweiz (das muss ein “Eigener” sein) liest, hört und intrigiert da mit? Warum sind wir unbedeutenden Wesen so viel Aufwand wert?
Karl Stadler sagt:
Herzlichen Dank für Ihre Anwort, Herr Angehrn. Ja, ich gehe mit Ihnen vollkommen einig, warum sind wir unbedeutenden Wesen so viel Aufwand wert? Aber ich schätze die Möglichkeit sehr, auf der virtuellen Ebene manchmal mit Ihnen zu diskutieren, selbst wenn wir nicht immer genau derselben Meinung sind. Das ist ja auch nicht notwendig. Aber im Zeitalter der digitalen Kommunikation ist es immerhin auch eine wertvolle Form des Meinungsaustausches und des sozialen Kontaktes. Und das tut immer gut!