Heinz Angehrn

Übergang gestalten

Wenn wir uns einig sind, dass sich unsere katholische Kirche in einem Transformationsprozess, einem der gewichtigsten seit der Konstantinischen Wende, befindet – das ist natürlich die Voraussetzung, denn wir könnten ja einfach die Augen schliessen und uns der Realität verweigern – dann stellt sich die Frage, wie die Aufforderung Paul Michael Zulehners, «den Übergang zu gestalten», angegangen werden könnte.

(Eine Vorbemerkung: Natürlich betrifft die Thematik auch die evangelische/n Kirche/n in ihrer mitteleuropäischen Form. Noch stärker als die unsere war sie staatstragende Institution, verschmolz förmlich mit dem Staat. Nirgendwo deutlicher zu sehen als in Grossbritannien. Aber diese Aufgabe ist nicht die unsere, die katholische Ausprägung war nie nationalstaatlich.)

«Katholische Realitäten»:
– Die Pfarrei und Kirchgemeinde Abtwil-St.Josefen, in der ich 26 Jahre wirken konnte, umfasste, als ich Ende 1992 kam, knapp 2’500 Mitglieder. Als ich 2018 ging, waren es dank gewaltigem Bauboom und Zuwanderung immer noch so viele. Jetzt sind es noch 1’900 Mitglieder, allein im annus horribilis mit dem Missbrauchsbericht traten fast 100 Menschen aus! Die Zahl der Taufen, sprich der «natürlichen Neueintritte», sinkt wie überall.
– Der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, erwähnte eben in seiner Predigt zum deutschlandweit übertragenen Allerheiligenfestgottesdienst im St.Hedwigs-Dom die Anzahl der Erwachsenentaufen in der zentralen Kirche der deutschen Hauptstadt. Im Verlauf eines Jahres waren es 200.
– Untersuchungen zur Glaubwürdigkeit von Institutionen zeigen, dass diejenige unserer Kirche in wenigen Jahrzehnten völlig zusammengebrochen ist. 65% aller Befragten in der Schweiz, aber auch 38% der Katholiken, bewerten sie als «negativ».

Gerade eben hat der Prior der Gemeinschaft in Taizé, Matthew Thorpe, hier bei kath.ch die skizzierte Entwicklung wie folgt kommentiert: «Wir leben in einer wunderbaren Zeit, denn die Kirchen verlieren an Macht, sie werden arm. Das ist eine unglaubliche Chance, wieder zum Sauerteig im Teig, zum Salz der Erde zu werden, das Evangelium wirklich zu leben." Ich pflichte ihm bei.
(Und ich lasse mir die Analyse auch nicht durch die vermiesen, die süffisant feststellten und feststellen, dass ich selber noch zu den Profiteuren der «Staatskirche» gehört habe. Ja ich kann nichts dafür, dass ich 1955 geboren wurde und alle 37 Jahre meines aktiven Dienstes eben in dieser Kirche gearbeitet habe. Meine Pfadfinder, die Jugendlichen in den Treffpunkten und meine Eltern, die aus Proletarier-Verhältnissen stammten, wissen, wo und wie ich damals «investiert» habe, das sollte genügen…)

Conclusiones also.

Das Geld wird uns später ausgehen aus als die hauptamtlich Tätigen – bei dieser Analyse sind sich Kirchenverantwortliche beider Säulen des dualen Systems in der Schweiz einig. Aber es sollten die noch reichlich vorhandenen materiellen Mittel nicht für Rettungsaktionen des Bisherigen, sondern in die Transformation investiert werden.

Das Gleiche gilt für den gesellschaftlich-politischen Bereich. Wir sind gut beraten, freiwillig-rechtzeitig auszusteigen (Bereiche wie Schule, Gesundheit, Armee etc.) und in all diesen Bereichen ehrenamtliche Tätigkeiten auf privater Basis aufzubauen.

Und schliesslich und wohl am wichtigsten: Hören wir auf, dem Zeitgeist hinterher zu laufen, der launisch-zufällig und häufig auch abstossend egoistisch-unethisch auftritt und besinnen wir uns auf unsere Wurzeln: die Botschaft Jesu vom Wachsen der baslileia tou theou. Salz der Erde, Licht der Welt, das sollen Christen/innen sein, nicht Mitläufer/innen.


| © privat: Alpe Gorda
23. November 2025 | 11:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
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4 Gedanken zu „Übergang gestalten

  • stadler karl sagt:

    Ich weiss nicht, wie weit es den Grund dafür bildet, dass die Kirche während einer gewissen Zeit “Staatskirche” – seit der konstantinischen Wende und insbesondere seit der Reformation – war und im Grunde immer noch ist, dass heute die Mitgliederzahlen stark im Schwinden begriffen sind. Die “Glaubwürdigkeit” hängt wahrscheinlich längst nicht allein davon ab, dass die Kirche, hierzulande innerhalb des dualen Systems, ihre Mittel mittels eines öffentlich-rechtlichen Steuersystems beschaffen darf. Dieser Umstand allein scheint mir persönlich eher nebensächlich zu sein. Und selbst wenn man aussenstehend ist und in der Jugend mit manchen kirchlichen Verantwortlichen im eigenen sozialen Umfeld grosse Differenzen austrug: Selbstverständlich hat diese Institution auch sehr grosse Verdienste vorzuweisen, nicht zuletzt gerade auch im Bildungsbereich. Natürlich gab es da auch gefährliche Schwachstellen wie Missbrauch oder allzu engstirnige “Glaubensvermittlung”. Aber über alles gesehen wurden der Jugend auch sehr viele wertvolle Impulse mitgegeben, die sehr wohl für spätere Lebensphasen sich als fruchtbar und brauchbar erweisen konnten. Impulse, die übrigens teils von eher progressiv denkenden Kräften genauso wie teils von eher konservativen vermittelt wurden. Meine Erfahrung jedenfalls war: Das Prädikat “progressiv” oder “konservativ” spielte im Grunde längst nicht immer eine so zentrale, nicht selten gar eine nebensächliche Rolle.
    Aber ein riesiges Problem der institutionellen Kirchen von heute wird sicher auch sein, dass die säkulare Gesellschaft heute, verglichen mit der Zeit vor sechzig Jahren, viel pluralistischer ausgestaltet ist, dies sowohl in ihrer kulturellen wie zum Teil auch in ihrer ethisch-moralischen Denkweise. Die Kirche wird mit ihrem normativen Wahrheitsanspruch da wahrscheinlich immer in einem enormen Spannungsverhältnis leben müssen, gerade auch heute, wo, so mein persönliches subjektives Empfinden, die Veränderungen gesellschaftlicher Wertvorstellungen, vielleicht auch ein wenig unter dem Einfluss der globalen digitalen Kommunikationswege, viel schneller und rasanter sich ereignen als früher. Und dieser Prozess, so will es scheinen, ist längst nicht einzig einem Glaubwürdigkeitsproblem der Kirche geschuldet. Ich weiss nicht, aber manchnmal befällt einen der Eindruck, dass es gar nicht immer zwingend die unglaubwürdigste Position zu sein braucht, wenn der Kirche ab und zu die Funktion eines erratischen Blocks in diesem rasanten Veränderungsfluss zukommt. Trotz oder gerade wegen der “Zeichen der Zeit”.

  • Den Kirchen weht ein kalter Wind entgegen. Was innerhalb von ihnen seit Jahrzehnten leider kaum angegangen wurde, ist ein Wechsel der Perspektiven auf ihren verschiedenen Leitungs-Ebenen. Wie sich jüngst eine ehemalige Mitarbeiterin darüber äussert, machte sie keinen Hehl daraus, dass sie sich nicht etwa frühzeitig, sondern rechtzeitig aus ihrem Berufsfeld zurückgezogen habe. Sie war immer wieder subtil ausgeübtem Mobbing durch ihre Vorgesetzten ausgesetzt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich davon vernehmen muss. Mein Fazit: Es wird sich – auch durch die jetzt vielbemühte Synodalität – wenig ändern, wenn nicht grundlegende Änderungen der Einstellungen im Führungsverhalten (auf allen Ebenen) erfolgen. Es ist unmöglich geworden, alles mit einem Top-Down-Gehorsams-Spiel bewältigen zu wollen. Die Entscheidungs-Vollmachten der römischen Kirchenverwaltung eingeschlossen, braucht es eine spirituell von allen mitgetragenen Demokratisierung im System, welche die Menschen vor Ort einbezieht. Ehrenamtlichkeit gepaart mit deren Förderung und Wertschätzung ist nur ein erster Schritt, um den Turnaround einzuleiten… Was zwischenmenschlich sich nicht ändert, wird auch organisatorisch nicht greifen. Und wie sich kirchliche Leadership einst anfühlte, kann meiner Skizze auf meiner Website entnommen werden. Weiterdenken und Weiterhandeln sind mehr als erwünscht…

    https://www.academia.edu/129892430/Kirchliche_Leadership_in_Zeiten_der_Transformation

  • stadler karl sagt:

    Im Zusammenhang mit Ihrem derzeitigen Blogbeitrag ging mir vor kurzem noch folgendes durch den Kopf: Wenn man sich vor Augen hält, welche Auseinandersetzungen in der Philosophie, nicht zuletzt in der neuzeitlichen, aber auch in der modernen des 20. Jahrhunderts, so beispielsweise in der analytischen Philosophie, sich ereigneten, so erscheint es ein Stück weit naheliegend, dass solche geistigen Auseinanderetzungen nicht ohne zumindest indirekte Auswirkungen auf die Gesellschaft bleiben.

    Stellvertretend für viele solcher Beispiele möge folgendes angeführt werden: Hans-Johann Glock hat an einer Stelle seines Buches “Was ist analytische Philosophie” einige Lehren und Meinungen, soweit sie das Wesen der Logik betreffen, beispielhaft auf konzise Weise abgehandelt.
    Da werden in der Philosophie psychologistische Auffassungen über das Wesen der Logik vertreten, denen die Vorstellung gemeinsam ist, dass logische Gesetze “beschreiben”, wie der Mensch im Grunde denkt, dass also in der Logik die grundlegenden geistigen Operationen “beschrieben” werden und dass diese Operationen durch die “Natur” des menschlichen Geistes oder Verstandes bestimmt werden. Aufgrund solcher Überzeugungen wird von manchen Vertretern eines psychologistischen Ansatzes für die Logik diese als ein Teilgebiet der Psychologie verstanden. Da wird etwa behauptet, dass die logischen Gesetze der Introspektion zugängliche Prozesse seien. Oder es wird dargetan, dass das menschliche Denken in seiner Struktur und seinen Operationen von der kontingenten Natur des menschlichen Geistes bestimmt seien und daher einen Gegenstand der empirischen Psychologie darstellen würde. Es sei nicht die Logik, sondern vielmehr die Psychologie die grundlegendere Wissenschaft. Allen diesen Richtungen ist jedoch gemeinsam, und das ist das Entscheidende, dass Logik etwas rein Physiologisches sei, also etwas, das mit Prozessen im neuroanlen System erklärt werden könne.
    Völlig im Gegensatz zu solchen psychologistischen Ansätzen wies Gottlob Frege – bekanntlich ein sehr wichtiger Vertreter und Pionier der modernen formalisierten Logik – darauf hin, dass die logischen Gesetze gerade nicht “beschreiben”, wie der Mensch tatsächlich denkt, wie in psychologistischen Auffassungen über die Logik behauptet wird, sondern dass logische Gesetze vielmehr “vorschreiben”, wie gedacht werden soll. Sie seien in einem strengen Sinn “notwendige” und “objektive ” Gesetze des “Wahrseins” und nicht kontingente Gesetze des “Fürwahrhaltens”. Während Psychologie eine empirische Wissenschaft sei, die sich mit dem individuellen Denken befasst, sei die Logik eine apriorische Disziplin, die ausserhalb der menschlichen Natur und Erfahrung liegende Prinzipien zum Gegenstand habe. Es müsse klar unterschieden werden zwischen dem Denken als einem subjektiven Akt und einem Gedanken als dem objektiven Inhalt eines solchen Aktes. In der diesbezüglichen Beurteilung des Wesens der Logik stehen der Auffassung Gottlob Freges übrigens teilweise auch Bertrand Russel, George Edward Moore, Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap nahe.
    Wenn man also allein schon bedenkt, dass in der Philosophie Uneinigkeit darüber besteht, ob sich die Logik auf Naturgesetze neuronaler Prozesse reduzieren lässt oder ob der Logik apriori der Stellenwert von Prinzipien zukommt, die allein und vor aller induktiver Erfahrung imstande sind, Aussagen oder Propositionen einen Wahrheitswert zuzuordnen und sie daher als eine tragende Entscheidungsbasis menschlicher Vernunft erscheinen lässt, der Vernunft, die seit Jahrtausenden als die Fähigkeit gesehen wurde und immer noch wird, welche den Menschen abhebt von den übrigen Lebewesen, ja den Menschen in anthropozentrischer Hybris gar glauben lässt, er, der Mensch, sei Ziel und Zweck der gesamten Evolution, so erscheint es doch natürlich, dass solch entgegengesetzte theoretische Strömungen betreffend eines entscheidenen Teilaspektes der Vernunft früher oder später auch auf verinnerlichte Menschenbilder, auf Entwicklungen von ethisch-moralischen Wertvorstellungen und vor allem auf deren Geltungbegründungen Einfluss nehmen können.
    In solchen durch sich entgegensetzte Theorien aufgefächterten gesellschaftlichen Atmosphären lässt sich auch erahnen, dass die Stellung der Kirche mit ihrem einerseits dogmatischen, aber teilweise auch nornativen Wahrheitsanspruch verstärkten Begründungserwartungen unterworfen ist. Dies umso mehr, als es die mehr oder weniger homogenen und kulturell geschlossenen Gesellschaften inzwischen längst nicht mehr gibt. Vielleicht sind solche kulturell-geistigen Wirkungsmomente für ein Schwinden der Mitgliederzahlen nicht weniger verantwortlich als die aktuellen innerkirchlichen Auseinandersetzungen und Konflikte. Zumindest wenn man die Gelegenheit hat, mit jungen Menschen ab und zu diskutieren kann, drängt sich einem persönlich dieser Eindruck ein wenig auf.
    Das muss jedoch keineswegs zwingend bedeuten, dass nicht dennoch weiterhin ein weit verbreitetes Bedürfnis nach religiöser Geborgenheit oder Orientierung in irgendwelchen Formen vorhanden sein kann.
    Manchnmal will es scheinen, als sei das Verständnis von Religion als eine sinnstiftende Bewältigungsmöglichkeit der je eigenen Zufälligkeit etwas vom schwierigsten. Und je älter man wird, umso schwerer zu fassen ist es, in was der Inhalt eines solchen Verständnisses eigentlich bestehen könnte.

  • Daniel Ric sagt:

    Herr Angehrn wirft eine wichtige Frage auf. Wollen wir die Zukunft und einen Neubeginn gestalten oder den langsamen Niedergang verwalten? Zurzeit betreiben die Landeskirchen und die deutschsprachigen Bistümer eine Verwaltung, welche diejenigen Kräfte in der Kirche, die bereit sind, neue Wege zu gehen/riskieren, lähmen. Mit neuen Wegen meine ich vor allem den Versuch, die Kirche organisatorisch neu zu gestalten. Der Tod der Volkskirche, der wahrscheinlich schon vor 50 Jahren erfolgte, zwingt uns dazu, unser Verständnis von Kirche zu ändern. Der einzelne Katholik kann nicht mehr einfach anonym in der Masse bleiben, sondern muss aktiv versuchen, das Evangelium im Alltag mit Gleichgesinnten zu leben. Ich erachte diese Zeit als sehr grosse Chance. Falls die Bistümer bereit wären, diese Realität anzuerkennen und die nötigen Reformen einzuleiten, müsste meines Erachtens die konsequente Trennung von Kirche und Staat erfolgen. Nur eine arme und unabhängige Kirche wird glaubwürdig sein. Zudem müsste das Territorialprinzip der Pfarreien aufgeweicht werden, damit sich Zentren bilden können, in denen Katholiken Sonntag für Sonntag und auch anderen Tagen zusammenkommen, um die Sakramente zu empfangen und ein authentisches Glaubensleben (samt Diakonie) zu pflegen. Persönlich glaube ich aber nicht, dass die Bistümer ohne Druck der Laien die Vorstellung einer Volkskirche aufgeben werden. Zu viel Macht und Prestige ist damit verbunden. Es braucht daher Laien, die selbständig neue Strukturen aufbauen, die der Zukunft der Kirche dienen. Ich meine damit nicht, dass eine Klerikalisierung der Laien stattfinden soll, sondern dass Laien mit Priestern gemeinsam neue Modelle der zukünftigen Kirche aufbauen müssen.

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